Lernort

Hingeschaut und nachgehakt

Ein Projekttag zur quellenkritischen Bildinterpretation

Claudia Bock (Studentin für das Gymnasiallehramt an der Universität Heidelberg und Praktikantin im Dokumentationszentrum Heidelberg) und Andreas Pflock (Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Dokumentationszentrum Heidelberg) haben gemeinsam den Projekttag entwickelt.
Von Andreas Pflock und Claudia Bock

Das spezielle Lernpotential der in Ausstellungen und Archiven gezeigten bzw. aufbewahrten fotografischen Zeugnisse wird bisher in der Bildungsarbeit von Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus nur wenig genutzt. Der Projekttag „Hingeschaut und nachgehakt“ des Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma verknüpft quellenkritische Fotoanalyse mit historischem Lernen.

Hintergründe

Eine Vielzahl historischer Fotografien in der Ausstellung des Dokumentations- und Kulturzentrums visualisiert die Geschichte des nationalsozialistischen Völkermords an Männern, Frauen und Kindern. Hinter der Kamera der meisten Aufnahmen standen Täter und Zuschauer. Andere Aufnahmen stammen aus dem Privatbesitz jener Menschen, die schließlich erst zu Opfern gemacht wurden. Sie zeigen Sinti und Roma vor der Verfolgung und dem Völkermord.

Wenn diese fotografischen Quellen heute dem Beweis und der Visualisierung des Verbrechens dienen, so geht damit eine Loslösung von ihrem ursprünglichen Entstehungskontext einher. Die vor dem Völkermord in privatem (geschütztem) Raum entstandenen Alltagsfotografien stehen heute in Ausstellungen, Büchern und Filmen im öffentlichen Raum, um den Opfern ein Gesicht zu geben. Von Rasseforschern angefertigte Fotos, welche die Seriosität und den angeblichen wissenschaftlichen Anspruch ihrer Arbeit dokumentieren sollten, visualisieren heute den Prozess der Degradierung der Opfer zum reinen Untersuchungsobjekt. Allein anhand dieser zwei Beispiele wird deutlich, dass sich der ursprüngliche Verwendungskontext der Fotografien deutlich von ihrer heutigen Interpretation und Präsentation unterscheidet.

Vorüberlegungen

Fotografien sind als visuelle Zeugnisse nicht nur ein Teil vergangener Realität, sondern zugleich eine Deutung der Realität – eine subjektive Interpretation oder gar eine Inszenierung der Wirklichkeit durch die Fotografen. Allen Aufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus ist zudem gemein, dass ihre heutige Betrachtung maßgeblich von jahrzehntelanger Auseinandersetzung bzw. historischer Aufklärung beeinflusst ist. Wir sehen diese Bilder heute buchstäblich mit anderen Augen als die Zeitgenossen. Die inzwischen aufgrund ihres hohen Bekanntheitsgrades zu Bildikonen gewordene Gruppe von Fotografien knüpft an vertraute Muster an, die eine schnelle Wiedererkennung durch die Betrachtenden ermöglichen. Gleichzeitig wird jedoch auch die Komplexität der Wahrnehmung, der Beurteilung und des Denkvermögens negativ beeinflusst. Bildikonen und Fotos werden demnach häufig nicht genau betrachtet, sondern schlichtweg nur „wiedererkannt“. Nur durch die Verwendung von unbekannteren Fotos kann diesem ritualisierten Prozess der Wahrnehmung entgegengewirkt werden.

Als Grundvoraussetzung für eine quellenkritische Arbeit mit Fotografien gilt, dass Informationen über deren verschiedene Kontextebenen überliefert bzw. bekannt sein müssen, um überhaupt bearbeitet werden zu können. Vor allem, weil die Identität bzw. Position des Fotografen ein bestimmendes Element beim Entstehungsprozess der Aufnahmen bildet, wurden die Fotografien für die Zielsetzung des Projekttages nach ihrem Autorenkontext kategorisiert. In der Ausstellung und im Archiv des Dokumentationszentrums lassen sich fotografische Zeugnisse aus u.a. den folgenden Autorenkontexten finden: Fotografien der Täter, der Zuschauer und Mitläufer, des Widerstandes, der Opfer sowie der alliierten Befreier und Befreiten der Konzentrationslager. Die Intentionen der Aufnahmen reichen dabei vom Festhalten des Alltags, über propagandistische Beeinflussung bis hin zur Dokumentation und Anklage der Verbrechen.

Für den Projekttag wurden insgesamt sieben Aufnahmen aus unterschiedlichen Kategorien für eine Fotoanalyse ausgewählt: darunter das Porträt eines Sinti-Mädchens, die Aufnahme einer „Rasse-Untersuchung“, ein Gruppenfoto von SS-Leuten in ihrer Freizeit sowie die Aufnahme eines befreiten Häftlings mit einem englischen Soldaten. Als weiteres zentrales Auswahlkriterium galt, anhand der Fotografien wesentliche Aspekte der Verfolgung der Sinti und Roma thematisieren zu können.

Projektablauf

„Hingeschaut und nachgehakt“ wurde für die Dauer von insgesamt vier Stunden inklusive einer 30 minütigen Pause konzipiert und gliedert sich in folgende Abschnitte: gemeinsame Begrüßung und Einführungsrunde, Gruppenarbeit „Betrachten“, Gruppenarbeit „Erforschen“ sowie gemeinsame Ergebnispräsentation und Abschlussrunde. Im Mittelpunkt der Einführungsrunde steht eine Fotografie, die einen Holzwohnwagen mit einigen Personen zeigt.

Ohne Fototitel und Hintergrundinformationen weisen alle im Foto vorhanden Deutungsmuster (Wohnwagen, Kleidung der abgebildeten Personen u.a.) darauf hin, dass es sich hierbei um einen „Zigeunerwagen“ handeln muss. Die Schülerinnern und Schüler äußern sich zunächst zur Bildwirkung, beschreiben das Foto und dessen Inhalt und formulieren abschließend einen Bildtitel. Dabei sollen sie erklären, worauf sie ihre Bildinterpretation stützen bzw. aus welchen Details des Bildes sie diese ableiten. Erst danach wird der eigentliche Entstehungskontext der Fotografie enthüllt: Es handelt sich um die Aufnahme eines Wagens bei einem Karnevalsumzug. Am Widerspruch zwischen den getroffenen Bildinterpretationen und dem tatsächlichen Bildkontext wird deutlich, welche Auswirkungen z.B. das Weglassen oder das Fälschen einer Bildunterschrift für die Betrachter haben kann – und wie einfach deren Bildinterpretation dadurch zu manipulieren ist. Auch kann bei der Überlieferung von Fotografien der eigentliche Entstehungskontext verloren gehen. Falsche Zuschreibungen können so auf Grund von vorhandenen stereotypen Bildelementen damals wie heute schnell und unreflektiert getroffen werden.

Bereits in diesem Abschnitt des Projekttages wird den Schülern verdeutlicht, dass es wichtig ist, Fotografien genau zu betrachten und sich über ihre Herkunft und ihren Hintergrund zu informieren. Die Einführungsrunde ist zudem ein wesentlicher Ansatzpunkt, um über Vorurteile gegenüber Sinti und Roma und die Geschichte der Minderheit in Deutschland und Europa diskutieren zu können.

In den anschließenden Arbeitsphasen „Betrachten“ und „Erforschen“ setzen sich Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen intensiv mit einzelnen Fotografien auseinander. Dabei steht beim „Betrachten“ die Förderung der eigenen visuellen Kompetenz durch die intensive Analyse der Fotografie im Mittelpunkt. Zudem lernen die Schülerinnen und Schüler die Wirkungsweisen der Fotografien kennen und reflektieren ihre Produktion- und Rezeptionsbedingungen. Erst im Anschluss an die Analyse wird die Fotografie gedeutet und interpretiert. Ob die dabei vollzogenen Schlussfolgerungen in die richtige Richtung tendieren, überprüfen die Schülerinnen und Schüler anschließend selbständig bei der Erforschung des fotografischen und historischen Kontextes.

Beim „Erforschen“ müssen die Teilnehmenden sowohl das zu bearbeitende Foto selbst als auch sekundäre Quellen über den historischen und fotografischen Kontext des Fotos zunächst in der Ausstellung finden. Die Quellensammlungen (Fotografien, Dokumente, Texte und Videosequenzen) wurden in Archivmappen zusammengestellt und sind kurz gehalten, um eine abwechslungsreiche Nutzung möglichst vieler verschiedener Quelle zu ermöglichen. Somit ist die Erschließung der Kontexte in kleinen Arbeitsschritten möglich. Im Idealfall sind folgende Bereiche durch die Arbeit mit den Quellen abgedeckt: historisch-gesellschaftlicher Kontext, Autoren- und Produktionskontext, Verwendungskontext, Überlieferungskontext, Rezeptionskontext.

Abschließend erfolgt die Präsentation der Fotos durch die Arbeitsgruppen in der Ausstellung. Dabei werden beide Phasen der Bearbeitung (Betrachten und Forschen, Fotoanalyse und Fotokontextualisierung) gegenübergestellt.

Ergebnisse

Die beteiligten Schülerinnen und Schüler legen ihre gewohnte Konsumhaltung gegenüber Fotografien ab. Sie erkennen, dass das Medium der Fotografie nicht nur als Begleitmedium dient, sondern im Zentrum eines komplexen Vermittlungsprozesses steht. Dabei wird deutlich, dass Fotos, anders als gewohnt, länger und intensiver betrachtet werden müssen, um sie interpretieren und produktiv mit ihnen arbeiten zu können. Durch die Thematisierung der subjektiven Bildwirkung lernen die Schülerinnen und Schüler, dass Fotografien zunächst ganz unterschiedlich auf Personen wirken können und es keine richtige oder falsche Bildwahrnehmung gibt. Durch die objektive Bildbeschreibung wird die Basis für den methodischen Umgang mit dem Medium der Fotografie geschaffen. Die Teilnehmenden lernen das genaue Betrachten, da sie ihre Aussagen über den Bildinhalt immer wieder an Bildaspekten belegen müssen. Bei der Recherche der fotografischen Kontexte wird deutlich, wie schnell Muster, Stereotype und Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten falsche Fotodeutungen entstehen lassen. Die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass der Kontext einer Fotografie, auch wenn ihr Bildinhalt noch so eindeutig erscheinen mag, immer quellenkritisch hinterfragt werden sollte.

 

 

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