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Angebote und Erfahrungen des Anne Frank Zentrums in der Arbeit mit Grundschulen

Veronika Nahm ist Historikerin und arbeitet im Bereich Ausstellung und Pädagogik des Anne Frank Zentrums in Berlin.
Von Veronika Nahm

Ein 11jähriger Junge sagt zum Beginn der Ausstellungsbegleitung: „Ich finde es schade, dass Juden übrig geblieben sind“. Die Ausstellungsbegleiterin antwortet, dass sie diese Bemerkung sehr überrascht und fragt ihn, ob er seine Aussage erläutern könne. Der Junge erklärt ihr: Weil es Juden gab, gab es Hitler. Weil es Hitler gab, gab es den Weltkrieg. Heute gibt es immer noch Juden, und deshalb kann es wieder Krieg geben, und er hat große Angst vor Krieg.

Das Anne Frank Zentrum bietet in seiner Ausstellung „Anne Frank. hier & heute“ seit über drei Jahren vielfältige pädagogische Angebote an. Neben Jugendlichen und Erwachsenen nehmen auch Grundschülerinnen und Grundschüler ab der vierten Klasse an den Programmen teil. In zweistündigen Projektveranstaltungen und Projekttagen mit dem Titel „Anne Frank – eine Geschichte für heute“ entdecken sie die Ausstellung. 2009 kamen über 1100 Schülerinnen und Schüler ins Anne Frank Zentrum, etwa um ein Drittel mehr Kinder als 2008. Im Folgenden sollen die Ziele und die Erfahrung in Bezug auf die pädagogische Arbeit mit Kindern im Anne Frank Zentrum umrissen werden.

Bei der Anmeldung einer Gruppe werden die Lehrerinnen und Lehrer über das Vorwissen und die Interessen der Kinder befragt. Die meisten Klassen kommen im Kontext des Religions-, Ethik oder Deutschunterrichts in die Ausstellung, meist im Rahmen einer längeren Unterrichtseinheit oder eines Projekts. Die Jüngeren haben oft ein fiktives Kinderbuch über die Zeit des Nationalsozialismus und / oder den Holocaust gelesen, die Älteren (Klasse 6) kennen häufig das Tagebuch der Anne Frank.

Bei ihrer Ankunft im Anne Frank Zentrum werden die Klassen in zwei Kleingruppen geteilt, um sie intensiv betreuen zu können. In der Begrüßungsrunde versucht die Begleiterin oder der Begleiter mit spielerischen Methoden, die Kinder kennen zu lernen: ihren Namen zu erfahren, über ihre Anreise und ihr Ankommen im Zentrum zu sprechen und einen ersten Eindruck von ihrem Bezug zum Thema Anne Frank, die Zeit des Nationalsozialismus und den Holocaust zu bekommen. Aus einer dieser Begrüßungsrunde stammt die eingangs zitierte Szene. Sie zeigt beispielhaft, dass das Vorwissen der Kinder mitunter aus aufgeschnappten Namen und Details besteht, die sie sich zu einem für sie sinnvoll und logisch erscheinenden Ganzen zusammen reimen. Sie weist darauf hin, dass bei den Kindern teilweise (diffuse) Ängste in Bezug auf die Themen Nationalsozialismus und Holocaust vorhanden sind. Sie dient als Anhaltspunkt dafür, dass Kinder im Sprechen über die Themen noch nicht Teil des herrschenden Diskurses sind. Ein älterer Schüler mit vergleichbaren inhaltlichen Defiziten hätte sich eher nicht mit einer solchen Bemerkung am Gespräch beteiligt. Und sie macht klar, dass es bei der Behandlung des Themas mit Grundschülerinnen und Grundschülern vor allem darauf ankommt, Vorwissen zu ordnen und den Kindern eine Perspektive für die Entwicklung eigener Handlungskompetenzen anzubieten.

Nach dem Kennenlernen erkundet die Gruppe anhand verschiedener Methoden den ersten Ausstellungsteil, der die Lebensgeschichte von Anne Frank im historischen Kontext erzählt. Hier stehen sich zwei große Bildcollagen gegenüber, die die Zeit von 1929 bis 1945 umfassen und wie ein begehbarer Zeitstrahl funktionieren. Die eine Seite wird durch ein Portrait von Anne mit Altersangabe, die andere durch ein Foto vom Brandenburger Tor aus dem entsprechenden Jahr strukturiert. Da die Mehrzahl der Schulklassen aus Berlin kommt, wird durch eine entsprechende Auswahl der historischen Fotos der Bezug zur Lebenswelt der Kinder gestärkt. Die Aufbereitung als paralleler Zeitstrahl hilft den Kindern, zeitliche Abfolgen und Entwicklungen besser zu verstehen. Objekte ergänzen die Abbildungen von Fotos, Dokumenten, Plakaten usw. Mit dem Stammbaum der Familie Frank kommt die Zeit vor dem Nationalsozialismus zur Sprache, die Erstausgabe des Tagebuchs von 1947 erlaubt einen Ausblick auf die Nachkriegszeit.

Inhaltlich befassen sich die Kinder hauptsächlich mit der Lebensgeschichte von Anne Frank. Der Bereich der allgemeinen Geschichte wird nur zur Ergänzung / Illustration wichtiger Ereignisse herangezogen, wie beispielsweise die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 oder die Reichspogromnacht 1938. Mit Anne Frank begegnen die Kinder einer gleichaltrigen Person, deren Lebensumstände bis zu ihrem Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen durch die antisemitische Politik der Nationalsozialisten bestimmt waren. Sie lernen durch ihre Tagebuchaufzeichnungen ein Mädchen kennen, das politisch sehr gut informiert ist, den Kriegsverlauf genau kennt und von Auschwitz ahnt. Neben der Perspektive der Opfer stehen die Geschichten der Helferinnen und Helfer sowie der Täter, um einen multiperspektivischer Blick auf die Geschichte zu ermöglichen. Die Kinder lernen mit Miep Gies und den anderen Helferinnen und Helfern verantwortungsbewusste und starke Persönlichkeiten kennen, die sich als Vorbilder eignen. Die Vielzahl der in der Ausstellung präsentierten Quellen soll die Kinder neugierig machen und sie dazu befähigen, ihre Fragen (unter Anleitung) aus den Quellen heraus selbst zu beantworten. Dabei soll ihnen verdeutlicht werden, wie eine historische Erzählung entsteht. Bei der Darstellung des Holocaust, in diesem Fall repräsentiert durch den Tod bzw. die Ermordung aller Bewohner des Verstecks im Hinterhaus, außer Otto Frank, in verschiedenen Konzentrations- und Vernichtungslagern, wechseln in der Ausstellung Ästhetik und Inhalt. Es existieren keine Fotos der Untergetauchten in den Gefängnissen und Lagern. Statt dessen werden die Deportationsliste von Westerbork nach Auschwitz-Birkenau sowie Aussagen von verschiedenen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die Anne Frank in den letzten sieben Monaten ihres Lebens begegnet sind, präsentiert. Oft haben die Kinder gerade an der Zeit in den Konzentrationslagern und an den Umständen von Annes Tod besonderes Interesse, das sich durch viele Nachfragen ausdrückt. Die Begleiterinnen und Begleiter beantworten diese Fragen, wobei sie detaillierte Darstellung extremer Grausamkeiten vermeiden. Dennoch sollen das Interesse der Kinder und damit sie selbst ernst genommen werden.

Im zweiten Ausstellungsteil widmen sich die Gruppen der Frage, welche Bedeutung Anne Franks Tagebuch für junge Menschen heute hat. Diesem Bereich liegt die These zu Grunde, dass viele Themen, über die Anne Frank in ihrem Tagebuch schreibt, universell und auch heute noch für Jugendliche relevant sind. Vier Themenkomplexe werden behandelt: Identität, Diskriminierung-Antisemitismus-Zivilcourage, Krieg und Zukunftsträume-Wertvorstellungen. Zu diesen Themen befragte das Anne Frank Zentrum fünf Berliner Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren und begleitete mit einem Kamerateam in ihrem Alltag. Die kurzen Filme sind neben Aussagen von Anne Frank in vier multimedial gestalteten Bereichen zu sehen, zu hören und zu lesen. Je nach Interesse werden in der Gruppe zwei Themen ausgewählt, mit denen sich die Kinder auseinandersetzen. Sie formulieren in Auseinandersetzung mit Annes Aussagen und denen der Berliner Jugendlichen ihre eigenen Ansichten zum Thema. Das Ziel ist dabei, eine Verbindung zwischen Vergangenheit (den Aussagen aus Annes Tagebuch) und Gegenwart (den Aussagen der Berliner Jugendlichen bzw. den Aussagen der Besuchergruppe) herzustellen. Die Kinder sind meistens zunächst erstaunt, dass Anne Frank nicht als „berühmte, historische Person, die ganz besondere Gedanken in ihrem Tagebuch niedergeschrieben hat“ präsentiert wird, sondern als ganz normales Mädchen. Dadurch rückt sie näher an die Lebenswelt der Kinder heran und wird greifbarer. Gleichzeitig sind die Unterschiede der Lebensumstände für Anne als verfolgte Jüdin damals und für die Kinder heute offensichtlich. Die Diskussionen, die sich im zweiten Teil der Ausstellung ergeben, sind oft sehr lebhaft. Es wird deutlich, dass die Kinder zu den vier Themen explizite Meinungen haben und diese engagiert vertreten.

Besonders wichtig ist der Abschluss des Ausstellungsbesuchs. Die Kinder sollen in einer letzten Runde beschreiben, wie ihnen das Arbeiten in der Ausstellung und an dem Thema gefallen hat. Überwiegend sind die Kinder müde, aber sehr zufrieden. Sie schätzen es sehr, dass sie zur aktiven Mitarbeit aufgefordert werden und viel Zeit für den Austausch in der Gruppe und mit den Begleiterinnen und Begleitern gegeben ist.

 

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