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Aspekte für Gespräche mit Grundschulkindern zum Holocaust - einem nicht einfachen Thema

Monica Kingreen ist Mitarbeiterin im Pädagogischen Zentrum FFM, Fritz Bauer Institut & Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Beratung von Lehrkräften in der Grundschule und in der Sekundarstufe I zur Vermittlung des Themas Jüdisches Leben in Geschichte und Gegenwart sowie zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust.
 Von Monica Kingreen

„Stellen sie sich ein Kind vor, das Sie ganz besonders lieb haben, bevor Sie anfangen zu überlegen, was Sie diesem Kind über den Holocaust erzählen wollen.“ Diesen essentiellen Ratschlag der israelischen Pädagogin Alisa Badmor, frühere Mitarbeiterin des israelischen Kindermuseums zum Holocaust „Yad Layeled“, sollten sich Pädagogen immer wieder zu Herzen nehmen, wenn sie mit Kindern über den Holocaust sprechen.

Eigene Reflexion und Positionierung der Erwachsenen

Der wichtigste Grundsatz für die pädagogische Arbeit mit älteren Grundschüler/innen zu
dem sensiblen Themenbereich Holocaust muss sein, dass die verantwortlichen Erwachsenen sich selbst - auch emotional - auseinandergesetzt haben und sich selbst einen moralischen Standpunkt erarbeitet haben, ohne in der schulischen Arbeit moralisierend wirken zu müssen.

Des Weiteren ist eine pädagogische Arbeit mit älteren Grundschülern nur dann sinnvoll, wenn in der Gruppe grundsätzlich eine Atmosphäre des Respekts und des Vertrauens zwischen Lehrkräften und Schüler/innen und damit auch der Schüler/innen untereinander selbstverständlich ist. Falls diese Charakterisierung einer Klasse nicht zutrifft, sollte eine Lehrkraft besser auf die Bearbeitung dieses Themas verzichten und sich stattdessen mit der Möglichkeit beschäftigen, wie die Grundsätze einer respektvollen Kommunikation, beispielsweise die Prinzipien der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg, Eingang in den Klassenalltag finden können. Um es deutlich zu sagen: Die angesprochenen Themen sind in keiner Weise geeignet, um in der Klasse aktuelle Konflikte von Diskriminierung oder Mobbing mit dem Verweis auf die NS-Zeit zu thematisieren.

Ein verfolgtes Kind und seine Familie im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt des Unterrichts sollte die Geschichte eines jüdischen Kindes mit seiner Familie möglichst in Deutschland stehen, mit dem die Schüler mitfühlen können. Über deren Alltagsleben vor der NS-Verfolgung sollte ausführlich gesprochen werden, vielerlei Anknüpfungs- und Zugangsmöglichkeiten sind so für Schüler/innen möglich. Hier könnten auch Aspekte religiösen Lebens anklingen. Nur wenn klar wird, wie brutal das normale Leben jüdischer Deutscher durch die Zertrümmerung einer demokratischen Gesellschaft durch die Nationalsozialisten zerstört wurde, können heutige Kinder diesen absoluten Lebensbruch in seinen weiteren Verfolgungsphasen von Diskriminierung, Ausgrenzung, Flucht bzw. Verschleppung und Ermordung verstehen.
Für Grundschüler/innen ist es als Faktor der eigenen inneren Stabilisierung notwendig, dass das im Mittelpunkt stehende Kind mit seiner oder seinen familiären Bezugspersonen überlebt. Wohl wissend, dass dieses Überleben historisch die Ausnahmesituation ist, wird diese Position vertreten. Folglich ist die Geschichte von Anne Frank kein geeignetes Thema für den Unterricht mit Grundschülern.

Der Erwachsene als begleitende Stütze der Kinder

Der Unterricht zu den angesprochenen Themen bietet zahlreiche Möglichkeiten für die Schüler/innen, sich ihnen auf verschiedene Art und Weise anzunähern, für die Lehrkräfte aber gilt es auch, diverse Grenzen in den Blick zu nehmen. Sie haben deshalb die ständige Aufgabe, sehr sensibel zu beobachten, wie Kinder jeweils reagieren. Dies ist insbesondere gewährleistet in einer engen kommunikativen Gesprächssituation oder in Auseinandersetzung über Zeichnungen der Schüler, ihre Erzählungen und Texte. Schüler/innen sollten nicht alleingelassen werden in der Auseinandersetzung mit dem Extrem des Zivilisationsbruches.

Dies ist dagegen beispielsweise nicht gewährleistet in autonomer Stationenarbeit, in der die Kinder durchgehend eigenständig arbeiten und der Lehrer sich „überflüssig“ macht, und auch nicht in der Abarbeitung von Arbeitsblättern mit oder ohne Lückentexte.
Auch Rollenspiele bieten sich meist nicht an, die Rolle des Nazis einzunehmen kann bei Schüler/innen mit familiären Ohnmächtigkeits-Erfahrungen sehr verlockend sein und pädagogisch kontraproduktiv wirken.

Ein gemeinsames Arbeiten in vertrauensvoller Atmosphäre mit der Lehrkraft sollte im Mittelpunkt stehen. Die Haltung des innerlich beteiligten und mitfühlenden Erwachsenen wird dem Kind prägend sein, was seine Gefühle und moralischen Überlegungen anbelangt. Wenn die Kinder ausreichend Gelegenheit haben, Bilder zu dem Erfahrenen zu malen, frei darüber zu schreiben und zu reden, was die damals verfolgten Personen sagen und fühlen, was ihre eigenen Gedanken und Gefühle sind, können Erwachsene sich bemühen, wahrzunehmen, was die einzelnen Kinder beschäftigt und entsprechend sensibel darauf reagieren. Sich Zeit für Gespräche mit den Kindern zu nehmen, ist außerordentlich wichtig.

Mitfühlende Menschen zeigen, die solidarisch und hilfsbreit waren

Außerordentlich bedeutsam ist es auch, von solchen Personen zu sprechen, die sich in der NS-Zeit ihre Menschlichkeit und ihre Empathie gegenüber verfolgten Nachbarn, Freunden und Mitschülern bewahrt haben und sich nicht von der NS-Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen und der Konstruktion von „Übermenschen“ und „Untermenschen“ beeinflussen ließen.

Zeitliche Distanz zur Verfolgung betonen

Auch ist es bedeutsam, die weite zeitliche Distanz von heute zu der nationalsozialistischen Vergangenheit zu betonen. Gespräche sollten dann aber auch wieder abgeschlossen werden. Für das Kind ist es gestützt durch den Erwachsenen notwendig, innerlich wieder in der Gegenwart anzukommen. Kinder - insbesondere diejenigen ohne familiäres stützendes Umfeld - benötigen die gefühlte und gelebte Stabilität, dass sie heute in einer anderen Zeit und in einer starken demokratischen Gesellschaft leben, die mit aller Kraft bestrebt ist, die Gleichheit von Menschen zu garantieren. Dies gilt auch, wenn Erwachsene aktuell die eine oder andere gesellschaftliche Schwachstelle sehen. Die Verurteilung von Unrecht und die damit verbundene Wiederherstellung eines Rechtszustandes sind, ebenso wie Erinnern und Gedenken an die Geschehnisse der NS-Vergangenheit, als bewusste Aktivität heutiger Erwachsener und als Handlungsoption für Kinder zu sehen.

Weniger kann mehr sein - Möglichkeiten und Grenzen der Thematisierung des Nationalsozialismus

Kinder sollten nicht überstrapaziert werden mit allen möglichen Informationen und Details, über die die Lehrkraft unter Umständen verfügt (insbesondere bezogen auf das Mordgeschehen). Weniger kann häufig mehr sein. Das Thema sollte sich keinesfalls zu einem „Dauerbrenner“ entwickeln. Es geht für die Kinder um eine erste Orientierung, verbunden mit einer erzählbaren Struktur, ausgehend von einer Familie und ihrem Alltag, und dessen Veränderung durch das NS-Regime. Für den die Kinder begleitenden Erwachsenen gilt es auch, sensibel darauf zu achten, ob hinter möglichen Fragen nach Details nicht die Frage steht „Kann mir das auch passieren, meiner Mutter, meinem Vater, meinen Geschwistern?“ Wichtig sollte es hier sein, zwischen Nazi-Deutschland (Vergangenheit) und Deutschland (Gegenwart) auch sprachlich deutlich zu trennen.
Das Kind muss stets im Mittelpunkt bleiben. Eine Einstellung Erwachsener, die sich äußert in Statements wie „Da müssen die heutigen Kinder durch, das müssen sie wissen, in der NS-Zeit mussten jüdische Kinder so viel erleiden“ verlässt diesen Grundsatz massiv.

Vorsicht vor der NS-Sprache - Reflexion des eigenen Sprachgebrauchs notwendig

Noch ein wichtiger Hinweis zur Sprache. Eine deutliche Abgrenzung zum NS-Sprachgebrauch und dessen Brechung ist notwendig. Begriffe wie „die Partei“ oder „der Führer“ sind interner NS-Sprachgebrauch; die Partei der NSDAP oder Adolf Hitler sind beschreibende Bezeichnungen. Die NS-Konstruktion von Deutschen und Juden sollte vermieden werden. Die Konstellation „Deutsche und Katholiken“ zu nutzen macht ebenso wenig Sinn wie die Formulierung „Deutsche und Vertriebene“. Von nichtjüdischen und jüdischen Deutschen oder von Juden und Nichtjuden zu sprechen wäre angemessen. Die Begrifflichkeit „Halbjude“ etc sollte tabu sein. Hingegen könnte der Begriff „Halbarier“ den rassistisch-ideologischen Aspekt der NS-Kategorisierung von Menschen verdeutlichen.

Von jüdischen Häusern oder Geschäften zu sprechen machte auch nur Sinn, wenn man von katholischen oder evangelischen Häusern oder Geschäften spräche, statt von Stein- oder Fachwerkhäusern oder von Textil- oder Lebensmittelgeschäften. So könnte man dann auch von jüdischen Bäumen sprechen, anstelle von Laub- und Nadelbäumen. Zu meiden wären auch Begrifflichkeiten wie „Judenhaus“ oder „Judenfriedhof“, außer wenn man auch von „Christenhaus“ und „Christenfriedhof“ spräche. Wichtig ist für Lehrkräfte auch zu bedenken, von Juden nicht nur im Imperfekt als in der NS-Zeit Verfolgte zu sprechen, sondern auch jüdisches Leben in Deutschland in der Gegenwart im Bewusstsein zu haben und zu thematisieren.

Kontakt zur Autorin

Tel.: 069 798 322 31 oder M [dot] Kingreen [at] fritz-bauer-institut [dot] de

 

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