"Nie wieder" ...aber wie? Zur (Nicht-)Bedeutung des Nationalsozialismus für die Rechtsextremismusprävention

Datum: 
12. Juli 2013 - 13. Juli 2013
Ort oder Sender: 

Münster

Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus gehört mittlerweile zum Selbstverständnis der Berliner Republik. In Deutschland existiert eine vielfältige Gedenkstättenlandschaft, die sich unter-schiedlichen Aspekten und Opfergruppen der NS-Herrschaft widmet. Allein in NRW sind in den letzten Jahrzehnten rund 25 Gedenkstätten und Geschichtsorte entstanden. Die Ansprüche an diese Einrichtungen sind hoch. Weit verbreitet ist beispielsweise die Erwartungshaltung, der Herausbildung von antisemitischen, rassistischen und rechtsextremen Verhaltensweisen bei Jugendlichen durch Gedenkstättenbesuche präventiv begegnen zu können. Die Konfrontation mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und den Leidensgeschichten der Opfer am „authentischen Ort“ soll gleichsam eine „immunisierende“ Wirkung erzielen. Der oftmals mit großem Pathos erhobenen Forderung „aus der Geschichte zu lernen“ wird in historisch-politischer Bildung und im Schulunterricht große Bedeutung beigemessen.

Doch die Hoffnung, mit der „Geschichte“ als Argument ein wirkungsvolles Instrument für die Bekämpfung des Rechtsextremismus zur Hand zu haben, erweist sich oftmals als trügerisch. Die angestrebten Effekte – emotionale Betroffenheit oder kognitiver Erkenntnisgewinn bei den jeweiligen Zielgruppen – stellen sich häufig in der gewünschten Form nicht ein. Im Gegenteil beklagen Jugendliche verstärkt eine „Überfütterung“ mit dem Thema Nationalsozialismus. KritikerInnen thematisieren zudem schon seit einigen Jahren eine zunehmende Ritualisierung der Erinnerungskultur in Deutschland, die entgegen ihrem Anspruch nur wenig zur Auseinandersetzung mit aktuellem Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus und anderen Formen von Menschenfeindlichkeit beitrage.

Andererseits sind in jüngster Zeit durchaus Ansätze und Konzepte entstanden, die sich den genannten Herausforderungen zu stellen versuchen und den wachsenden zeitlichen Abstand zur NS-Zeit ebenso reflektieren wie generationsspezifische Perspektiven und die erinnerungskulturellen Vielstimmigkeiten der Einwanderungsgesellschaft.

Ist ein „Lernen aus der Geschichte“ also doch möglich? Kann die Beschäftigung mit dem historischen Nationalsozialismus tatsächlich einen Beitrag zur Rechtsextremismusprävention leisten? Wie lassen sich Gegenwartsbezüge in der Gedenkstättenarbeit sowie in der schulischen und außerschulischen historisch-politischen Bildung herstellen, die auf schlichte Analogien verzichten, vordergründige Vereinnahmungen vermeiden und auf moralisierende Haltungen verzichten?

Diese und weitere Fragen wollen wir gemeinsam im Rahmen unserer Tagung nachgehen. Wir laden herzlich ein!

Tagungsprogramm

Freitag, 12. Juli 2013

bis 14.00 Uhr Anreise und Anmeldung

14.00 Uhr
Begrüßung und Einführung
Christoph Spieker (Geschichtsort Villa ten Hompel)
Anne Broden (IDA-NRW)
Heiko Klare, Michael Sturm (mobim)

14.30 Uhr
Aus der Geschichte lernen? Möglichkeiten und Risiken der Lernorte Schule, Gedenkstätte und Jugendbildung
Matthias Proske (Institut für Allgemeine Didaktik und Schulforschung, Universität Köln)
15.15 Uhr – Diskussion

15.45 Uhr – Kaffeepause

16.15 Uhr
Die Ver-Stellung des Alltagsrassismus durch die historische Erfahrung des Nationalsozialismus. Pädagogische Konsequenzen
Stephan Bundschuh (Fachbereich Sozialwissenschaften, Fachhochschule Koblenz)
17.00 Uhr – Diskussion

17.45 Uhr – Imbiss

18.30 Uhr
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint?
Rechtsextremismusprävention, Nationalsozialismus und Film
Filmvorführung und Diskussion

Samstag, 13. Juli 2013

bis 9.30 Uhr
Stehkaffee

09.30 Uhr
Rechtsextremismusprävention und historisch-politische Bildung zum Nationalsozialismus - Ansprüche, Erfahrungen und Konzepte in der pädagogischen Praxis
Inputs und Erfahrungsaustausch in drei parallelen Praxisforen
Praxisfeld Schule
Gabi Elverich (Lehrerin und Sozialwissenschaftlerin, Berlin)
Praxisfeld Gedenkstätten
Ulrike Pastoor (KZ-Gedenkstätte Neuengamme)
Praxisfeld Erwachsenenbildung
Gerd Schumacher (Bildungs- und TagungsZentrum Heimvolkshochschule Springe e. V.)
11.45 Uhr
Zusammenführung und Diskussion

12.30 Uhr – Mittagspause, Imbiss

13.30 Uhr
Tagungsreflexion und Blick in die Zukunft
Astrid Messerschmidt (Institut für Erziehungswissenschaft, Pädagogische Hochschule Karlsruhe)

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem angehängten Ausschreibungsflyer.

Die Tagung wird ausgerichtet von

IDA-NRW (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit NRW) in Kooperation mit mobim (Mobile Beratung im Regierungsbezirk Münster – Gegen Rechtsextremismus, für Demokratie) im Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster.

Diese Tagung wird gefördert vom Ministerium für Frauen, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW.