Zur Diskussion

Nationalsozialismus – postkolonial?

Christian Kopp, Jahrgang 1968, Historiker/Ausstellungsmacher bei Berlin Postkolonial e.V., Sprecher der Gedenkkampagne "125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz: erinnern.aufarbeiten.wiedergutmachen",  Kurator der Wanderausstellung "/freedom roads!/ - Koloniale Straßennamen und postkoloniale Erinnerungskultur"
Von Christian Kopp

Das Jahr 2010 bietet einen zweifachen Anlass, sich näher mit der Kolonialgeschichte zu beschäftigen. Zum einen jährte sich Ende Februar zum 125. Mal der Abschluss der berüchtigten Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85, auf der die Vertreter der Kolonialmächte über Afrika verfügten, als wäre es ihr Eigentum. Außerdem feiern in diesem Jahr nicht weniger als 17 afrikanische Staaten das 50. Jubiläum ihrer staatlichen Unabhängigkeit. Darunter befinden sich auch die ehemaligen deutschen Kolonien Kamerun und Togo. Namibia, das einstige Deutsch-Südwestafrika, begeht den 20. Jahrestag seiner Befreiung von der südafrikanischen Besatzung.

Deutschlands akademische Geschichtsschreibung bedarf dieser Anstöße nur noch bedingt. In mehr und mehr Städten der Bundesrepublik beschäftigen sich mittlerweile auch außeruniversitäre Initiativen mit der kritischen Aufarbeitung der Kolonialgeschichte vor Ort. Weniger kritische TV-Dokus und verklärende Kolonialfilme laufen zur prime time und zeigen deutsche Geschichte global. Nach Jahrzehnten des Vergessens und Verdrängens ist unsere Kolonialvergangenheit en vogue.

Demgegenüber erscheint der europäische Kolonialismus/Imperialismus in vielen Lehrplänen und Schulbüchern noch immer als bloßes Vorspiel zum Ersten Weltkrieg, die deutsche Kolonialvergangenheit als Randglosse der Nationalgeschichte. Dabei könnte eine intensivere Beschäftigung mit dem Unterrichtsthema wichtige Einsichten in den (gewaltsamen) Auftakt zur Globalisierung und in den immer schon globalen Kontext deutscher Geschichte vermitteln. Vor allem aber würden die Jugendlichen dabei den kolonialen Wurzeln der anhaltenden Ungleichheit zwischen Nord und Süd und des unüberwundenen Rassismus in unserer Gesellschaft auf die Spur kommen.

Ist selbst unsere Gegenwart vom europäischen Kolonialismus geprägt, gilt das erst recht für die Jahre der NS-Diktatur. So erreichte die deutsche Kolonialbewegung erst während des nationalsozialistischen „Kolonialismus ohne Kolonien“ ihren propagandistischen und auch organisatorisch-bürokratischen Zenit. Unter der Führung des designierten Reichskolonialministers von Epp wurden dabei bis Anfang 1943 detaillierte und konkrete Vorbereitungen für die Annexion und Ausbeutung eines riesigen zentralafrikanischen Kolonialreichs getroffen. Das deutsche Afrika sollte als „Ergänzungsraum“ für Hitlers Großreich in Europa und Asien dienen, dessen Eroberung oberste Priorität besaß.

Im nationalsozialistischen Kolonialreich wäre das rassistische „Kolonialblutschutzgesetz“ zur Anwendung kommen, das noch rigoroser als die traditionelle deutsche Kolonialgesetzgebung auf ein System der Apartheid zielte. Der geschlechtliche Kontakt von Schwarzen und Weißen zum Beispiel hätte danach unter Todesstrafe gestanden.

Aber auch in der nationalsozialistischen Realität verschlechterte sich die Situation der wenigen Schwarzen Menschen nach 1933 drastisch. Zwar blieben sie von der systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden, Sinti und Roma verschont. Doch die von französisch-senegalesischen Besatzungssoldaten abstammenden Kinder wurden als „Rheinlandbastarde“ diffamiert und zwangssterilisiert. Kriegsgefangene schwarze Soldaten erschoss man bei der Besetzung Frankreichs häufig sofort.

Als besonders aufschlussreich für die Geschichte des NS und auch für die des Kolonialismus haben sich Untersuchungen erwiesen, die beide historischen Phänomene in Bezug setzen. Anknüpfend an Hannah Arendts These vom europäischen Kolonialismus/Imperialismus als geistige und praktische Grundlage totalitärer Herrschaft hat vor allem der Historiker Jürgen Zimmerer Verbindungslinien gezogen. So interpretiert er den rassistischen deutschen Völkermord an den Herero und Nama (1904-07), ihre gewollte Dezimierung in den kolonialen „Konzentrationslagern“ als bedeutsame Schritte auf dem Weg nach Auschwitz. Sein fruchtbarer Ansatz, der nicht gleichsetzt sondern vergleicht, verortet die Shoah und den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg im Osten innerhalb des Referenzrahmens einer globalen Kolonial- und Genozidgeschichte. Nicht nur für die Forschung sondern auch für den Geschichtsunterricht dürfte sich eine solche Erweiterung des Blickfeldes als lohnend erweisen.

 

 

Kommentar hinzufügen