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Bilder, Medien, Rezeption

Dimensionen visueller Kommunikation

Dr. Tanja Maier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin.
Von Tanja Maier

In aktuellen Auseinandersetzungen um Formen des Visuellen ist immer wieder von einer Übermacht der Bilder in einer vom Visuellen vollständig beherrschten Kultur die Rede. Der dramatisierenden Beschreibung einer unüberschaubaren „Bilderflut“ liegt die Beobachtung einer durch Kommunikationstechnologien beschleunigten und globalisierten Welt zugrunde. Es lassen sich verschiedene Einwände gegen die Vorstellung anbringen, wir lebten in einem „Jahrhundert der Bilder“ und seien heute stärker durch Bilder geprägt als die Menschen früherer Zeiten. Ein Problem, dass mit der Rede von einer Übermacht der Bilder oft einhergeht und das für den Einsatz von Bildern in der pädagogischen Praxis relevant ist, bezieht sich auf die häufig vorgenommene Trennung von Wort und Bild bei der Analyse von Bildern.

Der Blick auf die „Allmacht der Bilder“ übersieht häufig, dass und vor allem wie Bild und Text im Bereich der Bedeutungskonstruktion eine Verbindung eingehen. Sigrid Schade schreibt dazu: „Kein Wort bedeutet, es sei denn, es erzeugt zugleich in uns ein oder mehrere Vorstellungsbilder“. Wenn wir beispielsweise im Geschichtsunterricht über den Kniefall Willy Brandts vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos sprechen, dann verbinden wir damit „in unserem Inneren“ ein bestimmtes Vorstellungsbild. Wenn wir umgekehrt im gleichen Kontext eine Fotografie eines Konzentrationslagers sehen, dann fangen wir an, sprachlich zu assoziieren (etwa das Lautbild, den Ausdruck „KZ“).

Hinzu kommt, dass Bilder durch Medien vermittelt und sichtbar gemacht werden, die ihre Bedeutungen aus einer Kombination von Text und Bildern erzeugen. Fotografien in Zeitungen und Zeitschriften verbinden sich mit Bildkommentaren. In Kino und Fernsehen gehen Bilder, Dialoge, Musik, Montagen, etc. eine enge Verbindung ein, aus deren Zusammenspiel sich erst ein übergeordneter Sinn für die Rezipierenden ergibt. In der pädagogischen Beschäftigung mit visuellen Phänomenen und ihrer Bedeutungsproduktion geraten somit drei Dimensionen des Bildes in den Blick: Wie Medienbilder Geschichte zu sehen geben (Dimension der materiellen Bilder), wer Bilder unter welchen Entstehungskontexten für ein bestimmtes Publikum produziert (Dimension der Produktion), und welche Bilder in den Köpfen der Rezipierenden entstehen (Dimension der Rezeption).

Bildmedien wie die Wandmalerei, die Skulptur, die Fotografie oder der Film sind keine Abbildungen einer historischen Wirklichkeit. Es ist besonders die Fotografie, die immer wieder den Anspruch erhebt, als Zeugnis einer unumstößlichen Wirklichkeit zu gelten. In der Geschichtsdidaktik hat hier spätestens mit den Auseinandersetzungen um die so genannte „Wehrmachtsausstellung“ ein Umdenken stattgefunden. Während beispielsweise in früheren NS-Prozessen Fotografien stets als Beweismittel herhielten, wird nunmehr verstärkt der Konstruktionscharakter von Bildern untersucht. Fotografien stellen, wie andere mediale Bilder auch, eine Auswahl und eine Inszenierung dar, auch wenn sie sich vor einem historischen Hintergrund entfalten. Fotografien historischer Ereignisse oder Herrscher- und Politikerporträts geben nicht eine vor-mediale Wirklichkeit wieder, sondern eine Konstruktion der Wirklichkeit. Sie entwickeln eine bestimmte Sichtweise auf einen Sachverhalt im Hinblick darauf, was im Bild zu sehen ist, welche Perspektive auf ein Geschehen oder eine Person gewählt wird, wie das Licht eingesetzt wird, wie die Bilder zueinander in Beziehung stehen, in welchen Medien sie wie abgedruckt und arrangiert werden und vieles mehr.

Bilder von Geschichte beinhalten somit nicht einfach nur historisches Wissen und Informationen. Im spezifischen Miteinanderwirken von Bild und Textualität werden dem Publikum Informationen und Wissen über geschichtliche Zusammenhänge vermittelt (informativer Modus), Gefühle und Emotionen gelenkt (emotionalisierender Modus), Spannung gesteigert (dramatisierender Modus) oder dem Publikum bestimmte Lesarten nahe gelegt (interpretierender Modus).

Besonders die bewegten Bilder des Films und des Fernsehens verdeutlichen, dass Bilder auch Geschichten erzählen (narrativer Modus). In diesem Zusammenhang gilt die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“, die erstmalig 1979 in der Bundesrepublik ausgestrahlt wurde, als ein richtungweisendes, viel diskutiertes und kritisiertes Medienereignis. Die vierteilige Fernsehserie setze auf die klassischen Erzählmuster und visuellen Inszenierungsstrategien des Melodramas. Sie verknüpfte damit historische Fakten mit fiktionalen Elementen und setze stark auf die Erzeugung von Emotion und Spannung. Neben der Emotionalisierung und Dramatisierung historischer Ereignisse, wie sie auch von Steven Spielberg in Filmen wie „Schindlers Liste“ inszeniert wird, geht hierbei eine spezifische Deutung historischer Ereignisse als menschliche Tragödie und/oder Triumph einher.

Es sind aber auch bestimmte Einzelbilder, wie sie etwa als Fotografien in Printmedien oder im Internet zirkulieren, die Geschichte in Geschichten erzählen. So knüpft das bekannte Bild eines Mannes, der sich 1968 in Bratislava mit entblößter Brust einem sowjetischen Panzer in den Weg stellt, an populäre Erzählungen von gut und böse, von Angreifern und Opfern sowie von Helden und ihrer Opferbereitschaft an. Für die didaktische Arbeit mit materiellen Bildern rücken damit Fragen nach den jeweiligen medialen Logiken in den Blick. Es gilt zu fragen, was mit Bildern in spezifischen medialen und historischen Kontexten gesagt werden kann und wie die Bilder zu sehen geben (Dimension der materiellen Bilder und Texte).

Vor allem im Bereich der Holocaustforschung wird seit längerem debattiert, ob die Vernichtung der Juden überhaupt in Medien wie Comic oder Film „illustrierbar“ sei. Der Regisseur und Produzent Claude Lanzman positionierte sich hier eindeutig, indem er befand, der Holocaust sei nicht darstellbar. In seiner berühmten Dokumentation „Shoah“ (1985) interviewte er ausschließlich Zeitzeugen und verwendete kein Archivmaterial. Indem die historischen Ereignisse bildlich abwesend sind, setzt die Dokumentation auf die evozierten „Bilder im Kopf“, welche die Berichte der Überlebenden beim Publikum erzeugen. Nicht in jedem Fall werden Personen und historische Ereignisse so systematisch geplant ins Bild gesetzt. Vor allem in kommerziellen und journalistischen Produktionen, die sich an ein Massenpublikum richten, spielen mediale Logiken, journalistische Routinen und sozio-kulturelle Konventionen eine wichtige Rolle bei der Auswahl und Inszenierung dessen, was ins Bild gesetzt wird. Hier schließen sich Fragen danach an, woher die Bilder kommen und wer sie für welches Publikum produziert (Dimension der Produktion).

Die verschiedenen Medienbilder lassen ein Bild von Geschichte in den Köpfen der Rezipienten entstehen, sie schaffen einen Bedeutungsrahmen, der bei den Zuschauenden bestimmte Vorstellungsbilder von und über Geschichte produziert. Allerdings ist die individuelle Wahrnehmung eines Medienbildes (die inneren Bilder) nicht von den äußeren Bildern oder einem kollektiven Bildgedächtnis determiniert. Ein materiell greifbares Bild kann von einem Individuum, abhängig von seinem nationalen, kulturellen, ästhetischen Wissen, unterschiedlich wahrgenommen werden. Somit gilt es nicht zuletzt auch danach zu fragen, wie materielle Bilder von den Rezipierenden wahrgenommen werden und wie sie zur Herstellung und Versicherung kollektiver und individueller Identitäten beitragen (Dimension der Rezeption).

Zum Weiterlesen

- Sigrid Schade: Vom Wunsch der Kunstgeschichte, Leitwissenschaft zu sein. Pirouetten im sogenannten pictorial turn. In: Horizonte. 50 Jahre Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich 2001, 369 - 387.
- Gerhard Paul: Das Jahrhundert der Bilder, Bildatlas 1949 bis heute, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2008
- Gerhard Paul: Das Jahrhundert der Bilder, Bildatlas 1900 bis 1949, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2009

 

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