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Europas Angst vorm Islam

Dr. Matthias Schwerendt studierte Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung. Letzte Veröffentlichung: „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid, und keinem Jud bei seinem Eid. Antisemitismus in nationalsozialistischen Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien. 2009, Berlin.
Von Matthias Schwerendt

Europa ist über seine Haltung zum Islam verunsichert und tief gespalten. Die Wahlerfolge des Populisten Geert Wilders zeigen das ebenso wie Minarettverbote, Karikaturenstreit, wie die Debatten um Kopftuch und Verschleierung oder um den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. In Feuilletons und islamkritischen Blogs herrscht Kulturkampf: gestritten wird über europäische Identitäten und das Wesen des Islams. Manche Zeitgenossen sehen Europa auf dem Weg zu einer feigen Anpassung an eine kriegerische Religion, die langsam den Westen unterwandere und seine Freiheiten bedrohe.

Umgekehrt muss man fragen, wie viel Dauerverdächtigung einer Weltreligion, die viele Gesichter hat, kann sich der Westen leisten, ohne selbst seine Freiheiten aufzugeben, zu denen schließlich auch die Religionsfreiheit gehört? Demokratie ohne Religionsfreiheit gibt es nicht. Kirchen und Religionsgemeinschaften müssen ihre Werte in einer Zivilgesellschaft zur Geltung bringen können, wenn sie nur Gesetze und demokratische Regeln achten.

Doch woher kommen die Angst und die Verunsicherung Europas über den Islam, die autoritäre Politiker mit der Forderung nach Minarettverboten, Koranverboten, Kopftuchverboten und Zuwanderungsverboten ausnutzen?

Sie resultieren aus einer Mischung von Problemlagen von Einwanderung und misslungener Integration, dem Wandel muslimischer Gemeinschaften und einem Selbstbild der Europäer, das zwischen säkularen oder christlichen Bezügen schwankt. Die europäischen Gesellschaften haben sich nach dem 2. Weltkrieg gewandelt, aus Auswanderungs- wurden Einwanderungsgesellschaften. Einwanderung und Islam sind in europäischer Perspektive vielerorts gleichbedeutend. So handelt es sich in den meisten europäischen Ländern - mit der Ausnahme Großbritanniens - bei der überwiegenden Mehrheit der Zuwanderer um Muslime und bei der überwiegenden Mehrheit der Muslime in den Ländern Westeuropas um Zuwanderer.

Millionen muslimischer Einwanderer leben zwar in Europa, fühlen sich aber nicht akzeptiert. Viele von ihnen leben in der zweiten oder dritten Generation noch immer zwischen dem Ursprungsland, das sie hinter sich gelassen haben, und den sie aufnehmenden europäischen Gesellschaften, die nicht willens oder in der Lage sind, sie vollständig zu integrieren. Die mangelnde Aufnahme der und Eingliederung in die Mehrheitsgesellschaften wird verschärft, da die Einwanderer nicht nur als die religiös oder ethnisch „Anderen“ wahrgenommen werden, sondern auch sozio-ökonomisch benachteiligt sind. Abwehr der Mehrheit und Rückzug der Migranten haben die Vorstellung eines unveränderbaren islamischen Wesens entstehen lassen. In ihr gehören Muslime nicht zu Europa, sie hätten reaktionäre Glaubens- und Moralvorstellungen und es mangele ihnen an sozialer Kompetenz und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Dieses hermetische Fremdbild ignoriert die Tatsache, dass die islamische Tradition und muslimische Gesellschaften von je her vielfältig sind und es keine religiösen Autoritäten gibt, denen das Recht zuerkannt wird, für die Gemeinschaft aller Muslime zu sprechen.

Die falsche Vorstellung eines unveränderbaren islamischen Wesens begründet noch nicht die europäische Angst vorm Islam. Religionskritik in Europa vermischt die Ablehnung von Religion durch überwiegend säkulare Europäer mit einer verzerrten Wahrnehmung des Islam nach den Anschlägen von 9/11.

Es gibt eine weit verbreitete naive europäische Selbstbeschreibung, die sich verkürzt etwa so beschreiben lässt: Wir Europäer seien überwiegend säkular aufgrund katastrophaler Religionskriege, dem Erbe der Reformation und der europäischen Aufklärung. Diese historische Erfahrung habe eine offene, liberale und säkulare Öffentlichkeit geschaffen, in der freie Meinungsäußerung und öffentliche Vernunft dominieren. Darauf beruhe die Stärke Europas. Diese Sichtweise irritiert, sind doch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts auf säkulare Regime zurückzuführen. Darüber hinaus war das 19. Jahrhundert von heftigen Kulturkämpfen geprägt: viele der vehementen Vorwürfe, die heute an Muslime adressiert werden, trafen im 19. Jahrhundert katholische und jüdische Minderheiten. Säkulare Europäer nehmen nicht mehr zur Kenntnis, dass der bisher erfolgreiche europäische Einigungsprozess nach dem zweiten Weltkrieg in seinem Ursprung eher christlich-demokratischen als säkularen Impulsen folgte. Er fiel eher zufällig zusammen mit einer rasanten europäischen Säkularisierung bzw. Entkirchlichung.

Erst in den letzten Jahrzehnten haben viele Europäer ihre traditionellen christlichen Identitäten abgeworfen und Religion zur Privatsache erklärt. Heute ist in Europa die Ansicht weit verbreitet, dass Religion per se intolerant sei und Konflikte erzeuge. Aus dieser Perspektive ist nur der säkulare Europäer fortschrittlich und modern. Die derzeitigen Debatten über den Islam zeigen eine explosive Mischung: die Angst vor islamistischen Terrornetzwerken vermischt sich mit säkularen antireligiösen Vorurteilen, aber auch mit fremdenfeindlichem Nativismus, der konservativen Verteidigung der christlichen Kultur und der liberal-feministischen Kritik an einem muslimisch-patriarchalischen Fundamentalismus. Ein beiderseitiges Entgegenkommen von Einwanderergruppen und aufnehmenden Gesellschaften - Grundvoraussetzung für erfolgreiche Integration - ist mit solch geballter Kritik nicht mehr möglich.

Die westliche Freiheit ist bei aller begründeten Furcht vor islamistischem Terror- anders als Islamkritiker suggerieren wollen - nicht in Gefahr. Selbstverständlich muss in einer demokratischen Gesellschaft Gewalt bestraft und Hass bekämpft werden, egal in welcher Form er auftritt. Selbstverständlich gehören Konflikte zwischen Migranten und der Mehrheit einer Gesellschaft offen debattiert. Sonst überlässt man das Feld den Populisten, die Experten dafür sind, mangelnde Kommunikation zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen für ihre Ziele auszuschlachten. Es gibt viele Baustellen für Integrationsdebatten, gerade die Schule gilt in Fragen von Geschlechtertrennung, Sexualunterricht, gemeinsamen Schulfahrten, Schwimmunterricht, der Einführung eines islamischen Religionsunterrichts, Moscheebauten, einem virulenten Antisemitismus unter Muslimen, der Gleichstellung von Mann und Frau oder der Kopftuchfrage als eine wichtige Integrationsagentur. Sowohl muslimische Akteure und Organisationen, die in bestimmten Fragen eine den Gesellschaftsnormen nicht entsprechende Sichtweise vertreten, als auch Pädagogen müssen in kontroversen Streitpunkten um Positionen und Antworten ringen. Das erfordert viel Geduld, Information und Reflexion. Elementar ist die Suche nach der Trennlinie zwischen Islam und Islamismus. Es besteht Klärungsbedarf, wenn bestimmte Vereine und Verbände Gutachten erstellen, damit Kinder nicht am Schwimm- und Sportunterricht teilnehmen, weil es dem Islam widersprechen soll oder ein Moscheeverein einen Imam beschäftigt, der Antisemitismus verbreitet. Westliche Überlegenheitsattitüden sind bei zu führenden Debatten ebenso wenig hilfreich, wie die Verachtung einer vermeintlich verdorbenen westlich-liberalen Kultur durch manche Muslime. Wer ernsthaft die Integration von Muslimen will, kann schwerlich gleichzeitig rhetorisch zum Kulturkampf gegen Muslime aufrüsten.

Jene Stimmen sind laut hörbar, die fordern, dass man es mit der Toleranz und Offenheit des Westens nicht übertreiben dürfe. Die liberale Demokratie müsse wehrhafter gegenüber religiösen Fanatikern und politischen Paranoikern werden. Anstatt sie bloß mit geheimdienstlichen und militärischen Mitteln in Schach zu halten, soll der Westen auch im Diskurs endlich den starken Mann markieren. Der Westen ist meiner Meinung nach sehr schlecht beraten, sich auf einen Wettbewerb in kultureller Härte einzulassen - den werden die Taliban und al-Qaida gewinnen. Stattdessen sollte er weicher, permissiver werden. Zum Vergleich: der Katholizismus hat sich radikal gewandelt, von der vehementen Ablehnung des Liberalismus und moderner Errungenschaften (Menschenrechte, Religions-, Presse- und Gewissensfreiheit) im 19. Jahrhundert bis zur deren Anerkennung seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Europäische Muslime werden ihren modernen Weg in die Einwanderungsgesellschaften finden, wenn man sie lässt. Integration findet im Alltag statt, zwischen Anpassung, Beharren auf Eigenem, Neuorientierung und Auseinandersetzung der Generationen. Letztendlich haben wir keine andere Chance, wenn wir Demokraten bleiben wollen: die Muslime sind Teil unserer Gesellschaft und der Bevölkerungswandel fordert uns heraus.

 

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