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Wessen Wahrnehmung?

Fotografien aus dem Ghetto Litzmannstadt

Tanja Kinzel promoviert zum Thema „Fotografien aus dem Ghetto Litzmannstadt. Die Perspektive der Fotografierenden“ und ist in der historisch-politischen Bildungsarbeit tätig.
Von Tanja Kinzel

In dem Film „Der Fotograf“, der die fotografische Tätigkeit von Walter Genewein, dem Finanzverwalter der deutschen Ghettoverwaltung im Ghetto Litzmannstadt behandelt und die dort von ihm aufgenommenen Farbdias zeigt, sagt der jüdische Arzt und Überlebende des Ghettos, Arnold Mostowicz, er erkenne das Ghetto auf diesen Bildern nicht wieder: Das sei nicht das Ghetto aus seiner Erinnerung (Der Fotograf, Regie: Dariusz Jabłoński, Polen/Frankreich/Deutschland, 1998).

In der Diskrepanz zwischen den Bildern und seiner Erinnerung zeigen sich nicht nur die Differenzen von Innen- und Außenperspektive – von dem Überlebenden, der sich erinnert und dem NS-Funktionär, der die Fotos gemacht hat. Sie verweist auch auf das komplexe Verhältnis von Erinnerung und Fotografie und auf die – auch unter Überlebenden – umstrittene Frage danach, welche Fotografien geeignet sind, die Situation im Ghetto angemessen zu repräsentieren.

Um sich diesen Fragen zuzuwenden, ist es m.E. nötig, den Blick auf die Entstehungsgeschichte der Bilder und auf die Perspektive des Fotografierenden zu lenken. Das bedeutet zunächst, zwischen der Wahrnehmung und der Interpretation des historischen Moments zu differenzieren. Diese waren je nach sozialer Position innerhalb und außerhalb des Ghettos unterschiedlich: Neben dem Judenrat und denjenigen, die ihn umgaben und relativ privilegiert waren, gab es Menschen mit Arbeit, die großen Hunger litten und diejenigen ohne Arbeit, die zuerst deportiert wurden. Deren Erleben und Interessen unterscheiden sich grundlegend von der Situation derjenigen, die das Ghetto von außerhalb beherrschten.

Als NS-Funktionär, dessen erklärtes Ziel es war, die Produktivität des Ghettos und damit die Organisationsleitung der deutschen Ghettoverwaltung aufzuzeigen, nimmt Genewein eine besondere Perspektive ein. Diese ist nicht in eins zu setzen mit dem Blick der knipsenden Wehrmachtssoldaten, die auf ihren quasi-touristischen Ausflügen ins Ghetto auf der Suche nach „jüdischen Typen“ v.a. osteuropäische Juden und Jüdinnen ablichteten. Ebenso wenig ist sein Anliegen mit dem jüdischer Ghettofotografen gleichzusetzen, die teilweise versteckt und im Geheimen die jüdischen Lebenswelten im Ghetto, v.a. die Vielfalt kultureller, sozialer und politischer Aktivitäten, sowie das tägliche (Über-) Leben und die Deportationen für die Nachwelt dokumentierten.

Die unterschiedlichen sozialen Positionen, Interessen und Wahrnehmungen schlagen sich auch in der Konstruktion der Fotografien nieder: Jede/r Fotograf/in trifft – wenn auch nicht immer bewusst – eine Vielzahl von Entscheidungen, die u.a. die Wahl des Ausschnitts und des Blickwinkels, die Ästhetik und den Stil der Fotografie betreffen. Sie gründen auf Überzeugungen, situationsbedingten Möglichkeiten und fotografischen Kompetenzen. Ein wesentliches Merkmal der Fotografie ist, dass die Kamera auch das aufnimmt, was nicht beabsichtigt war: So kann beispielsweise Zufälliges in das Bild kommen oder der intendierte Moment kann verpasst werden. Zwischen dem/r Fotografierenden und den Personen, die sich im Augenblick der Fotografie vor der Kamera befinden, gibt es immer auch Beziehungs- und Machtverhältnisse, die in die Aufnahme eingehen. Diese Ebenen sind durch die Betrachter/innen aber nicht unbedingt entschlüsselbar. Viele Symbole, aber auch Zeichen sind zudem sozial, kulturell und historisch spezifisch und deshalb nur mit Hilfe von Wissen über den jeweiligen sozialen, kulturellen und historischen Kontext rekonstruierbar. Fotografien besitzen also keine substantielle Wahrheit, die ihnen quasi eingeschrieben ist: Es handelt sich vielmehr um kontingente Spuren. Um als historische Aussage gelesen werden zu können, müssen sie in ihren Entstehungskontext eingebettet werden.

Für die Bilder von Genewein bedeutet das, dass die historische Situation, sein Interesse und das der deutschen Ghettoverwaltung sowie sein fotografisches Können in die qualitative Analyse seiner Fotos mit einbezogen werden muss: Neben dem aus den erhaltenen Akten ersichtlichen Interesse, ein positives Bild vom Ghetto zu zeichnen, gab es sicherlich auch persönliche Karriereambitionen, die den Amateurfotografen veranlassten, im Ghetto zu knipsen. Die überwiegende Mehrzahl seiner Bilder zeigt die Tätigkeit der Ghettobevölkerung in den Werkstätten und Fabriken. Das Ghetto erscheint als gut organisierte Produktionsstätte unter deutscher Führung. Auch wenn Aufsichtspersonen auf den Bildern zu sehen sind, werden Bedrohung und Arbeitszwang durch die deutsche Ghettoverwaltung, die Gestapo oder die das Ghetto bewachenden Polizisten nicht greifbar. Abgebildet ist hingegen all das, was geeignet war, die Leistungskraft des Ghettos zu betonen. Geneweins Position spiegelt sich in der Distanz zu den Abgebildeten, deren misstrauischer oder zurückhaltender Blick auf ein mangelndes Einverständnis mit dem Fotografen schließen lässt.

Worin besteht nun die Lücke zwischen der Erinnerung von Arnold Mostowicz und den Fotos von Genewein? Zum einen ist zu beachten, dass Fotografien zwar Auslöser für eine Erinnerung sein können, aber niemals mit der Erinnerung selbst in eins zu setzen sind. Erinnerungen sind in Bildern strukturiert, die einen Bedeutungswandel über die Zeit erfahren: Das Erlebte vermischt sich mit Erzähltem und Gelesenem und den Prämissen aktueller Identitätskonstruktionen. In der Fotografie ist der Augenblick hingegen eingefroren, es findet eine Stilllegung statt: Vergangenheit und Zukunft werden in einem Moment versammelt. Zum anderen hat Mostowicz das Ghetto als Zwangseinrichtung erlebt, in der schon bald eine Reorganisation des täglichen Lebens unter Ghettobedingungen stattfand. Dieser Aspekt, der das alltägliche Leben bestimmte und damit auch die Erinnerung Mosotwicz ist bei Genewein nicht dokumentiert. In dem Bestand gibt es keine Bilder, die auf den Lebensalltag der Fotografierten verweisen, wie Inneneinrichtungen von Wohnungen, kulturelle Ereignisse oder Akte der Solidarität. Ebenso wenig finden sich Fotografien, die Menschen beim Essen in den Suppenküchen oder bei gesundheitlichen Untersuchungen zeigen. Der fotografische MOMENT, der auf den Bildern Geneweins festgehalten ist, unterscheidet sich also grundlegend von der Erinnerung von Mostowicz.

Diese kurze Reflexion zeigt, dass Fotografien nicht einfach für sich sprechen: Wären Geneweins Bilder die einzige Quelle, die wir über das Ghetto hätten, ließe sich nicht erahnen, dass es innerhalb der von den Deutschen eingerichteten und beherrschten Zwangsgesellschaft auch Konzerte und Theatervorstellungen, Schulen und Suppenküchen gab. Um Fotografien aus der Zeit des NS zu analysieren ohne Stereotype zu reproduzieren, ist es deshalb unbedingt notwendig, die Perspektiven und die soziale Position der Fotografierenden in die Untersuchung mit einzubeziehen und sichtbar zu machen.

 

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