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Dem Holocaust ein Gesicht geben

Porträt- und Alltagsfotografien in der schulischen und außerschulischen Vermittlung

Katja Köhr ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar, Bereich Didaktik der Geschichte, der Leibniz Universität Hannover. In Ihrer Dissertation hat sie sich mit internationalen Tendenzen der Holocaust-Erinnerung und ihren musealen Repräsentationen auseinandergesetzt.
Von Katja Köhr

Keine neuere Ausstellung zum Thema Holocaust verzichtet auf das Zeigen von Alltags- und/oder Porträtfotografien und auch in der schulischen Vermittlung wird inzwischen auf die Wirkung von privaten Fotografien gesetzt. Es zeichnet sich ein Wandel ab - weg von der ikonisierten Darstellung der Massenvernichtung hin zu einer Verwendung privater Porträt- und Familienfotografien, die das Leben der Opfer und Überlebenden vor dem Holocaust zeigen.

Das Foto der Familie Silberstein aus Berlin

Es ist ein kleines Foto, gerade einmal 3 mal 3 cm groß. Es zeigt eine Familie, zwei Erwachsene mittleren Alters, am linken Bildrand eine junge Frau, am rechten Bildrand einen kleinen Jungen. Es ist ein privates Erinnerungsfoto, gemacht um aufgeklebt auf schwarzem Fotokarton in einem Fotoalbum der Zeit zu trotzen. Es soll die Erinnerung an einen Augenblick festhalten – war es ein Ausflug, ein Spaziergang an einem Feier- oder Geburtstag?

Es ist einfach ein Foto, kein besonderes, eines wie es unzählige gibt und dennoch ist es in einem Schulbuch abgedruckt [1]. Was ist das Besondere an ihm? Es ist nicht sein Alter, es ist nicht sein künstlerischer Wert. Auch ist keine der abgebildeten Personen berühmt. Was zeigt es dann? Es ist nicht das Offensichtliche, was das Bild besonders macht. Es ist die Geschichte hinter dem Bild, es ist das Schicksal der Menschen, die es zeigt, das berührt. Es ist die Geschichte der Berliner Familie Silberstein, die Geschichte des kleinen Alfred, der ein paar Jahre nachdem die Aufnahme entstand, gerade 16 Jahre alt nach Auschwitz deportiert wurde.

Porträt- und Alltagsfotografien in Ausstellungen

Das Bild zeugt von einem Wandel in der visuellen Repräsentation des Holocaust, der mit großer Verzögerung nun auch langsam in die Geschichtsschulbücher vordringt. Bereits vor mehr als 15 Jahren war es das United States Holocaust Museum, das filmisch-biographische Erzählweisen aufnahm und die Geschichten von Personen zu einem zentralen Darstellungsprinzip seiner Ausstellung machte. Nicht mehr (nur) die klassischen „Ikonen“ des Holocaust, die Standbilder aus Filmen, die bei der Befreiung der Lager aufgenommen wurden oder die Bilder des „Auschwitz Albums“, die v.a. die Ankunft ungarischer Juden in Auschwitz-Birkenau dokumentieren, werden gezeigt. Präsentiert werden auch einst private Bilder, die durch das Schicksal, das diejenigen erfahren haben, die sie zeigen, zu besonders eindringlichen Zeugnissen der Geschichte werden.

So inszenierten die Ausstellungsgestalter in Washington im „Turm der Gesichter“, einem alle drei Stockwerke des Gebäudes durchbrechenden Lichthof, eine Sammlung von Fotografien, die Personen eines kleinen Städtchens namens „Ejszyski“ zeigen. Fotos, die das normale Leben eines jüdischen Shtetls um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert dokumentieren. Auf ihnen sieht man Familien feiern, Kinder Fahrrad fahren und Ballett tanzen. Alles, was die Besucher sehen, sind normale Menschen in alltäglichen Situationen, die eigenen Erlebnissen gar nicht unähnlich sind und gerade dadurch ihren emphatischen und mahnenden Charakter entfalten (sollen).

Wenn der Besucher am individuellen Schicksal teil- und dieses somit ein Stück weit annimmt, eröffnet sich ein Weg des Einfühlens und Verständnisses, der die Besucher auch für pädagogische Einflüsse zugänglich macht. Die Besucher sollen mit Hilfe eines identifikatorischen Zugangs emotional geöffnet werden, um Lern- und (Nach)denkprozesse zu ermöglichen.

Keine neuere Ausstellung zum Thema Holocaust kommt ohne diesen Ansatz der Individualisierung aus, sei es in Jerusalem, Paris, Oslo oder Budapest. Auch im Berliner Ort der Information am Denkmal für die ermordeten Juden Europas folgt das Ausstellungskonzept konsequent dem Ansatz der Individualisierung. Bereits im Foyer weisen sechs großformatige Porträts den Besuchern den Weg in die Ausstellung, in der mit dem Raum der Familien ein Raum gestaltet wurde, der ausschließlich der Erzählung von Familienschicksalen und dem Zeigen von (privaten) Familienfotografien gewidmet ist. Auch hier soll Mit- und Einfühlen ermöglicht, an Verlust und verlorengegangene Erinnerungen gemahnt und Gedenken ermöglicht werden.

Fotografien als Erinnerungsträger

Privatfotografien sind Erinnerungsträger und -anlässe. Sie dokumentieren Erlebnisse und sollen anderen nachvollziehbar machen, was man erlebt, geliebt oder verloren hat. Sie sind in westlichen Kulturen ein zentrales Mittel, um sich zum einen seiner Individualität zu versichern. Darüber hinaus sind sie Erinnerungsstützen und helfen, die eigene Biographie zu beglaubigen. In der visuellen Repräsentation des Holocaust unterstreichen sie die Individualität der Opfer und lösen sie aus der anonymen Masse Millionen Toter ohne Namen und Gesichter heraus. So wie Privatfotografien Träger persönlicher Erinnerungen sind, werden Porträt- und Alltagsfotografien zu universellen Erinnerungsträgern an den Holocaust.

Gefahren einer individualisierten visuellen Repräsentation des Holocaust

Diese funktionale Umwidmung birgt aber auch Gefahren. So sind die Fotografien aus ihren ursprünglichen Überlieferungs- und Bedeutungszusammenhängen herausgelöst – es sind eben keine privaten Fotografien mehr. Bleiben sie unkommentiert und in stark verkürzte Verweisungszusammenhänge gesetzt, werden sie als Aufmerksamkeits- und Erinnerungsimperative [Aleida Assmann] instrumentalisiert. So bleibt das Zeigen dieser Fotografien solange problematisch wie sie nicht „gerahmt“ werden. Das kann zum Beispiel durch biographische Erzählungen geschehen. Es müssen die Geschichten hinter den Gesichtern erzählt werden. Sie sind es die berühren, stärker als Fotos, die in ihrer zeitlichen Fremdheit auch Irritationen auslösen können und im Zweifel mehr durch ihre Inszenierung als durch ihre immanente Botschaft wirken.

Ohne Kontextualisierung wird ein fast schon systematisierender, ethnologischer Blick auf eine ausgelöschte Welt freigegeben. Die Betrachter sehen auf den Fotografien ihnen ganz und gar unbekannte Menschen. Das einzige was sie sehen, ist etwas für die Zeit ihres Entstehens Typisches – die Kleidung, die Frisuren die sozialen Rollen. Nur in Verbindung mit den persönlichen Geschichten können Porträt- und Alltagsfotografien ihr gesamtes empathisches Potenzial entfalten. Wenngleich auch dann immer noch die Gefahr besteht, das die Geschichte sich in scheinbar beliebige Einzelschicksale auflöst. Dem kann nur entgegnet werden, indem die persönlichen Geschichten in den Gesamtzusammenhang der Geschichte des Nationalsozialismus und Holocaust gestellt werden und nicht emotionalisierende zusammenhanglose Bruchstücke bleiben.

Zusammenfassung

Mit dem Zeigen menschlicher Antlitze ist die Absicht verbunden, die Erinnerung an diese Menschen und somit an das Verbrechen generell aufrecht zu erhalten. In der Darstellung wird darum auf Stilmittel persönlicher Tradierungsmedien, wie z. B. private Fotoalben, zurückgegriffen. Über einen empathischen Zugang wird versucht, Bezüge zur Lebenswirklichkeit der Besucher bzw. Schülerinnen und Schüler herzustellen. Dazu gehört auch, dass die Erzählungen im Leben der Menschen vor dem Holocaust beginnen. Will man Empathie schaffen, ist es sinnvoll, dort anzusetzen, wo die Opfer noch keine Opfer sondern durchschnittliche Menschen waren. Sie stehen so der Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler viel näher als später, wo sie zu Opfern eines unvorstellbaren Verbrechens wurden. Einer Diskreditierung und Instrumentalisierung dieses eindrucksvollen Ansatzes muss durch eine konsequente biographische und allgemein historische Kontextualisierung entgegengetreten werden.

[1] Mosaik. Der Geschichte auf der Spur D3: Vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Gegenwart, München 2009, S. 57.

 

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