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Narrative der Erinnerung

Zwangsmigration und Flucht im Kontext des Zweiten Weltkriegs

PD Dr. Samuel Salzborn ist Vertretungsprofessor für Demokratie- und Demokratisierungsforschung am Institut für Politikwissenschaft der Universität Giessen. Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeit unter http://www.salzborn.de.
Von Samuel Salzborn

Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umfasst eine Reihe von unterschiedlichen Dimensionen. Nimmt man die verschiedenen Formen der Erinnerung, aber auch des Gedenkens an den Nationalsozialismus im Laufe der Geschichte der Bundesrepublik in den Blick, stellt man fest, dass es immer wieder zu Spannungen zwischen der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der privaten Haltung der Menschen gekommen ist.

Auch wenn sich die Konstellationen im Laufe der Geschichte entlang der einzelnen Erinnerungsfelder immer wieder gewandelt haben, eröffnet sich ein Konfliktfeld zwischen allgemeiner und partikularer Erinnerung und den mit diesen Formen verknüpften unterschiedlichen Erinnerungsnarrativen. Als allgemein kann dabei gelten, was im öffentlichen Raum und als offizielle Form der Erinnerung installiert und etabliert wurde, von Gedenkorten und Gedenkveranstaltungen über die juristische Auseinandersetzung bis hin zu politisch-programmatischen Reden. Als partikular müssen die Tradierungen innerhalb von Familienerzählungen gelten, die individuellen Erlebnisse aus Berichten der Eltern- oder Großelterngeneration, also das private Geschichtsbild. In ihm vermischt sich reale Geschichte mit fiktionaler Ausgestaltung, nicht selten mit der Intention der Reinwaschung der eigenen Biografie. Öffentliche und private Erinnerung an den Nationalsozialismus stehen dabei immer wieder in Konflikt.

Nimmt man den Diskurs über Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg in den Blick, dann zeigen sich hier jedoch bemerkenswerte Übereinstimmungen. Während die Auseinandersetzung um den Antisemitismus und die Massenvernichtung der europäischen Juden durch die Deutschen in der bundesrepublikanischen Geschichte immer konfliktreich war, hat es in Bezug auf die Opfererzählungen von Beginn an ein hohes Maß an Konsens und damit ein hohes Maß an Identität zwischen öffentlichem und privatem Erinnern gegeben.

Noch während sich in den 1950er und 1960er Jahren die politischen Parteien und später auch die Außerparlamentarische Opposition heiße Gefechte um die Frage der Täterschaft lieferten, war die Unterstellung, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung passiv zu Opfern geworden sei, insbesondere die späteren Flüchtlinge und Vertriebenen aus den vormals von den Deutschen eroberten Territorien Polens, der Tschechoslowakei und anderer osteuropäischer Staaten, nahezu immer Konsens in der bundesdeutschen Geschichte. Selbst bis hinein in die Pamphlete der linken politischen Bewegung findet sich diese Position. Der Opfermythos der Deutschen gehört zu den Gründungsmythen der Bundesrepublik.

Was nun ändert sich in jüngster Vergangenheit in der Auseinandersetzung um das Thema Zwangsmigration und Flucht, wenn es schon von Beginn an eine „Selbstviktimisierung“ (Katrin Hammerstein) der Deutschen gegeben hat, wenn der Opfermythos eines der zentralen Gründungsnarrative der Bundesrepublik ist und sich gleichsam in die individuellen Familiengeschichten und privaten Erinnerungen eingeschrieben hat?

Neu ist vor allem der schamlose, vor allen Dingen von den Vertriebenenverbänden in der Bundesrepublik unternommene Versuch, Opfer- und Täterdiskurs nicht mehr voneinander getrennt betrachten zu wollen und die Partikularinteressen der Vertriebenenverbände zum öffentlichen, sakralisierten und verbindlichen Geschichtsbild zu machen. Neu ist auch, dass politische Motive, oder allgemeiner gesprochen Interessen aus der Geschichtserinnerung heraus redigiert werden sollen. Wer heute den Begriff der Zwangsmigration als generalisierenden Begriff zur Auseinandersetzung mit der gegenüber Polen, Tschechoslowaken und anderen betriebenen völkischen Vernichtungspolitik verwendet und in einem Atemzug die deutschen Flüchtlinge mit unter diesen Begriff subsumiert, betreibt eine Verwischung der Grenzen des Politischen und eine Aufweichung des für die geschichtswissenschaftliche Forschung gar so wichtigen Blickes auf die Vergangenheit: nämlich des Blickes auf die Fakten.

Die oft in diesem Zusammenhang zu hörende Darlegung, dass es den Opfern von Gewalterfahrungen gleich sei, warum sie diese Gewalt erleiden mussten, ist zweifelsfrei ein starkes und zutreffendes Argument. Entscheidender für die Auseinandersetzung mit Geschichte ist aber, wie mit diesem Opferstatus umgegangen und wie versucht wird, aus ihm Profit zu ziehen. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler spricht in diesem Zusammenhang vom „politischen Mehrwert“ des Opferstatus, den die deutschen Vertriebenenverbände nun für sich einstreichen wollen. Durch die Verwischung zwischen den höchst unterschiedlichen Motiven, die zur Migrationsbewegung vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geführt haben, verwischt auch die Frage nach dem aktiven Anteil der später flüchtenden und vertriebenen deutschen Bevölkerung im Zusammenhang mit der Verfolgung und Ermordung von Polen und Tschechoslowaken. Es verschwindet auch die Frage nach der aktiven Beteiligung der deutschen Bevölkerung – und nicht nur von Wehrmacht und SS – an der Massenvernichtung der europäischen Juden.

In der Vernebelung einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit durch den generalisierenden Begriff der Zwangsmigration gerät aus dem Blick, dass ein Großteil der späteren Flüchtlinge mindestens passiv – und wie zahlreiche historische Studien mittlerweile zeigen – oft auch aktiv an der völkisch-antisemitischen Besatzungs- und Vernichtungspolitik in Osteuropa Anteil hatte. Wobei dieser Anteil in einer ganzen Reihe von Handlungen bestand: von der aktiven Teilnahme bei Enteignungen, Plünderungen, Denunziationen, Erschießungen oder Deportationen über das Unterlassen von Widerstand, die Verbreitung von antisemitischen und rassistischen Ressentiments bis hin zum Verschweigen der Verbrechen und Profitieren aus Zwangsarbeit und „Arisierung“.
Insofern sollte, wer sich heute mit Migrationsbewegungen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, klar darauf achten, die politischen Motive der beteiligten Akteure in den Blick zu nehmen.

Kurz gesagt: Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den von ihnen besetzten Gebieten auf dem Territorium von Polen, der Tschechoslowakei und anderen osteuropäischen Staaten, hätte es ohne die vorangegangene deutsche Expansions-, Eroberungs- und Vernichtungspolitik nicht gegeben. Flucht und Vertreibung der Deutschen sind die Folge des antisemitischen Vernichtungswahns. Insofern ist das individuelle, nicht selten auch schreckliche Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten von einer Auseinandersetzung mit den politischen Motiven, die bei den alliierten und assoziierten Mächten zu dieser Entscheidung geführt haben, klar zu trennen und zu betonen, dass Migrationsbewegung und Migrationsbewegung eben nicht ein und dasselbe sind.

 

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