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Nationalsozialismus und Holocaust – Themen für Kinder?

Michaela Illner, Erziehungswissenschaftlerin, (M.A.), seit 2001 Sachbearbeitung und Information im Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors.
Von Michaela Illner

Museen und Gedenkstätten werden in den letzten Jahren immer häufiger nach Konzepten zur »Holocaust Education« im Grundschulalter befragt. Es existieren offensichtlich Bedürfnisse und Wünsche seitens der Grundschulen, dieses Thema früh- und rechtzeitig zu behandeln.

Geht man davon aus, dass die Welt ein subjektives Konstrukt ist, entstanden aus einer Mischung von eigener Erfahrung, gelerntem Wissen, Informationen von Massenmedien und aus dem sozialem Umfeld, kann es in meinen Augen nicht falsch sein, schon junge Menschen mit Teilbereichen der deutschen Geschichte zu konfrontieren, die auf profundem Wissen basieren und altersgemäß aufgearbeitet sind. Dazu gehört selbstverständlich auch die Geschichte des Nationalsozialismus. Angesichts der medialen und lebensweltlichen Beeinflussung der Kinder scheint es wichtig, Mythenbildungen und einem verzerrtem Geschichtsverständnis vorzubeugen. Es gibt einerseits gute Zugänge und es gibt andererseits Probleme bei der Vermittlung durch Lehrer/innen und Erzieher/innen.

Hier besteht die Gefahr der Instrumentalisierung von Auschwitz zur Demokratieerziehung und für die Erziehung zur Zivilcourage, der Verzerrung des Massenmords an den Juden und einer Choreographie von Betroffenheit. Diesen schmalen Grat zwischen Überforderung der Lehrer und Schüler und der Banalisierung des Massenmordes an den europäischen Juden gilt es methodisch und konzeptionell zu beschreiten.

Eine zeitgemäße Geschichtsdidaktik wird gefordert, die nicht mehr das Lernen von Daten und Fakten, sondern Medien- und Methodenkompetenz, historisch-politische Meinungsbildung und Fremdverstehen in den Vordergrund stellt. Die Projektmethode gilt als Weg zum bildenden Tun. Projekte sollen vielschichtige Zugänge eröffnen, verunsichern, Neugier erwecken und zum Entdecken und Handeln anregen.

In der schulischen Praxis haben sich biografische Impulse bewährt, also das Lernen an und mit Biografien in regionalen bzw. lokalen Kontexten, die schließlich Anknüpfungspunkte zur Perspektivübernahme bieten. An biografischen Einzelschicksalen können Handlungsspielräume zwischen Mut zum Widerstand und Angepasst sein aufgedeckt werden und somit demokratische und humanistische Werte und Rechte vermittelt werden.

Von Lehrer/innen und Gedenkstättenpädagog/innen wird auch das historische Lernen im Archiv mit ausreichendem Freiraum für Eigeninitiative und entdeckendes Lernen an authentischen Objekten positiv bewertet. Authentische Objekte, verknüpft mit dem Ansatz des entdeckenden Lernens können jungen Menschen den Zugang zu dem komplexen Thema NS und Judenverfolgung erleichtern. Die professionelle, methodisch gelungene, weil altersgerechte Aufarbeitung der Themenbereiche NS-Geschichte und Holocaust des Jugendmuseums in Berlin bietet Grundschüler/innen eine beispielhafte Möglichkeit zum aktiven forschenden Lernen und zur begleiteten Auseinandersetzung mit den angebotenen Quellen vor Ort.

Das Anne-Frank-Zentrum Berlin kann eindrucksvoll von dem erfolgreich erprobten Einsatz vom Comic („Die Suche“) als Unterrichtsmaterial in ausgewählten Berliner Schulen berichten. Die Bildersprache solcher „Bildungs-Comics“ ist für Kinder und Jugendliche leicht zugänglich.

Doch die Ermöglichung von größtem Raum für die Eigenaktivität der Grundschüler zieht eine Veränderung der Rahmenbedingungen von Schule und der Lehrpläne für historisch-politischen Unterricht nach sich. Statt eines chronologischen Durchgangs durch die Geschichte sollte stets der individuelle Bezug der Schüler/innen zur Vergangenheit und ein kommunikativer und kreativer Lernprozess in der Gruppe im Mittelpunkt stehen. Lehrer/innen, die verstärkt als Moderatoren oder Lernberater im Projektlernen agieren dürften, könnten die erforderliche Qualität anstelle von Quantität in der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus gewährleisten.

Die Vorgaben des Schulsystems hinsichtlich der Zielsetzung, des messbaren Lernerfolgs und der Leistungsbewertung scheinen mir bei der Umsetzung der alternativen Lernformen eher kontraproduktiv. Das Spannungsfeld zwischen Lernleistung im schulischen Lernen und selbst bestimmten Lernen bleibt problematisch.

Dennoch wird es zunehmend wichtiger, Kinder selber arbeiten zu lassen, anstatt ihnen Zahlen und Fakten zu präsentieren. Denn diese Form der Geschichtsvermittlung holt die Schüler gewissermaßen dort ab, wo sie stehen.

Schlussendlich teile ich die Auffassung, dass durch eine rechtzeitige, behutsame und wohldurchdachte Auseinandersetzung mit dem Thema Ausgrenzung, Entrechtung und Nationalsozialismus eine Festsetzung von Vorurteilen, genauso wie eine unreflektierte Übernahme von weithin verbreiteten historischen Klischees, Legenden oder NS-Mythen verhindert werden können.

 

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