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Der Nahostkonflikt - Irritationen in bundesdeutschen Bildungsprozessen

Von Ingolf Seidel

Wahrscheinlich existiert kaum ein regionaler Konflikt auf der Welt, der so emotional aufgeladen in die Klassenzimmer und Jugendclubs hierzulande hineinwirkt, wie der so genannte Nahostkonflikt. Zu ihm gibt es bei Schülerinnen und Schülern, mit und ohne Migrationshintergrund sowie bei Lehrkräften wie bei anderen pädagogisch Arbeitenden viele Meinungen, ebenso viel Halbwissen und eine auffällige Ballung von Ressentiments.

Welche Dynamiken entfaltet der Konflikt, der hier vereinfachend als israelisch-palästinensischer oder eben als Nahostkonflikt bezeichnet werden soll, in bundesdeutschen Bildungsprozessen?

Eine wesentliche Verunsicherung, die viele Lehrkräfte beschreiben, ist die Schwierigkeit, eine Kritik an der konkreten Politik der israelischen Regierung durch Schülerinnen und Schüler von antisemitisch geleiteten Meinungen, Ressentiments und Aggressionen zu unterscheiden.

Antisemitismus oder Kritik an der israelischen Politik?

Problematische und israelfeindliche Äußerungen im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt können, müssen aber nicht automatisch, antisemitisch motiviert sein. In der Regel werden sie vermehrt anlassbezogen geäußert. Solche Anlässe sind in der Regel militärische Reaktionen der Israeli Defence Forces (IDF), also der israelischen Armee, gegen Raketenangriffe palästinensischer Gruppierungen sowie Polizei- und Militäraktionen gegen Selbstmordattentäter oder der blutig verlaufende militärische Versuch Schiffe zu stoppen, die die israelische Blockade des Gaza-Streifens durchbrechen wollten. Es soll an dieser Stelle nicht die komplexe Gemengelage aus legitimen Interessen auf beiden Seiten, aus Sprachlosigkeit, Korruption, religiösem Fanatismus, Terrorismus, politischer Unfähigkeit und Sicherheitsbedürfnis beider Seiten bewertet werden.

Alle und noch weitere Problemstellungen spielen sicherlich in die Schwierigkeit zur Findung einer für beide Seiten akzeptablen Lösung des Konflikts hinein.

Für die Skizzierung dessen, ob eine Äußerung in diesem Zusammenhang als durch ein Ressentiment hervorgerufen eingeordnet werden kann, haben die genannten Problematiken im bundesdeutschen Klassenzimmer eine – erst mal - zweitrangige Bedeutung. Sie spielen allerdings eine wichtige Rolle, wenn der Nahostkonflikt als Thema einer Unterrichtseinheit oder einer Maßnahme der außerschulischen Bildung auf die Agenda gesetzt wird.

Äußerungen mit potentiell problematischem Inhalt tauchen, wie eingangs skizziert, im Gefolge konkreter Anlässe in Israel oder in den palästinensischen Gebieten auf. Wann geraten solche Äußerungen in den Ruch des Antisemitismus? Eine einfache Richtschnur lässt sich am Prinzip der „Drei D“ entrollen, die Natan Sharansky aufgestellt hat. Diese „Drei D“ beinhalten Dämonisierung, Delegitimierung und doppelte Standards gegenüber dem Staat Israel.

Eine Dämonisierung Israels oder seiner staatlichen Organe liegt dann vor, wenn beispielsweise die IDF mit der nationalsozialistischen Wehrmacht gleichgesetzt wird oder, wenn die Verhältnisse im Gaza Streifen oder in der Westbank mit Termini belegt werden, die eine Gleichsetzung mit nationalsozialistischen Konzentrationslagern oder Ghettos nahelegt oder vollzieht. Solche Äußerungen beinhalten immer eine Relativierung des Holocaust einerseits. Nicht selten sind derlei Vergleiche damit gepaart, Israelis oder der israelischen Regierung den Vorwurf zu machen, sie hätten als ehemalige Opfer der Deutschen nichts gelernt. Die darin liegende indirekte und menschenverachtende Behauptung besagt im Grunde, dass Auschwitz den Charakter einer Besserungsanstalt für Juden gehabt hätte.

Relativ prominent werden derartige NS-Vergleiche immer wieder durch den brasilianischen Zeichner Latuff gezogen, der vor allem in globalisierungskritischen Medien agiert. Latuffs Zeichnungen überschreiten deutlich die Grenze von einer, auch harschen, Kritik am Handeln wechselnder israelischer Regierungen hin zum antisemitischen Ressentiment.

Eine Delegitimierung des Staates Israel liegt vor, wenn bereits dessen Existenz in Frage gestellt wird und jegliche Abwehr äußerer Bedrohungen als israelischer Akt der Aggression gebrandmarkt wird. Ohne Frage: Auch in Israel existiert Rassismus, der sich mehrheitlich gegen arabischstämmige Israelis oder gegen Palästinenser/innen im Allgemeinen richtet. Rassismus und Ungleichheit sind Merkmale aller modernen Staaten. Dies ist zu beklagen und zu verändern, aber keine Besonderheit des israelischen Staates. Wer also Israel fälschlich als Apartheitsstaat bezeichnet, entzieht dem Staat seine Existenzberechtigung. Zusätzlich werden Gewalt und Unmenschlichkeit zum inneren Wesen von Israel erklärt.

Daran schließt sich die Verwendung doppelter Standards gegenüber Israel an. Die moralischen Maßstäbe, die an das Handeln israelischer Regierungen angelegt werden, sind weitaus höher als die gegenüber anderen Staaten, auch gegenüber westlichen Demokratien. Wohl kaum jemand käme auf die Idee Großbritanniens staatliche Integrität wegen seines Verhaltens gegenüber den verschiedenen antikolonialen Befreiungsbewegungen in Frage zu stellen. Ähnliches passiert aber gegenüber dem Staat Israel anhaltend. Ebenfalls wird in der Weltöffentlichkeit kaum das Verhalten der arabischen Anrainerstaaten gegenüber palästinensischen Flüchtlingen kritisiert. In Vergessenheit geraten scheint beispielsweise das Massaker des so genannten Schwarzen September im Jahr 1970. Durch die Niederschlagung eines palästinensischen Aufstandes gegen das jordanische Königshaus und durch die Bombardierung von Flüchtlingslagern in Amman wurden schätzungsweise drei- bis fünftausend Palästinenser getötet.

Im öffentlichen Gedächtnis präsent dagegen sind die Massaker christlicher Phalange-Milizen, Verbündeter Israels 1982 im Libanon, in den Flüchtlingslagern von Sabra und Shatila. Im kollektiven Gedächtnis wird heute nahezu ausschließlich die israelische Mitverantwortung und Duldung betont, was soweit geht die israelische Seite de facto allein für schuldig zu erklären. Die israelische Mitverantwortung steht nicht in Frage. Die eigentlichen Täter, eben jene christlichen Milizionäre werden allerdings kaum erwähnt.

Noch stärker in Vergessenheit geraten ist ein nachfolgendes Massaker im Jahr 1985 durch die schiitische und pro-syrische Amal-Miliz. Der Angriff galt denselben Flüchtlingslagern, Sabra und Shatila, und wurde gleichfalls von außen geduldet. Dieses Mal durch syrische und libanesische Armeeeinheiten. Und doch spricht niemand von Genozid, wie im Falle der Grausamkeiten von 1982.

Die Liste von Doppelstandards ließe sich erweitern und auf andere Konflikte anwenden, beispielsweise den Tschetschenien-Krieg, der beinahe schon wieder vergessen zu sein scheint; zu mindestens aber nicht derart affektiv besetzt ist, wie der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

Ein letzter Maßstab, wann eine Äußerung die Linie zum antisemitischen Ressentiment überschreitet, kann angelegt werden, wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland für die Ereignisse in Israel und in den palästinensischen Gebieten verantwortlich gemacht werden. Juden in Deutschland sind entweder deutsche Staatsbürger, oder, so sie aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind, so genannte Kontingentflüchtlinge, denen die Einbürgerung vorenthalten wird. In beiden Fällen handelt es sich um Menschen, die sich entschieden haben in Deutschland zu leben oder bereits lange in Deutschland leben. Sie für Verfehlungen in der israelischen Politik haftbar zu machen, spiegelt das Ressentiment wider und beinhaltet im Grunde die Aussage: „Ihr gehört nicht hierher.“

In einen ähnlichen Zusammenhang gehört die Behauptung, man könne oder dürfe in Deutschland Israel nicht kritisieren. Der offensichtliche Unsinn dieser Behauptung lässt sich durch einen Blick in die Tageszeitungen oder ins Fernsehen leicht empirisch widerlegen. Problematisch ist vor allem die dahinter steckende Denkfigur. Sie beschreibt den Aussagenden als eine Art Tabubrecher, der sich gegen ein angebliches Redeverbot, aufgestellt von einer mythischen Macht, wehrt. Assoziiert werden mit dieser fantasierten Macht oder als Moralwächter im antisemitischen Denken die Juden.

Mögliche Motivlagen Jugendlicher

In den seltensten Fällen lässt sich aus dem Auftauchen antisemitischer Äußerungen im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt auf ein geschlossenes Weltbild schließen. Das macht derartige Äußerungen nicht weniger problematisch, fordert aber einen anderen Umgang mit den Trägern solcher Überzeugungen. Eine geschlossene antisemitische Ideologie ist aufklärungs- und erfahrungsresistent. Ihren Trägern kann kaum sinnvoll mit Pädagogik begegnet werden.

In den Klassenzimmern, mit ihrem zunehmend globalisierten Charakter, in denen Jugendlichen lernen, die sich mit vielfältigen Identitätskonstruktionen auseinanderzusetzen haben, wird Wissen über den Nahostkonflikt mehrheitlich medial und somit außerschulisch vermittelt vorgefunden. Der Umgang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt beruht vor allem auf Meinungen und klaren Positionierungen, die mehr oder weniger emotional vorgetragen werden und basiert in der Regel wenig auf ausgeprägtem historischem Wissen.

Der Umstand der medialen Rezeption des Geschehens gilt für die Mehrzahl der Jugendlichen, aber auch für Lehrkräfte. Die Mehrzahl der Schüler/innen besteht, je nach Schule, aus „originaldeutschen“ Jugendlichen, deren Vorfahren bereits seit einigen Generationen auf dem wechselnden Gebiet der verschiedenen deutschen Staaten leben. Sie kennen die aktuellen Ereignisse meistens aus dem Fernsehen oder aus dem Internet. Persönliche Bezüge in die Region fehlen in der Regel ebenso wie ein historisches Wissen über die Gründungsgeschichte Israels, des Zionismus oder zum Entstehen der verschiedenen arabischen Nationalbewegungen. Nicht selten sind diese Jugendlichen aber noch verstrickt in die Schuldabwehrdiskurse zum Nationalsozialismus, die ihre Eltern, Großeltern oder zum Teil bereits Urgroßeltern innerfamiliär transportiert haben. Ihre Motivationen, sich israelfeindlich oder gar antisemitisch zu äußern, sind in anderen Motivlagen zu suchen als die von Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund.

Viele Jugendliche aus solchen Familien sind persönlich meistens ebenfalls nicht näher in den Konflikt verstrickt, wie die Nachkommen, der Arbeitsmigrant/innen aus der Türkei, Griechenland, dem ehemaligen Jugoslawien etc. oder auch die Kinder von vietnamesischen Vertragsarbeiter/innen. Auch sie erleben Ereignisse, wie die israelischen Militäraktionen im Gazastreifen gegen den fortdauernden Raketenbeschuss durch die Hamas, als mediale Konsumenten. Und doch positionieren sich nicht wenige Jugendlich aus Migrantenfamilien emotional propalästinensisch und äußern sich auch anlassbezogen antisemitisch.

Anders sieht die Verstrickung bei Jugendlichen aus, die direkte familiäre Wurzeln in den Libanon, nach Jordanien oder in die palästinensischen Autonomiegebiete haben. Diese Jugendlichen mögen geprägt sein durch eigene Fluchterfahrungen, unter Umständen sind sie durch Kriegserfahrungen direkt traumatisiert oder haben die entsprechenden Erfahrungen durch ihre Eltern und andere Verwandte direkt vermittelt bekommen. Kurz: sie können von den Auswirkungen des Agierens der Parteien im Nahostkonflikt mittelbar und unmittelbar betroffen sein. Zudem ist häufig der Aufenthaltsstatus dieser Jugendliche prekärer als der von Gleichaltrigen, deren Familien aus der Türkei zugewandert sind. Trotz dieser persönlichen Nähe ist das reale Wissen um die Entstehung und die Hintergründe des Nahostkonflikts bestenfalls in Ansätzen vorhanden.

Warum finden sich bei diesen, so unterschiedlichen Heranwachsenden positive Bezüge auf die mitunter leidvolle, auf jeden Fall aber schwierige Situation der Palästinenser? Die Antworten darauf, warum sich Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund mit der Situation von Palästinensern solidarisieren und identifizieren sind vielschichtig.

Sicherlich ist die Annahme zutreffend, bei den propalästinensischen Positionierungen Jugendlicher aus Familien mit Migrationshintergrund würde ein Kampf um Anerkennung mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausgetragen (s. Text von Julia Eksner in diesem Magazin). Jugendliche aus solchen Familien gehören mehrheitlich zu den Verlierern dieser Gesellschaft; genauer gesagt werden sie dazu gemacht. Sie erfahren nicht nur tagtäglich verschiedene Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung seitens der Mehrheit, sondern müssen sich gleichzeitig teilweise mit konträren ethischen oder moralischen Wertevorstellungen der Elternhäuser auseinandersetzen. Ähnlich sieht die familiäre Situation türkisch- oder kurdischstämmiger Jugendlicher aus.

Im Zuge von jugendlichen Auseinandersetzungen mit ihren eigenen Identitätsentwürfen kann die Bezugnahme auf scheinbar stabile Kollektivkonstruktionen, wie sie Nationalismus oder Religion bieten, ein die Persönlichkeit stabilisierender Faktor sein. Das gilt zumal in einer sozialen Umgebung, die als ungeordnet, unübersichtlich und ausgrenzend erlebt wird. Die Suche nach Stabilität und Sinnhaftigkeit in einer Umwelt, die als ablehnend wahrgenommen wird, macht es scheinbar plausibel, in mythischen Bezügen auf eine scheinbar heile Vergangenheit einen sicheren Bezugsrahmen zu suchen.

Außerdem scheint nichts so wirkungsvoll eine/n mehrheitsdeutsche Lehrer/in aus der Fassung zu bringen, wie eine antisemitische Bemerkung. Die häufig folgende moralische Belehrung der mehrheitsdeutschen Lehrkraft geht meist ins Leere, bestätigt aber die Haltung des Schülers oder Schülerin mit ihrer Geschichte im Unterricht keine Rolle zu spielen.

Die Suche nach Orientierung ist im Grunde ein normaler adoleszenter Prozess, kann aber auch ein Ausdruck einer grundlegenden Verunsicherung in den Identitätskonstruktionen sein. Was diesen Prozessen nicht eigen ist, scheint eindeutiger: Sie sind keine Besonderheit von Jugendlichen aus Migrationsfamilien. Vielmehr sind sie ein Ausdruck der grundsätzlich fragilen Subjekt- und Identitätskonstruktionen in der Moderne, die grundsätzlich Angehörige von Mehrheiten und Minderheiten gleich betrifft. Allenfalls variieren die Ausprägungsformen abhängig von der Herkunft, Religion, sozialem Milieu und von den politischen Gelegenheitsstrukturen. In diesem Zusammenhang ist auch festzustellen, dass Ringen um Anerkennung der eigenen gesellschaftlichen Stellung, erfahrener Rassismus oder Adoleszenz nicht als Legitimation für antisemitische Argumentationsmuster und Gewalttaten dienen können.

Unabhängig davon wäre eine zentrale Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft – und im konkreten Fall der im Bildungs- und Erziehungswesen Tätigen – Bedingungen zu schaffen, die es Zugewanderten und ihren Nachkommen ermöglicht Bildung zu erlangen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Dazu gehören die Auseinandersetzung mit den Geschichten der Eingewanderten und Veränderungen der Mehrheitsgesellschaft mit und durch die Migrant/innen. Dazu gehört auch eine multiperspektivische Darstellung des Nahostkonflikts im Klassenzimmer, welche die eingangs angeführten Problemstellungen berücksichtigt. Eine solche differenzierte Thematisierung des Nahostkonflikt in schulischen und außerschulischen Bildungsprozessen kann in der Folge durchaus Chancen und Annäherungen für Jugendliche bilden – ob sie nun einem mehrheitsdeutschen Kontext entstammen, so genannte Migrationshintergründe haben und/oder Juden sind.

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