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Die Bildquelle im Geschichtsunterricht

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Hans-Jürgen Pandel: Bildinterpretation. Die Bildquelle im Geschichtsunterricht, Wochenschau-Verlag 2008, 239 S., mit CD-ROM, € 19,80.
Rezensiert von Charlotte Bühl-Gramer

Nachdem Bernd Roeck 2004 in seiner herausragenden Monografie das historische Auge auf Kunstwerke und insbesondere Bilder gerichtet hat, schaut Hans-Jürgen Pandel in seinem instruktiven Buch mit dem geschichtsdidaktischen Auge auf Bilder als historische Quellen. In zehn kurzen Kapiteln werden zentrale Fragen zu Voraussetzungen und Bedingungen historischer Erkenntnis mit und an Bildern erörtert. Grafische Sonderformen wie Karikatur, Plakat und Comic bleiben ausgespart.

Im einleitenden ersten Kapitel zur Theorie des Bildes stellt der Autor den diesem Band zugrunde gelegten Bildbegriff voran und erläutert die "pikturale Differenz" (Gottfried Boehm) als wichtigen Grundbegriff im Umgang mit Bildern. Daraufhin werden Stärken und Schwächen des visuellen Codes aufgezeigt und im Anschluss daran das distanzierte Verhältnis zwischen Bild und Geschichtswissenschaft thematisiert, das seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert von großer Distanz geprägt war. Der Quellenwert von Bildern hatte deshalb nur wenig Beachtung gefunden. Das hat sich mittlerweile geändert. Auf die aktuellen Diskurse verweist Pandel in diesem kurzen Überblick allerdings nur durch die Nennung der Namen Peter Burke, Bernd Roeck und Gerhard Paul.

Das zweite Kapitel widmet sich der "Einteilung des visuellen Feldes". Die hier vorgestellte Strukturierung von Bildquellen nach geschichtsdidaktischen Kategorien anstelle von Bildinhalten ist überzeugend: In knappen Übersichten werden Bildgattungen vorgestellt, die für die jeweilige historische Epoche - von der Höhlenmalerei der Ur- und Frühgeschichte bis zur Fotografie und modernen Historienmalerei des 20. und 21. Jahrhunderts - typisch sind. Dieses Bildcurriculum führt damit den Leser in bildliche Charakteristiken der visuellen Sichtweisen von historischen Epochen ein, auf die auch Schülerinnen und Schüler im Laufe ihres Geschichtsunterrichts stoßen. Allerdings wären außer der für das Mittelalter vorgestellten, zweifellos wichtigen und zentralen Bildgattung der Buchmalerei einige Anmerkungen zur Wand-, Tafel- und Glasmalerei in Kirchen und Klöstern gerade mit Blick auf deren hohe Bildwirksamkeit hilfreich gewesen.

Im dritten Kapitel werden Ergebnisse der Psychologie zur Bildwahrnehmung vorgestellt. Daran schließt sich ein kurzer historischer Abriss zum Bild in der Geschichte des Geschichtsunterrichts an. Der Überblick beginnt mit Comenius und dem didaktischen Prinzip der Anschauung, skizziert die emblematische Methode, die Funktion von Bildern in der Pädagogik der Aufklärung und von Wandbildern im 19. Jahrhundert und schließlich in Lehrwerken sowie der geschichtsdidaktischen Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Einige Titel der Unterkapitel sind hier jedoch etwas irreführend: So finden sich unter der Überschrift "4.6 Siebziger Jahre" tatsächlich nur einige wenige Sätze zu Begriff und Rolle von Bildquellen in dieser Zeit. Stattdessen erläutert der Verfasser an dieser Stelle Tendenzen und in der Tat bedenkliche Fehlentwicklungen gegenwärtiger Schulbuchgestaltung. Die 1980er und 1990er Jahre bleiben dagegen vollständig ausgeblendet. Auch der Titel des Unterkapitels 4.7 "Geschichte der audio-visuellen Medien" ist nicht glücklich gewählt, da hier ausschließlich erste frühe Belege des Einsatzes von Bildprojektionen (laterna magica) und deren Kombination mit Versgeschichten im Geschichtsunterricht vorgestellt werden.

Das Kapitel "Interpretation" ist eines der Kernstücke des Buches, zeigt doch bereits der Titel des Buches unmissverständlich, dass die Bildinterpretation stets das zentrale, unverzichtbare Verfahren zur Sinnentnahme darstellt. Mit Recht weist Pandel hier und an anderen Stellen daraufhin, dass in der geschichtsdidaktischen Literatur Unterrichtsmethodik und Bildhermeneutik häufig verwechselt werden und nur selten Hinweise enthalten sind, wie aus Bildern historischer Sinn entnommen werden kann.

Im Rückgriff auf seinen Beitrag zur Bildinterpretation im "Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht" werden zunächst "Interpretationshinsichten" aufgezeigt. Hierbei unterscheidet Pandel vier Gruppen von Bildelementen: Personendarstellung, Formenelemente, Symbole und Relationen. Im Anschluss daran werden vier Ebenen der interpretatorischen Sinnbildung vorgestellt. In Anknüpfung an den Kunsthistoriker Erwin Panofsky folgt auf die ikonografische Beschreibung die ikonologische Analyse. Der dritte Schritt der interpretatorischen Sinnbildung ist, dem Historiker Rainer Wohlfeil folgend, die historische Interpretation, mit der der Dokumentensinn des Bildes herausgearbeitet wird. Mit der narrativen Analyse erweitert Pandel die Bildhermeneutik um einen für den Geschichtsunterricht notwendigen vierten Schritt: Mit der Frage nach dem Zeitsinn soll das Bild um die Vor- und Nachgeschichte ergänzt werden. Historisches Lernen mit und an Bildern ist demnach nur dann möglich, wenn der im Bild festgehaltene Augenblick wieder in Bewegung gesetzt und zu den Zeitdimensionen Vergangenheit und Zukunft in Beziehung gesetzt wird.

Werden im sechsten Kapitel die Bezüge von Schrift und Bild thematisiert (Schrift im Bild, Schrift unter dem Bild durch Bildlegenden, Bilder im Text-Bild-Bezug), bilden die Ausführungen zur Didaktik des Bildes das zweite Kernkapitel des Bandes. Darin plädiert der Verfasser für einen Blickwechsel: So muss die geschichtsdidaktische Reflexion zu Bildern über die bislang dominierende instrumentelle Funktion hinausgehen. Bilder müssen also auch in ihrer Eigenständigkeit wahrgenommen werden. Die Reflexion und Klärung der Frage, welche Bilder in Form und Inhalt um ihrer selbst Willen in unterschiedliche Lernprozesse einbezogen werden sollen, bilden damit eine wichtige Aufgabe der Geschichtsdidaktik.

Historisches Denken soll und kann also nicht nur mit Hilfe von Bildern erlernt werden, sondern durch den Bildakt selbst: Zentrale Aspekte eines kompetenzorientierten Erlernens historischen Denkens am Bild sind für Pandel der Aufbau eines historischen Bildgedächtnisses, das Erkennen visueller Rhetorik, die Erweiterung der visuellen Ästhetik durch die ästhetische historische Form sowie die visuelle Topik. Die im nachfolgenden Kapitel "Methodik" vorgestellten Möglichkeiten werden entsprechend dem Primat der Bildhermeneutik als methodische Arrangements verstanden. Diese können die Interpretation nicht ersetzen, aber erleichtern bzw. erweitern. In den letzten beiden Kapiteln widmet sich Pandel im Zusammenhang mit Narrativität als erkenntnislogischer Grundlage des Historischen den Möglichkeiten des visuellen Erzählens durch die Sonderform der Bildgeschichten. Im letzten Kapitel wird diese Sonderform anhand einer narrativ strukturierten Bildfolge des tschechischen Künstlers Alfred Kantor exemplifiziert.

Pandels überwiegend theoretische Reflexion bietet einen sehr kenntnisreichen und lesenwerten Ein- und Überblick über das weite geschichtsdidaktische Forschungs- und Arbeitsfeld einer Didaktik des Bildes. Dass dieses Feld nur äußerst schwer zu strukturieren ist, merkt man den Kapiteln stellenweise an. Eine kurze Bibliografie am Ende eines jeden Kapitels lädt ebenso zur weiterführenden Lektüre ein wie das Verzeichnis zu Literatur allgemeinen Charakters am Ende des Buches. Die 124 schwarz weiß abgedruckten Bilder des Buches befinden sich - soweit vorliegend zum Teil auch in Farbe - auf der beigegebenen kleinen CD-ROM.

Soeben ist der zweite Band zur "Bildinterpretation praktisch" erschienen. In die Auswahl der Bilder und die angekündigten kompetenzorientierten Aufgabentypen darf man nach der Lektüre des ersten Bandes hohe Erwartungen setzen.

Dieser Text wurde erstmals veröffentlicht in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 4 [15.04.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/04/12684.html. (Stand 20.05.2010)