Bildungsarbeit an einem Ort mit mehrfacher Vergangenheit. Ein Erfahrungsbericht aus der Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam
Michael Siems
„Hallo, bin ich da richtig beim Stasigefängnis? Ich würde gern eine Führung für meine Schulklasse buchen.“ Die Frage der Lehrerin am Telefon ist freundlich und beiläufig, sie hatte sicher nicht vor, mich zu einer längeren Stellungnahme über unser institutionelles Selbstbild und meine Rolle als Gedenkstättenpädagoge herauszufordern. Aber ich arbeite doch nicht in einem Gefängnis, und schon gar nicht für die Stasi. Ich arbeite in einer Gedenkstätte, die den Auftrag hat, über Haft und Verfolgung in der NS-Diktatur, der sowjetischen Besatzungszeit und in der DDR zu informieren. Und, als sei das noch nicht komplex genug, auch über die demokratiegeschichtliche Tradition des Ortes in der Friedlichen Revolution 1989/90. Wie vermittle ich das nun knapp und präzise für eine Lehrerin, die nur wissen wollte, ob sie denn die richtige Nummer gewählt hat? „Ja, Sie sind hier richtig“, antworte ich schließlich, ohne damit so recht glücklich zu sein. Wir buchen eine Führung für ihre 10. Klasse. Alles Weitere müssen wir dann vor Ort klären.
Die Gedenkstätte Lindenstraße befindet sich in einem Gebäudekomplex im Stadtzentrum Potsdams, dessen ältester Teil bereits zwischen 1734 und 1737 als barockes Stadtpalais gebaut wurde. Später richtete die erste gewählte Stadtverordnetenversammlung hier ihren Sitzungsort ein, bevor 1820 das Stadtgericht mit angeschlossenem Gerichtsgefängnis einzog. Damit begann eine Nutzung als Gerichtsort, die bis in die 1950er Jahre andauerte, und eine Zeit als Haftort, die erst mit der Friedlichen Revolution 1989/90 endete.
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Außenansicht der Gedenkstätte Lindenstraße, Potsdam, 2025 © Günther Schneider / Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße
Haft und Verfolgung in unterschiedlichen Diktaturen
Nicht lange nach Beginn der NS-Diktatur nahm 1934 das Potsdamer „Erbgesundheitsgericht“ seine Tätigkeit in der Lindenstraße auf. Es ordnete in den folgenden Jahren die Zwangssterilisation von mindestens 3.300 Menschen wegen angeblicher Erbkrankheiten an. Darüber hinaus wurden Opfer der NS-Strafjustiz dort inhaftiert und verurteilt, etwa Zwangsarbeiter*innen aus besetzten Ländern, denen Delikte wie „Arbeitsvertragsbruch“ oder kleinere Diebstähle zur Last gelegt wurden. Einheimische, darunter viele Frauen und Mädchen, wurden wegen „verbotenen Umgangs“ oder „Rassenschande“ inhaftiert, weil sie romantische Beziehungen zu Zwangsarbeitern oder Kriegsgefangenen hatten. Jüdische Menschen oder solche mit jüdischen Vorfahren wurden inhaftiert, wenn sie gegen die zahllosen Gesetze und Verordnungen verstießen, die ihnen immer unerträglichere Lebensbedingungen auferlegten. Auf die legalistisch begründete Verfolgung durch die Gerichte folgte für sie anschließend oft die Deportation in Konzentrations- oder Vernichtungslager. In den letzten Jahren der NS-Diktatur waren auch Angeklagte des Volksgerichtshofs in der Lindenstraße in Haft, die vielfach zu drakonischen Zuchthausstrafen oder zum Tode verurteilt wurden.
Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes übernahm im Sommer 1945 die sowjetische Geheimpolizei den Gebäudekomplex. Die folgenden Jahre standen in einem Spannungsverhältnis zwischen Entnazifizierung und Durchsetzung der stalinistischen Diktatur. Das beleuchtet aktuell die Sonderausstellung „Das graue Elend von Potsdam. Sowjetischer Haft- und Tribunalort Lindenstraße 1945–1952.“ In dieser Zeit waren in der Lindenstraße frühere Funktionsträger aus NSDAP und SS sowie NS-Kollaborateure aus verschiedenen Ländern inhaftiert, gleichzeitig aber auch demokratische Aktivist*innen, unter falschen Verdächtigungen festgehaltene Jugendliche sowie Displaced Persons, die im beginnenden Kalten Krieg oft allein ihrer Herkunft wegen unter den Verdacht der Spionage gerieten. Sowjetische Militärtribunale verurteilten die Angeklagten zu langen Haft- und Lagerstrafen und in vielen Fällen auch zum Tode, wobei keine rechtsstaatlichen Grundsätze eingehalten wurden.
Im Anschluss an die sowjetische Nutzung übernahm 1952 das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) das Gebäude und nutzte es bis Ende 1989 als Untersuchungsgefängnis. Während die Behörde in den 1950er Jahren, ebenso wie zuvor die sowjetische Geheimpolizei, viele Menschen wegen angeblicher Spionage verhaftete, verschob sich der Fokus nach dem Mauerbau 1961 zunehmend auf die Kriminalisierung von Flucht- und Ausreisebestrebungen. Darüber hinaus verfolgte das MfS über den gesamten Zeitraum Menschen, die von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hatten, etwa durch die Verbreitung von Flugblättern, Graffiti oder die Teilnahme an Demonstrationen. Sie wurden in den frühen Jahren nicht selten unter Gewaltanwendung, später vor allem durch Isolationshaft und manipulative Verhörpraktiken ohne Rechtsbeistand zu Geständnissen und zur Preisgabe von Informationen gedrängt, um anschließend Gerichtsverfahren und Haftstrafen damit zu begründen.
Im Zuge der Friedlichen Revolution zogen Bürger*inneninitiativen und oppositionelle Gruppen wie das Neue Forum und die SDP in die früheren Büros der Staatssicherheit ein. Sie nutzten den Ort unter anderem als Beratungsstelle und als Organisationsraum für den demokratischen Neuaufbau, machten ihn aber im Januar 1990 auch erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.
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Besuchende im ehemaligen Gefängnis Lindenstraße, Potsdam, 21. Juli 1990 © Eberhard Thonfeld / Gedenkstätte Lindenstraße
Auf dem Weg zur Gedenkstätte
Im Jahr 1995 erhob die Stadt Potsdam das Areal zur Gedenkstätte. In den folgenden Jahren etablierten unterschiedliche Träger, darunter das Potsdam Museum und die von einer abgeordneten Lehrerin betriebene „Projektwerkstatt Lindenstraße 54“, schrittweise Bildungsarbeit am Ort. Die beiden staatlichen Akteure wurden dabei jeweils eng von zivilgesellschaftlichen Gruppen begleitet und unterstützt. Inhaltlich stand zunächst besonders die jüngste Nutzungsphase im Vordergrund. Zahlreiche Menschen aus Potsdam und der Region hatten das „Stasigefängnis“ als Inhaftierte erleben müssen oder hatten unwissentlich über Jahre in der Nachbarschaft der Geheimpolizei gewohnt und wollten nun erfahren, was hinter der täuschend harmlosen Fassade vorgegangen war. Noch weitgehend in Ermangelung einer Forschungsbasis über die Geschichte des Ortes waren die Berichte von Zeitzeug*innen lange die einzige zugängliche Quelle, Gespräche mit ihnen dementsprechend das zentrale Bildungsangebot.
Erst in den 2000er Jahren begann eine Forschungstätigkeit, die das historische Wissen über den Ort auf eine zweite Säule neben die Zeitzeug*innenarbeit stellte. Sie nahm auch die länger zurückliegenden Nutzungsphasen in den Blick. Im Rahmen zahlreicher Forschungs- und Ausstellungsprojekte, bei denen das in Potsdam ansässige Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung eine zentrale Rolle spielte, entstand bis 2013 eine modular aufgebaute Dauerausstellung. Die Ausstellung und die zugrunde liegende Forschung ist bis heute eine wichtige Grundlage für die Vermittlung der Geschichte nationalsozialistischer Verfolgung am Ort.
Im Laufe dieses Prozesses traten Konflikte über die Ausrichtung der künftigen Gedenkstättenarbeit und die am Ort abgehaltenen Gedenkveranstaltungen auf. Sichtbarer Anlass für Kritik war, dass auch aufgrund der Aufteilung in mehrere Projekte mit unterschiedlichen Fördermittelgebern die Ausstellungsmodule nicht zeitgleich fertiggestellt wurden. Erste Teile der Ausstellung über die Zeit der Nutzung durch die sowjetische Geheimpolizei und das MfS der DDR entstanden bereits 2007, bis Frühjahr 2012 wurde der Abschnitt umfangreich ergänzt. Erst im Herbst 2013 folgte das Ausstellungsmodul zur Geschichte des Hauses in der NS-Diktatur. Die Gedenkstätte war folglich für einen relativ langen Zeitraum vorrangig als ehemalige Haftanstalt in der SED-Diktatur erschlossen.
Angesichts dieser Schieflage stellten Teile der lokalen Zivilgesellschaft auch die bisherige Praxis der Gedenkveranstaltungen infrage. Seit 1996 fanden am 27. Januar als internationalem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus im Innenhof des Gebäudekomplexes Gedenkstunden statt, seit 2003 wurde auch mehrfach am 17. Juni das Gedenken zu Ehren der Opfer des Volksaufstands 1953 begangen. Die Nutzung eines Ortes für die zwei in ihren Opferzahlen und Kontexten so unterschiedlichen Gedenkanlässe war bereits in früheren Jahren von Teilen der Zivilgesellschaft kritisiert worden. Durch diese scheinbare Verschiebung der Gedenkstätte hin zu einem Gedenkort an die SED-Diktatur zog sich unter anderem die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) von der offiziellen Gedenkveranstaltung zurück. Sie richtete 2012 vor dem Gebäude eine zweite inoffizielle Gedenkstunde aus. Obgleich diese Konflikte nach der Eröffnung des Ausstellungsmoduls zur NS-Geschichte und im Zuge der zunehmenden Professionalisierung der Gedenkstätte in den folgenden Jahren abflauten, sind Spuren davon noch immer in die Potsdamer Erinnerungskultur eingeschrieben. So finden am Holocaustgedenktag inzwischen zwei offizielle Gedenkveranstaltungen statt: In der Gedenkstätte Lindenstraße sowie im Stadtteil Babelsberg auf dem 2011 nach dem Auschwitzüberlebenden und langjährigen VVN-Mitglied benannten Willi-Frohwein-Platz.
Historische Komplexität als Herausforderung
Die 2015 gegründete Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße achtet darauf, dass Forschungs-, Ausstellungs- und Bildungsprojekte regelmäßig alle Perioden der Hausgeschichte adressieren. Dabei pflegt die Leitung einen Austausch mit vielen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, denen oft jeweils eine bestimmte Zeitschicht besonders wichtig ist. Hierbei gilt es, respektvoll mit den Bedürfnissen insbesondere der früheren Inhaftierten und deren Nachkommen umzugehen, gleichzeitig aber auch zu vermitteln, dass nicht alle Erwartungen erfüllt werden können. Im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit stand in den letzten Jahren die Suche nach einer Außendarstellung im Mittelpunkt, die einerseits attraktiv für ein möglichst breites Publikum ist, andererseits dem Auftrag der Stiftung gerecht wird. Ein Branding als „Stasigefängnis“ wäre dabei zwar erfolgversprechend im Hinblick auf Einprägsamkeit und Suchmaschinenoptimierung, würde aber der Komplexität der Geschichte des Ortes nicht gerecht.
In der Bildungsarbeit der Gedenkstätte wurden lange vor allem sogenannte Überblicksführungen eingesetzt, deren Ziel es war, die Geschichte des Ortes umfassend und gewissermaßen vollständig zu vermitteln. Dies schien auch mir lange sinnvoll, wenn nicht nachgerade notwendig: Schüler*innen, die sich hier mit der Haft beim MfS auseinandersetzen, sollten doch auch erfahren, dass an diesem Ort bereits in der NS-Diktatur Menschen inhaftiert und zu unmenschlichen Strafen verurteilt wurden. Doch in der Praxis zeigte sich, dass die Überblicksführungen zu oft weder den verschiedenen Diktaturen und ihren Opfern gerecht werden konnten, noch den Bedarfen der Besucher*innen. Vor allem bei Schüler*innen führte die thematische Breite in vielen Fällen zu Überforderung, im schlimmsten Fall zu erheblichen Missverständnissen über die jeweiligen Merkmale des NS-Regimes und der SED-Diktatur.
Inzwischen beraten die Mitarbeiter*innen der Gedenkstätte die Lehrkräfte dahingehend, sich vorab für ein historisches Thema zu entscheiden, das dann ausschließlich behandelt wird. Hierbei können neben Führungen auch digitale Spurensuchen und verschiedene Workshops gewählt werden, um bestimmte Themen zu vertiefen. Ein besonders beliebtes Format sind Gespräche mit Zeitzeug*innen. Im Jahr 2025 nahmen bereits mehr als 4.000 Schüler*innen an solchen Gesprächen teil, die jedoch nur noch zur Haft seit den 1960er Jahren sowie zur Friedlichen Revolution regelmäßig möglich sind. Sie finden im Anschluss an Führungen oder digitale Spurensuchen statt und bereichern die Auseinandersetzung mit den Themen um eine individuelle Perspektive. Aufbauend auf diese vertiefte Auseinandersetzung steht einem erneuten Besuch im nächsten Schuljahr, um sich dann am selben Ort mit einer anderen Zeitschicht auseinanderzusetzen, selbstverständlich nichts im Wege. Dies ist sogar ausdrücklich empfehlenswert: In der Praxis zeigte sich, dass gerade diejenigen Schüler*innen, die die Gedenkstätte mehrfach besucht haben, zu besonders wertvollen und differenzierten Erkenntnissen kommen.

Jugendliche beim Besuch der Gedenkstätte © Hagen Immel / Gedenkstätte Lindenstraße
Für Erwachsenengruppen mit entsprechenden Vorkenntnissen bietet die Gedenkstätte weiterhin Überblicksführungen an, die sowohl die NS-Justiz als auch die Haft bei der sowjetischen Geheimpolizei und dem MfS behandeln. Dabei ist entscheidend, den Besucher*innen transparent zu vermitteln, dass jeweils nur ausgewählte Themen und Beispiele behandelt werden können und eben keine „Vollständigkeit“ erreicht werden kann. Ohne diese Transparenz könnten Besucher*innen das Auslassen einer bestimmten Information vielleicht als Verschweigen oder Verharmlosung begreifen, während es nichts anderes ist als eine unvermeidbare thematische Eingrenzung.
Neben der Transparenz benötigen Angebote, die die unterschiedlichen Epochen am selben Ort und in knapp begrenzter Zeit thematisieren sollen, ein hohes Maß an Sensibilität und sprachlicher Sorgfalt. Eine durchaus bewährte Richtschnur ist dabei die bereits Anfang der 1990er Jahre entwickelte Formel des Historikers Bernd Faulenbach, der zufolge die Verbrechen des NS-Regimes nicht relativiert, das Unrecht der kommunistischen Diktaturen gleichzeitig nicht bagatellisiert werden dürfe. Wie dieses Ziel jedoch in der Praxis erreicht werden kann, müssen Pädagog*innen im Austausch mit den Besucher*innen der Gedenkstätte täglich neu erproben und aushandeln.
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- 17 Dez 2025 - 10:48

