Zur Diskussion

Vom Ob zum Wie? Zur Thematisierung von Holocaust und Nationalsozialismus in der Grundschule

Dr. Isabel Enzenbach, Theologin und Historikerin, ist am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung tätig.
Von Isabel Enzenbach

Zwei 11-jährige Schüler brachten das Forschungsdesign für meine Arbeit über den Nationalsozialismus als Thema der Grundschule (ausgehend vom Modell der sechsjährigen Berliner Grundschule) durcheinander. Sie hatten einen einwöchigen Ferienworkshop über Traumwelten im Jüdischen Museum Berlin besucht, ich interviewte sie. Die Gespräche mit ihnen sollten die Interviews, die ich mit anderen nicht-jüdischen Berliner Grundschüler/innen geführt hatte, ergänzen. Ich hatte sie mir ausgesucht, da sie auch einen Zugang zu jüdischer Gegenwart hatten, der nicht unmittelbar mit Nationalsozialismus und Holocaust verbunden war. Sie erzählten, dass der Workshop erstens toll war und sie, zweitens nichts über Juden, jüdische Geschichte oder die Judenverfolgung im Nationalsozialismus wüssten. Weder in der Schule noch zu Hause sei das Thema. Und dann erzählten sie wieder von den Bildern, die sie im Workshop gemalt hätten, dem guten Essen, das er dort gab und vom Irrgarten des Museums.

Die Mutter beider Jungen war beim Interview dabei. Sie bat um ein Nachgespräch, in dem sie berichtete, dass ihre Kinder sehr wohl in der Schule über den Nationalsozialismus gesprochen hätten. Zuhause habe sie mit ihnen „Mama, was ist Auschwitz“ gelesen. Sie könne nicht verstehen, warum ihre Kinder nichts davon erzählten, obwohl das Interview in entspannter Atmosphäre sei und ihre Söhne eigentlich das Gespräch über das, was sie so bewegt, suchten. Das Verhalten der Kinder erscheint dennoch durchaus sinnvoll: Sie trennten konsequent ihre unbeschwerte Ferienwoche im Jüdischen Museum von dem, was sie in der Schule und bei der Lektüre von „Mama, was ist Auschwitz“ erfahren hatten. Die beiden Elfjährigen haben quasi den vom Leo Baeck Programm „Jüdisches Leben in Deutschland – Schule und Fortbildung“ geförderten Perspektivwechsel praktiziert. Ihre Eindrücke vom Jüdischen Museum Berlin und der Ferienwoche, schieden sie von dem, was sie über die Vernichtung der europäischen Juden gehört hatten.

Mich brachten sie dazu, darüber nachzudenken, wie im Grundschulunterricht erste affektive und kognitive Lernerfahrungen über jüdische Geschichte und Gegenwart, über Nationalsozialismus und Shoah und die Judenfeindschaft miteinander verknüpft sind. Wenn sich im frühen historischen Lernen der Unterricht über den Nationalsozialismus nahezu ausschließlich auf die nationalsozialistische Judenverfolgung konzentriert, ist es naheliegend, dass im Zentrum dieses Unterrichts Fragen stehen wie: „Was sind Juden überhaupt?“ und „Warum hasste Hitler die Juden?“ Elementare Wissensvermittlung zu jüdischem Leben und jüdischer Geschichte und Erklärungsansätze für die Judenfeindschaft werden damit zwangsläufig Unterrichtsthemen. Auf der Strecke bleibt bei dieser Herangehensweise häufig die Frage, wie der Völkermord an den Juden in das Wesen nationalsozialistischer Weltanschauung und des „Dritten Reiches“ eingebettet ist. Also Fragen wie: „Wer waren die Nationalsozialisten?“ „Was wollten sie?“, „Wie kamen sie an die Macht?“, „Wie war es in der Hitlerjugend?“, „Wer kämpfte im Zweiten Weltkrieg?“

Eine isolierte Auseinandersetzung mit der Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden im frühen historischen Lernen, in der diese mit nur wenig historischem Kontext und möglicherweise für die Schüler/innen überwältigender persönlicher Betroffenheit der Lehrenden, unterrichtet wird, ist mit problematischen Effekten verknüpft. Für die meist neun- bis zwölfjährigen Schüler kann leicht der Eindruck entstehen, dass der Nationalsozialismus lediglich ein Problem für Juden war. Sie lernen Juden zuerst (und in ihrer Schulkarriere häufig fast ausschließlich) als Opfer des Holocaust und anderer Verfolgungen kennen. Sie bemerkten, dass Lehrerinnen und Lehrer sich häufig ausschließlich für die Erfahrungen dieser Gruppe interessieren. Viele Grundschüler/innen bringen aus ihren Familien andere Perspektiven und Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus mit. In Narrativen, die die europäische und weltweite Dimension nationalsozialistischer Menschheitsverbrechen als deutsch-jüdischen Konflikt konstruieren und erzählen, sind diese Erfahrungen nicht aufgehoben. Dabei geht es um Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit im Klassenzimmer: welche Erfahrungen, welche Überlebens- und Widerstandsgeschichten, wessen Leiden werden erzählt und finden Gehör?

Betrachtet man den Input des Grundschulunterrichts zu Nationalsozialismus und Holocaust mit Hilfe von Lehrplan- und Schulbuchanalysen, der Auswertung grundschuldidaktischer Literatur und der Befragung von Lehrerinnen und Lehrern lassen sich empirisch bestätigt drei Aussagen treffen. Erstens: Die nationalsozialistische Judenverfolgung ist ein Schlüsselthema des frühen historischen Lernens in der Grundschule. Ein Berliner Kind lernt mit großer Wahrscheinlichkeit bereits in der Grundschule etwas über die Verfolgung und Ermordung der Juden im „Dritten Reich“, häufig nicht nur in einer Unterrichtseinheit, sondern in mehreren und auch in verschiedenen Klassenstufen. Zweitens: Aufgrund der unsystematischen Verankerung des Themenkomplexes im Grundschulcurriculum, der geringen Verbreitung reflektierter didaktischer Konzepte und eines enormen Transferproblems zwischen den Diskussionen der Fachdidaktiken und dem Schulalltag sowie der nicht unproblematischen, starken emotionalen Verstricktheit der Lehrenden in die Thematik, gibt es eine enorme Spannbreite der Unterrichtskonzepte, doch keine gesicherten Standards. Drittens: Die didaktische Diskussion braucht einen Paradigmenwechsel. Die grundsätzliche Frage, ob der Holocaust ein Thema der Grundschule sein kann und soll, ist von der Praxis eingeholt. Durch Gedenkkultur, Medien, Familiengedächtnis und durch den Rechtsextremismus drängt die Erinnerung an die Nationalsozialismus in die Lebenswelt der Kinder. Aus der Perspektive der Entwicklungs- und Lernpsychologie sind pauschale Bedenken einer kognitiven Überforderung nicht länger zu halten.

Es bedarf also einer Abkehr von der fundamentalen Frage nach dem „Ob?“ und einer Fokussierung auf die Frage, in wieweit der Unterricht die systematische, industrielle Ermordung des europäischen Judentums ansprechen muss. Stattdessen müssen wir uns dem konkreten „Wie?“ zuwenden. Dabei sind die unterschiedlichen thematischen Verknüpfungen und Dimensionen des Komplexes zu berücksichtigen, ebenso wie die Heterogenität der Gruppe der Grundschüler/innen in Deutschland. Eine solche Debatte steht erst am Anfang und bedarf vermehrter Lehr- Lern-Forschung, um zu verstehen, wie Emotionen, kindliche Wissensaneignung sowie Bewältigungsstrategien und Anfangsunterricht zum Nationalsozialismus in Einklang zu bringen sind.

Am 8. Februar gab es auf "Lernen aus der Geschichte den ersten Expertinnenchat mit Isabel Enzenbach. Das Protokoll des Chats können Sie hier nachlesen.

 

Kommentar hinzufügen