Geister der Vergangenheit, Geist der Gegenwart. Das Berliner Humboldt Forum und der Palast der Republik

Judith Prokasky, Rheinländerin, promovierte Kunsthistorikerin und Kuratorin, ist seit Anfang 2014 für die Stiftung Humboldt Forum in Berlin tätig. Sie hat Publikationen zu politischer Ikonografie, Bildern der Gewalt, Filmexil, Denkmälern und Erinnerungsorten veröffentlicht.

Judith Prokasky

„Ein Geistermoment ist ein Augenblick, in dem der Lauf der Geschichte gewaltsam unterbrochen wird. Dabei entstehen Fragmente der Geschichte, die nirgendwo hingehören, da sie von einem Sturm aus dem Land des Vergessens verstreut werden und schließlich in einen instabilen Kreislauf zurückwirbeln und uns darin einhüllen.“ (Chen 2024: 213)

An wenigen Orten in Deutschland haben sich gesellschaftliche, städtebauliche, politische und kulturelle Entwicklungen so verdichtet wie auf dem sogenannten Schlossplatz. Hohenzollernschloss, Aufmarschplatz, Palast der Republik, Kulturbaustelle – hier inszenieren seit dem Mittelalter Mächtige ihre politischen Visionen und hier artikuliert die bürgerliche Öffentlichkeit ihre Proteste, ob nun 1848, 1918, 1989 oder nach 1990 in den Debatten um den Palast der Republik und das Humboldt Forum.

Schloss statt Palast: das Humboldt Forum

Heute, so sagen viele, würde man den Palast der Republik nicht mehr abreißen. Der Zeitgeist und die Machtverhältnisse nach dem Mauerfall waren allerdings anders: Deutschland war gerade wiedervereint und Berlin als Hauptstadt beschlossen, da errichtete der Unternehmer Wilhelm von Boddien 1993 vor dem leerstehenden Palast der Republik eine Schlosskulisse aus Bauplanen. In den folgenden Jahren fand die Idee eine große Anhängerschaft, kritische Stimmen hatten es hingegen schwer (zu den Diskussionen vgl. Dolff-Bonekämper 2021, Flierl 2010). 2002 beschloss der Deutsche Bundestag den Bau des Humboldt Forums als Museums-, Wissens- und Begegnungszentrum in der teilweisen Anmutung des Berliner Schlosses. 2006 bis 2008 erfolgte der Abriss des Palasts der Republik, der zuvor unter dem Titel „Volkspalast“ eine kurze Blüte als Ort für avantgardistische Kunst und Kultur erlebt hatte. Ein Graffito nahe den Fundamentresten kommentierte „Die DDR hat’s nie gegeben“.

„Palastskulpturen“: Fassadenskulpturen des Berliner Schlosses vor dem Palast der Republik, Berlin, 1994 © Christian von Steffelin, Stiftung Humboldt Forum, Sammlungsobjekt SHF1435.

Die 2009 gegründete Stiftung Humboldt Forum, die für den Bau und Betrieb des Humboldt Forums verantwortlich wurde, verankerte in ihrer Satzung, dass es einen eigenen Bereich zur Geschichte des Ortes brauche. Dieses Gebäude war offenbar erklärungsbedürftig. 2013 war erstmals eine Kuratorenstelle ausgeschrieben. Als ich diese Tätigkeit begann, standen die Konzeption und Einrichtung der Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes im Vordergrund. Es folgten Veranstaltungen, Forschung, Publikationen und schließlich der Aufbau einer eigenen Sammlung. 2017 regten wir mit dem Symposium „Palast der Republik. Ein Erinnerungsort neu diskutiert“ dazu an, bis dato eingelagerte Ausstattungsgegenstände zu sichten, um sie in Archive und Museen zu überführen.

Fast dreißig Jahre nach der ersten Idee, das Berliner Schloss zu rekonstruieren, eröffnete das Humboldt Forum 2021 seine Pforten. Es vereint – für alle Beteiligten wie Publikum verwirrend – mehrere Institutionen unter einem Dach: die Stiftung Humboldt Forum, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – Staatliche Museen zu Berlin mit dem Museum für Asiatische Kunst und dem Ethnologischen Museum, die Humboldt-Universität sowie derzeit noch das Stadtmuseum Berlin. Das Gebäude umfasst Dauer- und Wechselausstellungsbereiche, Veranstaltungssäle, die kostenfrei zugänglichen „Werkräume“, drei Cafés und eine Dachterrasse. 2024 zählte das Haus mehr als drei Millionen Besuche.

Der Palast: vergangen oder gegenwärtig?

Das Humboldt Forum ist Kulturinstitution und Projektionsfläche zugleich. Der Bau, seine Entstehung und seine Nutzung werfen Fragen auf. Der Stiftungsbereich „Geschichte des Ortes“ sieht es als seine Aufgabe, vergessene Kapitel, vernachlässigte Fragen und wenig wahrgenommene Perspektiven sichtbarer zu machen, insbesondere seit der Fertigstellung des Humboldt Forums. Hatte man in den Rohbau noch vielerlei Bilder hineinprojizieren können, so erscheint das vollendete Gebäude sehr konkret als Schloss. Wem die Vorgeschichte fehlt, der könnte meinen, es stehe hier schon seit Jahrhunderten.

Unter uns Kurator*innen wuchs daher der Wunsch, zu dieser Architektur zumindest inhaltlich ein Gegengewicht zu verschaffen und dem Palast-Thema mehr Raum zu geben. Anfang 2020 gab der Intendant der Stiftung Humboldt Forum grünes Licht für einen mehrjährigen Programmschwerpunkt, der von April 2022 bis Februar 2025 öffentlich ausgespielt wurde. Der Programmtitel „Der Palast der Republik ist Gegenwart“ wurde hausintern kontrovers diskutiert: Er provozierte Emotionen und setzte sich damit durch.

Der Palast war vergangen. Sein Abriss hatte ihn zum Symbol für den Umgang der neuen Bundesrepublik mit der DDR-Vergangenheit gemacht. Für viele Menschen war und ist er mit Gefühlen der Entwertung der eigenen Biografie und des Verlustes verbunden. „Erst reißen Sie den Palast ab und dann wollen Sie an den Palast erinnern!?“ – mit dieser Aussage wurden wir sehr oft konfrontiert. Dass ausgerechnet das Humboldt Forum den Palast der Republik zum Thema machte, schien manchen Menschen als bitterer Hohn. Auch wenn wir als Angestellte der Stiftung Humboldt Forum nicht für den Abriss des Palastes verantwortlich waren, verstanden wir die Logik der Vorstellung, dass der Palast der Republik für den Bau des Humboldt Forums abgerissen wurde.

Reflexion und Teilhabe – die Programmarbeit

Für unsere Programmarbeit bedeutete das, dass wir uns immer wieder selbst befragten: Wer bin ich, wo komme ich her, in welcher Rolle spreche ich hier? Und zugleich fragten: Wer darf sprechen, wer wird gehört, wessen Perspektive zählt? Und wie können wir fehlende Positionen kompensieren? Wie können wir die Menschen beteiligen, zu deren Leben der Palast der Republik – ob nun in Zu- oder Abneigung – einstmals gehört hatte? Wir als Kurator*innen schauten auf „die Ostdeutschen“, die umso heterogener wurden, je genauer wir hinschauten. Eine große Bandbreite an Herkunftsorten, generationellen Prägungen, politischen Überzeugungen, familiären und beruflichen Werdegängen tat sich auf. Letztlich wurde uns bewusst, dass der Palast der Republik länger in der Bundesrepublik Deutschland als in der DDR gestanden hatte. Wir wollten alle Phasen in den Blick nehmen – den Palast der Republik als viel besuchten Repräsentationsbau der DDR von 1976 bis 1990, den Ort des demokratischen Wandels 1989/1990, den „Volkspalast“ im asbestsanierten Rohbau und das „Phantom“ nach dem Abriss – um über Erfahrungen in der DDR, in der Transformationszeit und im vereinten Deutschland zu sprechen.

Die Drohnenaufnahme zeigt das Humboldt Forum im Mai 2024 von Osten mit den markierten Außenmaßen des Palasts der Republik © Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Drohnenaufnahme: Boheifilm

Ein Programmteam mit Kolleg*innen aus verschiedenen Stiftungsbereichen gestaltete zusammen mit einer Agentur einen mehrmonatigen Design-Thinking-Prozess, um zu erkunden, welche Bedürfnisse das Publikum haben könnte. Dafür fragten wir rund dreißig Menschen zwischen 13 und 65 Jahren aus acht Herkunftsländern, die ein breites Spektrum von Sichtweisen repräsentieren sollten. Viele äußerten den Wunsch, selbst gehört zu werden und das Programm mitzugestalten.

Austausch und Einbezug bildeten im Folgenden die wesentlichen Anker unserer Programmarbeit. Wir suchten das Gespräch mit Kolleg*innen in und aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa, wo bis heute zahlreiche Kulturpaläste aus der Zeit des Staatssozialismus stehen, während sich die nationalen Narrative massiv verändert haben. Wir gaben Recherchen in Auftrag und arbeiteten mit zahlreichen Museen, Archiven, Gedenkstätten, Forschungsinstituten und Universitäten zusammen. Wir machten Exkursionen, holten uns Impulse von Fachleuten, erstellten ein Glossar sensibler Begriffe (wie etwa „Wende“) und diskutierten unsere Arbeit mit zwei Gremien. Über achtzig professionell geführte Audio- und Videointerviews befragten Menschen, die den Palast der Republik erbaut, gestaltet, bespielt, besucht, kritisiert, boykottiert, propagiert oder abgerissen hatten. Einen Einblick in das wissenschaftliche Projekt „Erinnerungsarbeit im Humboldt Forum“ bietet die dazugehörige Website. Bei vielen Begegnungen begleitete uns das deutsch-deutsche Künstlerinnen-Duo graphicrecording.cool, die Gespräche und Erzählungen live in rund siebenhundert Zeichnungen fassten.

Zeichnung, entstanden im Rahmen der kuratorischen Arbeit des Programmschwerpunkts „Der Palast der Republik ist Gegenwart“, Mai 2023 © graphicrecording.cool (Johanna Benz, Tiziana Beck) / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

Welche Erfahrungen machten wir im Laufe unserer Arbeit? Mehrfach entschieden sich Menschen dagegen, mit uns zu sprechen oder brachen den Kontakt ab: sei es aus einer kritischen Haltung gegenüber dem Humboldt Forum oder unserer Herangehensweise, aus Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema oder aus Zeit- und Kraftmangel. Wir versuchten, uns diese „abwesenden“ Stimmen immer wieder bewusst zu machen, neue Wege zu finden, um Menschen zu beteiligen und möglichst viele Geschichten weiterzugeben. In einem Blog publizierten über vierzig Autor*innen; eine Buchpublikation vereinte wissenschaftliche ebenso wie künstlerische Positionen und gab vielfältigen Erinnerungen Raum. Die im Mai 2024 eröffnete Sonderausstellung „Hin und weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart“legte einen Schwerpunkt auf private Leihgaben und individuelle Erinnerungen; zudem lud sie das Publikum zu Kommentaren ein: Die Besucher*innen beschrieben 9.330 Antwortkarten, 350 qm Wandpaneele und fünf Gästebücher. Für das Theaterspektakel „Bau auf! Bau ab!“inszenierten über Hundert Mitwirkende aus der Stadtgesellschaft das Humboldt Forum vom Keller bis zum Dach als „Palast der Republik“. Die Veranstaltungsreihen „Palast-Treff“ und „Palast-Bar“ brachten Special Guests und Besucher*innen zusammen. Auf zwei Symposien präsentierten sich Projekte, die das baukulturelle Erbe der DDR neu denken und bespielen.

Gespräche und Sandkörner

Wir waren überwältigt von dem riesigen Mitteilungsbedürfnis. Wir spürten: Der Palast der Republik ist mehr als ein Symbol der Vergangenheit. Die Diskussionen über den Palast spiegeln ebenso die Veränderungen in Deutschland seit dem Ende des Kalten Krieges wider wie die aktuellen Bruchstellen unserer Gesellschaft. Die Gretchenfrage „Wie hältst du’s mit dem Palast?“ ermöglichte uns, mit den unterschiedlichsten Menschen über Herkunft, Identität und emotionale Bindungen ins Gespräch zu kommen. Die Geschichten waren oft sehr persönlich und unterliefen Klischees. Wir sind dankbar, dass sich so viele Menschen die Zeit nahmen, sich uns zu öffnen. Offenbar konnten wir glaubwürdig vermitteln, dass wir sie als Erfahrungsexpert*innen wertschätzen würden.

Womöglich ist das Humboldt Forum gerade in seiner Ambivalenz – mit „Palastwanne“ im Untergrund und Kuppelkreuz in der Höhe – ein passender Ort, um über gesellschaftliches Miteinander zu sprechen. Anders als Institutionen, die sich per Definitionem moralisch auf festem Boden stehend empfinden, steht das Humboldt Forum in mancherlei Hinsicht auf schwammigem Grund. Das kann uns als Mitarbeitende dazu anspornen, Widersprüchliches auszuhalten oder bewusst zusammenzubringen. In einem Haus, das vielen Forderungen genügen und möglichst reibungslos „funktionieren“ soll, können und sollten wir Mechanismen hinterfragen, Sand ins systemische Getriebe streuen und produktive Störungen herstellen, um überraschende Sichtweisen und Annäherungen zu ermöglichen.

Als einstige Leiterin des mehrjährigen Programmschwerpunktes „Der Palast der Republik ist Gegenwart“ danke ich dem gesamten Team und allen, die das Programm (und diesen Text) ermöglicht haben.

Literatur

Chen, Shuyu: Verratene Revolution, in: Stiftung Humboldt Forum (Hrsg.): Hin und weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart, Leipzig 2024, S. 211–213.

Dolff-Bonekämper, Gabi: Der Streitwert der Denkmale. Berliner Texte 2009-2019. Eine Auswahl, Berlin 2021.

Flierl, Bruno: Berlin – Die neue Mitte. Architektur und Städtebau seit 1990, Berlin 2010.

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