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Islam und Integration – Anmerkungen zu einer aktuellen Debatte

Yasemin Shooman ist Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und promoviert derzeit zum Thema „Islam- und muslimfeindliche Diskurse in Deutschland“.
Von Yasemin Shooman

„Der Islam ist ein Teil Deutschlands“ – so lautete das vielzitierte Diktum des damaligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble zum Auftakt der 2006 ins Leben gerufenen Deutschen Islam Konferenz. Sie wird demnächst von seinem Amtsnachfolger fortgesetzt und soll sich nun konkreten Fragen der Integration von Musliminnen und Muslimen widmen. So sehr diese staatlichen Bemühungen zu begrüßen sind, so verstärken sie auch einen Trend, der sich als „Islamisierung“ der Integrationsdebatten bezeichnen lässt: Aus ehemaligen „Gastarbeitern“ oder „Türken“ sind in der öffentlichen Wahrnehmung zusehends „Muslime“ geworden. Die Gründe für diese Verschiebung sind vielfältig; Neben solchen Ereignissen wie den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 haben sie sicherlich auch mit der Änderung im Staatsbürgerschaftsrecht zu tun, die das „Abstammungsprinzip“ (Ius Sanguinis) um das „Geburtsortsprinzip“ (Ius Soli) ergänzte. In der daraufhin losgetretenen „Leitkulturdebatte“ wurde die Kultur als neue Grenzmarkierung zwischen Eigenem und Fremdem bemüht. Seitdem haben die Zuschreibungen aufgrund religiöser und kultureller Zugehörigkeit an Bedeutung gewonnen. Diese Entwicklung geht einher mit einer zunehmenden Sichtbarkeit praktizierender Musliminnen und Muslime, die sich beispielsweise in dem Bau repräsentativer Moscheen niederschlägt.

Nun ist es fast schon banal zu betonen, dass nicht alle Zuwanderer Muslime und auch nicht alle Muslime Zuwanderer sind. Durch die Fokussierung auf den Islam in der Diskussion um Integration wird allerdings der Eindruck zementiert, dass Einwanderinnen und Einwanderer aus Ländern mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung und ihre Nachkommen ein primär von der Religion bestimmtes Kollektiv seien (was man getauften Menschen hierzulande wahrscheinlich nicht per se unterstellen würde). Darüber hinaus suggeriert die häufige Gleichsetzung von Muslimen und Zuwanderern, die eine Ethnisierung der Kategorie „Muslim“ zur Folge hat, dass das „Muslim-Sein“ und das „Deutsch-Sein“ in einem antagonistischen Verhältnis zueinander stünden.

Obwohl viele Musliminnen und Muslime in Deutschland ebenso viel voneinander trennt, wie die Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften auch (man denke nur an die Spannungen zwischen Einwanderinnen bzw. Einwanderern mit türkischem und kurdischem Hintergrund), werden sie nicht selten als monolithische Gruppe betrachtet. Die Essentialisierung und Dichotomisierung von „westlicher“ und „islamischer“ Kultur befördert einen antimuslimischen Kulturrassismus, der – das zeigen diverse repräsentative Meinungserhebungen, wie die Untersuchungen von Wilhelm Heitmeyer zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit oder die Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach – in der Mehrheitsgesellschaft auch außerhalb rechtspopulistischer Gruppierungen immer anschlussfähiger zu werden scheint.

Der Raum „Schule“ kann in diesem Zusammenhang als ein Mikrokosmos betrachtet werden, in dem sich das Spektrum gesellschaftlicher Konflikte widerspiegelt. Auch hier werden Schülerinnen und Schüler mit „Migrationshintergrund“ von manchen Lehrerinnen und Lehrern zum Teil vorrangig als Musliminnen und Muslime wahrgenommen und ihr soziales Verhalten pauschal mit „dem Islam“ in Verbindung gebracht. Verkannt wird dabei, welche identitätspolitische Bedeutung ein solch homogensierender und kulturalisierender Blick von außen für die Minderheit hat. Er kann wie ein Katalysator zur Selbstethnisierung der als Muslime Markierten wirken und einer weniger von Spiritualität als von Ablehnungserfahrungen geprägten Hinwendung zur Religion Vorschub leisten. Denn unsere Selbstverortung als Individuum hängt bekanntlich in hohem Maße auch davon ab, wie wir glauben, von den anderen gesehen zu werden.

Der jüngst von einigen muslimischen Schülerinnen und Schülern formulierte Wunsch nach Gebetsräumen lässt sich meines Erachtens unter anderem auch als Ausdruck eines Rebellierens gegen das identitätsstiftende Negativ-Image der Religion interpretieren, das selbstbewusst und demonstrativ ins Positive gewendet wird. Die vorhersehbare Empörung vonseiten der Erwachsenen ließ nicht lange auf sich warten. Offensichtlich spüren Pubertierende, dass man Lehrerinnen und Lehrer heutzutage mit einem Gebetsteppich unterm Arm genauso gut provozieren kann, wie mit einer Zigarette in der Hand.

Der gesamtgesellschaftlichen Integrationsdebatte dienlich wäre aus meiner Sicht eine Entkoppelung der Diskussion über die zweifelsohne in Einwanderungsgesellschaften existierenden sozialen Konflikte von den ebenso notwendigen Debatten um den Islam. Letztere sollten sich auf Fragen konzentrieren, die tatsächlich mit den Belangen der Religionsgemeinschaft als solcher zusammenhängen – wie z.B. die Erteilung von islamischem Religionsunterricht. Wünschenswert wäre zudem eine Anerkennung der Vielfältigkeit der Lebensentwürfe von deutschen Musliminnen und Muslimen, darunter selbstverständlich auch von jenen, die ihre Religion sichtbar praktizieren wollen. Wenn der Islam wirklich ein Teil Deutschlands ist, muss auch dies im Rahmen der gesetzlich garantierten Religionsfreiheit ohne Skandalisierung und Stigmatisierung möglich sein.