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Wie kann Integration von muslimischen Jugendlichen gelingen?

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin. Zur Zeit unterrichtet sie Islamkunde in Nordrhein-Westfalen.
Von Lamya Kaddor

Religion hat bei muslimischen Jugendlichen in Deutschland einen hohen Stellenwert. In einer oftmals fremden und ablehnenden Umgebung wirkt sie identitätsstiftend. Die Jugendlichen begreifen sich zuerst als Muslim/a, danach erst als Weltbürger/in oder Deutsche/r (bzw. über eine andere Nationalität). Doch wie kommt es dazu, dass vor allem Jugendliche islamischer Glaubenszugehörigkeit sich in erster Linie als religiöses Subjekt definieren?

Das Selbstverständnis hängt hauptsächlich von der Erziehung des Elternhauses ab. Häufig definieren sich bereits die Eltern zu allererst als gläubige Muslime, was in der Regel auf die soziokulturellen und biographischen Voraussetzung und Gegebenheiten zurückzuführen ist. Besonders Muslime der ersten Einwanderergeneration, die oftmals sozial und vom Bildungsniveau her niedriger gestellt sind, findet ihren Halt im Glauben. Sie sind überzeugt, dass Allah den Menschen die nötige Kraft verliehen hat, um mit der fremden Umwelt umgehen zu lernen und sie zu ertragen. Diese besondere Stellung der Religion überträgt sich auf die heutige Generation. Für muslimische Jugendliche ist es selbstverständlich, dass sie im Islam Erfüllung und Bestätigung für ihr eigenes Leben erfahren können.

Doch wie leben diese Muslime (Jung und Alt) ihren Glauben (in Deutschland)? Prinzipiell kann man sagen, dass die reine Lehre des Islam kaum gelebt wird. Des Öfteren stellt man fest, dass eher herkunftsspezifische und alte Traditionen das Leben von Muslimen dominieren. Bräuche wie die spezielle Art das Beschneidungsfest (bei jungen männlichen Kindern) zu feiern, sind bis heute fester Bestandteil etwa von türkischstämmigen Muslimen. Die Bräuche werden jedoch weniger als Bräuche wahrgenommen, sondern vielmehr „als religiöse Vorschrift“, die erfüllt werden muss.

Es erweist sich in der Praxis – selbst für Experten ­– schwierig, kulturell bedingte Handlungen von der rein religiösen Lehre zu trennen. Bis zu einem gewissen Grad stellt die Vermischung mit Traditionen und Bräuchen kein Problem dar, sondern ist mitunter nützlich und notwendig für die Glaubenspraxis. Schwierig wird es an der Stelle, an der solche vermischten Handlungen, die in Konflikt mit dem gegenwärtigen Weltbild stehen, allein durch den Islam gerechtfertigt werden: denn kulturelles Handeln ist veränderbar, göttliche Gesetze sind es häufig nicht. Wer also überzeugend darlegen kann, dass eine Handlung auf Traditionen beruht und nicht auf göttlichem Willen, kann helfen, diese gegebenenfalls zu überwinden.

Eines der wohl nachvollziehbarsten „Negativbeispiel“ ist das Ausüben von Ehrenmorden an Frauen. Diese haben aus bekannten Gründen die Ehre der Familie „beschmutzt“ und müssen daher – zum gesellschaftlichen Wohl der Familie – getötet werden. Dass an keiner einzigen Stelle vom Ehrbegriff, wie er in diesen Fällen verstanden wird, weder im Koran noch in der Sunna des Propheten Muhammad die Rede ist, gerät nicht nur in den betroffenen Familien, sondern auch in der nicht-muslimischen Öffentlichkeit, leicht in Vergessenheit. Um diese Verwebung von Tradition und Religion zu lösen, müssen Muslime „aufgeklärt“ werden. Diese „Aufklärung“ können sie u.a. in der Moschee erhalten oder durch einen staatlich beaufsichtigten Islamischen Religionsunterricht, wenn die Unterrichtenden eine entsprechend solide Ausbildung in Europa erhalten haben. In Moschee und Schule gäbe es die Möglichkeit, sowohl sach- und fachgerecht, als auch altersgerecht derartige Problemstellungen wie das Thema „Ehrenmord“ zu thematisieren. Schülerinnen und Schüler können in die Lage versetzt werden, Tradition von Religion (wenn nötig) zu unterscheiden.

Doch das ist „Zukunftsmusik“, die hier gespielt wird, da es zur Zeit lediglich rund 200 Schulen in Deutschland gibt, an denen zumeist islamkundlicher Unterricht statt  bekenntnisorientierter Islamunterricht erteilt wird. Dass es muslimische Einwanderer bzw. islamische Verbände seit nunmehr 40-50 Jahren der Existenz der sog. „Gastarbeitergenerationen“ nicht geschafft haben, diesen Unterricht einzuführen, ist auch darauf zurückzuführen, dass Muslime in Deutschland keinen einheitlichen Ansprechpartner für den Staat darstellen, um als Religionsgemeinschaft im Sinne §7, Abs. 3 zu fungieren. Dass dieser einheitliche Ansprechpartner wiederum dem Geist des Islam widerspricht – der Islam lebt von seiner Pluralität –, können viele (Politiker) nicht nachvollziehen. 

Ein ordentlicher islamischer Religionsunterricht wäre ein wichtiger Beitrag zum interreligiösen und interkulturellen Verständnis. Fächerübergreifende Projekte könnten helfen, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Die beiden Faktoren „Beheimatung“ und „Begegnung“ spielen für den Islamischen Religionsunterricht eine wichtige Rolle. Nur in Wechselbeziehung können beide Faktoren realisiert werden. Wenn eine Beheimatung von Muslimen stattfinden soll, muss ihnen die Umgebung, in der sie leben, neutral begegnen. Wenn die Muslime ihren Mitmenschen gegenüber friedlich begegnen sollen, müssen sie sich in diesem Land heimisch fühlen. Auch dazu kann und wird Islamischer Religionsunterricht einen wichtigen Bildungsauftrag erfüllen. Doch allein durch einen Islamischen Religionsunterricht kann keine „Integration“ erfolgreich sein. Betrachtet man den Lernort Schule, vor allem Schulen mit einem islamischen Schüleranteil von über 50%, so stellt man häufig fest, dass sowohl das Lehrpersonal als auch Sozialpädagogen, sofern welche eingesetzt sind, zu wenig in Sachen „Islam“ bzw. „Interkulturelle Pädagogik“ geschult sind. Auch hier sollte in den kommenden Jahren verstärkt darauf geachtet werden, geschultes Personal einzusetzen und zu einem gewissen Teil Mitarbeiter einzustellen, die selbst einen sog. „Migrationshintergrund“ mitbringen.

Folgende drei Handlungsempfehlungen für die nächsten Jahre sollten m.E. in Angriff genommen werden, wenn man in Zukunft nicht noch weitere Einwanderergenerationen als „nicht integriert“ bezeichnen will:

1. Lehrstühle für Islamische Theologie bzw. für Islamische Religionspädagogik
Es müssen in den kommenden Jahren Lehrstühle für Islamische Theologie bzw. für Islamische Religionspädagogik eingerichtet werden, um zum einen Lehrerinnen und Lehrer für Islamischen Religionsunterricht und zum anderen Theologinnen und Theologen (z.B. als Seelsorger, Imame, etc.) in deutscher Sprache in Deutschland auszubilden. Solch ein Studium sollte die theologischen Kerninhalte des Islam (Koran und Sunna, Kalam, Fiqh, Scharia) aber auch Themenschwerpunkte wie „Politik“, „Philosophie“, „Andere Religionen“ und „Islam in Deutschland“ beinhalten. Ebenso darf  in einem  solchen Studium die Islamische Religionspädagogik nicht zu kurz kommen, die es in den nächsten Jahren näher zu bestimmen und zu erarbeiten gilt.

2. Islamischer Religionsunterricht
Die Einführung eines flächendeckenden Islamischen Religionsunterrichts in deutscher Sprache von hier ausgebildeten Lehrkräften ist unabdingbar und dringend notwendig. Ziel dieses Unterrichts muss sein, junge Muslime in einer Weise (aus-)zubilden, dass sie im religiösen Sinne mündig werden und sich in ihrer Umgebung mit ihrer freien Entscheidung zum Islam zufrieden fühlen können. Ein weiteres Ziel muss sein, dass Schülerinnen und Schüler ihre Mitmenschen in ihrer Andersartigkeit und einer vielleicht anderen Weltsicht so zu akzeptieren, dass in gegenseitiger Achtung und Respekt das Miteinanderleben gewährleistet werden kann. Theologische Begriffe wie „kafir“, der gerne als „Ungläubiger“, statt „Andersgläubiger“ verstanden wird, müssen neu überdacht und an die Gegebenheiten der Muslime in diesem Land angepasst werden.

3. Jugend- und Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Lehrkräfte
Stellen, an denen Jugend- und Sozialarbeiter bzw. Sozialpädagogen mit interkultureller und interreligiöser Fortbildung eingesetzt werden sollen, sollten häufiger mit Personen besetzt werden, die selbst Muslime mit – türkischem / arabischem / bosnischem / persischem etc. – Migrationshintergrund sind.

Es bleibt festzuhalten: Auf dem Weg zu einer erfolgreichen Integration von Muslimen muss zunächst der Islam in der bundesdeutschen Gesellschaft integriert werden.

Diese Zweitveröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Erstveröffentlichung in: Forum der Kulturen Stuttgart e.V (Hrsg.): Kongressdokumentation Stuttgarter Impulse zur kulturellen Vielfalt. Differenzieren statt Pauschalisieren. Stuttgart 2007.