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Über Fotografien reden und schreiben

Anmerkungen zu sprachlichen Stereotypen

Dr. Christoph Hamann ist Referent am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM).
Von Christoph Hamann

Das Reden und Schreiben über Bilder ist häufig durchsetzt mit stereotypen Wendungen und konventionellen Metaphern. Dies erleichtert die Kommunikation und bietet zugleich den Vorteil der Anschaulichkeit. Hinsichtlich seiner kommunikativen Funktion hat ein solcher Sprachgebrauch also viele Vorteile. Denn die Dialogpartner wissen jeweils, was der Andere meint. Tatsächlich verbergen sich hinter der kommunikativen Eingängigkeit implizite Fehlkonzepte, die einer angemessenen Bildwahrnehmung eher im Wege stehen. Ich werde dies an drei Beispielen verdeutlichen und auf historisches Forschen und Lernen beziehen.

„Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“

Darin steckt ein Körnchen Wahrheit, denn die Fotografie zeigt in der detailgenauen Darstellung des Abgebildeten dieses in einer ausgesprochenen Konkretion und Fülle. Wollte man einem Blinden ein Bild beschreiben, dann würden tatsächlich 1000 Worte nicht ausreichen, um dieses vor seinem inneren Auge entstehen zu lassen. Der Beschreibende würde angesichts der Schwäche der Sprache notwendig scheitern, denn Bilder sind „un-beschreib-lich“. Fotografien sind ihres Detailreichtums und ihrer Präzision wegen deshalb als historische Quelle von großem Wert. Dies gilt vor allem für die Darstellung von dauerhaften Zuständen (Wohnverhältnisse, Arbeitsbedingungen, Topografien etc.).

Der Hinweis, dass ein Foto nichts „sagen“, sondern allein etwas „zeigen“ kann, ist keine semantische Beckmesserei. Denn es sagt allein der Bildbetrachter etwas. Und verschiedene Bildbetrachter können unter Umständen sehr verschiedenes über eine Fotografie „sagen“. Denn diese ist grundsätzlich mehrdeutig. So war es eben bei der so genannten Wehrmachtsausstellung zunächst strittig, ob die deutschen Soldaten in Tarnopol, die neben getöteten Zivilisten abgelichtet wurden, diese auch getötet haben. Als Momentaufnahme, die eben das Vorher und das Nachher der gezeigten Situation nicht im Bild hat, kann eine Fotografie nicht Ursache und Folge, also keine Handlungszusammenhänge visualisieren. Wer die Zivilisten umgebracht hat, dies kann erst durch eine Re-Kontextualisierung der Aufnahme in ihre historischen Bezüge ermittelt werden. Und dafür braucht es andere Fotos dieser Situation und Berichte über diese - mithin also auch Textquellen. So schreibt Susan Sontag: „Und jedes Foto wartet auf eine Bildlegende, die es erklärt – oder fälscht.“ In Bezug auf die zeitlichen Abfolgen, auf Temporalität und Kausalität „sagen“ Fotografien also nichts. Im Gegenteil – sie sind stumm.

„Fotografien sind Fenster zur Vergangenheit“

Diese anschauliche Metapher erscheint besonders überzeugend. Denn der Bildrand kann zunächst tatsächlich als Fensterrahmen verstanden werden, durch den aus der Gegenwart in die Vergangenheit geblickt werden kann. Ein Fenster bietet jedoch die Möglichkeit, aus ihm in die eine oder die andere Richtung zu blicken. Die Perspektive des „Fensterguckers“ ist nicht statisch. Anders dagegen bei der Fotografie. Der Fotograf legt fest, was er abbildet und wie er es abbildet. Der Bildbetrachter hat keine Wahl, er ist beim Anblick der Fotografie der Perspektive des Fotografen ausgeliefert. So übernimmt er bei Aufnahmen von Propagandafotografen aus dem II. Weltkrieg deren Blickwinkel und so übernimmt er bei Fotografien aus Konzentrationslagern unausweichlich die Täterperspektive. Er entkommt ihr nicht, ihm bleibt nur, sowohl die (historische) Perspektivität der visuellen Quelle wie auch die (notwendig gegenwärtige) Perspektivität des eigenen Blicks kritisch zu reflektieren. Und außerdem: Die Vergangenheit ist vergangen, wir können allein dasjenige wahrnehmen, was sie „übrig“ gelassen hat – nämlich die Quellen. Sie selbst bleibt für immer unerreichbar.

„Bilderfluten“ oder „Bilderschwemmen“

Dieser gerne gebrauchte Topos ist meist verbunden mit einer kulturkritischen Haltung, die vor einer Überwältigung durch Bilder warnt. Denn in Fluten“ oder „Überschwemmungen droht man unterzugehen. Weil es eine Grundeigenschaft der Fotografie ist, die Illusion der Anwesenheit von etwas Abwesenden zu erzeugen, steht sie im Verdacht, Realität nur vorzutäuschen, also potentiell ein „Trug-Bild“ zu sein. Texten wird dagegen eher unterstellt, sie seien „Wahr-Zeichen“.
Begriffe wie „Bilderfluten“ operieren zudem zutiefst unhistorisch. Bilder spielten auch bei den Kommunikationsprozessen in der Vergangenheit eine wichtige Rolle. Und dies umso mehr, je weniger die Bevölkerung alphabetisiert war und die Kompetenz des Schreibens und Lesens auf Minderheiten wie den Klerus und die Wissenschaft beschränkt war. So forderte Papst Gregor der Große (ca. 540-604): „In den Kirchen muß es Bilder geben, damit diejenigen, die nicht in Büchern zu lesen verstehen, beim Betrachten der Wände ‚lesen’ können.“ Mit den technischen Innovationen wie dem Buchdruck im 15. oder der Digitalisierung im 20. Jahrhundert vervielfältigten sich nicht nur die Reproduktionsmöglichkeiten für Bilder, sondern eben auch für Texte.

 

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kinder!kinder was ist mit denen?

für kinder bitte! nicht lang erklären, antwort!