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„Volk ohne Raum“

Zur Kontinuität kolonialer Begierden in Deutschland

Karl Rössel ist Kurator der (Wander-)Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ (von der auch flexible Versionen in A1- und A2-Formaten z.B. für Schulen ausleihbar sind) und Koautor des Buchs „Unsere Opfer zählen nicht“ (Hamburg, Berlin 2005) sowie der Unterrichtsmaterialien „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ (Köln, 2008).
Von Karl Rössel

"Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien."

Dieses Zitat klingt wie aus Propaganda des NS-Regimes, stammt jedoch von Konrad Adenauer, dem späteren Bundeskanzler (1949-1963). Vor 1933 war Adenauer nicht nur Oberbürgermeister der Stadt Köln, sondern auch stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft. In einer „Kolonialen Sonderschau“ auf der Kölner Zeitungsmesse „Pressa“ wurde 1928 mit diesem Adenauer-Zitat die Eroberung von „menschenleerem Raum“ in Afrika propagiert. Daneben waren zwei Karten abgebildet: eine kleine, gedrängte von Deutschland mit dem Titel: „60 Millionen ohne Raum“ und eine große, weite von Afrika mit der Überschrift: „Raum ohne Volk“.

Seit das Deutsche Reich nach dem Ersten Weltkrieg bei den Friedensverhandlungen von Versailles im Jahre 1919 "seine" Kolonien an die Siegermächte hatte abtreten müssen, agitierten deutsche Kolonialwarenhändler, Industrielle und Bankenvertreter, die von der Ausplünderung der deutschen Kolonien profitiert hatten, gegen die "Schande von Versailles". Nationalkonservative Politiker wie Adenauer unterstützten diese Kolonial-Propaganda und das NS-Regime konnte nahtlos daran anknüpften. Die NSDAP richtete schon 1933 ein Kolonialpolitisches Amt (KPA) ein, um die Verwaltung eines "germanischen Kolonialreichs" in Afrika vorzubereiten. Dieses sollte von der Atlantikküste im Westen bis zum Indischen Ozean im Osten des Kontinents reichen. Seine Eroberung gehörte zu den erklärten Kriegszielen der Nazis und sollte nach der Unterjochung Osteuropas erfolgen.
Ab 1940 rekrutierte das NS-Regime Polizisten und SS-Truppen für Einsätze "in den Tropen" und bildete ausgewählte Männer und Frauen für die Verwaltung von Plantagen und Minen aus. Denn das afrikanische Kolonialreich sollte Nazideutschland mit Nüssen, Ölen, Kaffee, Tee, Kakao, Tabak und Südfrüchten, Baumwolle, Sisal, Tropenhölzer, Erzen, Metallen, Gold und Diamanten versorgen. Selbst "Arbeitsbücher" zur Registrierung der „Eingeborenen“, die unter deutscher Aufsicht Zwangsarbeit leisten sollten, wurden bereits gedruckt. Und NS-Juristen entwarfen ein "Kolonialblutschutzgesetz", um jegliche "Rassenmischung" in den Kolonien zu unterbinden. Schon im Juli 1941 konnte das KPA vermelden: "Wenn der Führer, der Gestalter der deutschen Zukunft, den Einsatzbefehl auf kolonialem Gebiet geben wird, so wird er das Kolonialpolitische Amt gerüstet finden, diesen Befehl nach Kräften auszufüllen."

Die ostafrikanische Insel Madagaskar wollte das NS-Regime auf besonders perfide Weise nutzen. Vier Millionen europäische Juden sollten dorthin deportiert werden. Dabei war klar, dass auf der Insel keineswegs so viele Menschen überleben konnten. Der Tod der meisten Deportierten war einkalkuliert. Die Überlegenheit der britischen Flotte auf den Seewegen rund um Afrika verhinderte, dass Madagaskar zum Schauplatz des Holocaust wurde. Außerdem bot „der Krieg gegen die Sowjetunion ... die Möglichkeit ... andere Territorien für die Endlösung zur Verfügung zu stellen“, wie Franz Rademacher, Leiter des "Referats Judenfragen" im Auswärtigen Amt, am 10. Februar 1942 in einem Brief an seinen Kollegen Ernst Bielfeld, Leiter der Kolonialabteilung, erläuterte. Danach hatte „der Führer entschieden, dass die Juden nicht nach Madagaskar, sondern nach Osten abgeschoben werden sollen.“

Mit ihrem Sieg in Stalingrad vereitelte die Rote Armee die geplante Eroberung eines deutschen Kolonialreiches in West- und Zentralafrika. Zugriff auf die französischen Kolonien erhielt das NS-Regime dennoch mit Hilfe der französischen Kollaborationsregierung von Vichy, wie schon im Waffenstillstandsvertrag von Hitler und Petain im Juni 1940 festgeschrieben wurde. So kam der Kautschuk zur Bereifung deutscher Militärfahrzeuge z.B. aus den französischen Kolonien in Indochina. Die Kolonialbehörden des Vichy-Regimes lieferten den faschistischen Achsenmächten für die Rüstungsproduktion auch 900 000 Tonnen Phosphat und 350 000 Tonnen Eisen.

In Westafrika trieben französische Kolonialbeamte auf Geheiß des NS-Regimes sogar Geld zur Verpflegung der 60.000 bis 90.000 afrikanischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern ein, die auf Seiten der Alliierten gekämpft hatten. Bauern in der Elfenbeinküste z.B. mussten einem "Komitee zur Versorgung der Kriegsgefangenen" Kolanüsse, Mais, Mehl, Honig und Geld aushändigen. Allein Algerien lieferte in einem Jahr 450 000 Doppelzentner Getreide, 220 000 Schafe und 4,8 Millionen Hektoliter Wein, während die algerische Bevölkerung an Unterernährung, Tuberkulose und Typhus litt. Ab Februar 1941 kam noch die Versorgung der deutschen Panzerverbände in Nordafrika hinzu, für die im Maghreb weitere Nahrungsmittel, PKW und Lastwagen konfisziert wurden.

Im Zweiten Weltkrieg setzten alle kriegführenden Mächte Menschen und Ressourcen aus den Kolonien ein. Insgesamt stellte die „Dritte Welt“ mehr Soldaten als Europa und hatte mehr Kriegsopfer zu beklagen als die Kriegstreiber Deutschland, Italien und Japan zusammen. Dass Fakten wie diese bis heute in unseren Geschichtsbüchern kaum vorkommen, dokumentiert nach Meinung von Kum’a Ndumbe, Professor an der Universität Jaunde in Kamerun, die Kontinuität kolonialen Denkens bis in die Gegenwart: „Die Forscher aus den wohlhabenden Staaten unterliegen bewusst oder unbewusst einem stillen Rassismus, der sie dazu führt, Geschehnisse außerhalb ihres eigenen ‚Wohlstandszentrums’ als wenig relevant für ihre Arbeit zu betrachten ... Wer die Mittel besitzt, bestimmt auch die Themen, Theorien und Richtungen der Forschung. Opfer aus der Peripherie zählen deshalb nicht.“

Weitere Informationen

Detaillierte Informationen zu den Publikationen und der Ausstellung finden sich unter: http://www.3www2.de
 

Ferner möchten wir Sie auf eine Rezension des Buches "Unsere Opfer zählen nicht" und auf die dazugehörigen Unterrichtsmaterialien verweisen. Informationen zur Online-Ausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" finden Sie hier.

 

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