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Jüdischer Widerstand in der öffentlichen Erinnerung

Dr. Simone Erpel ist Historikerin und kuratiert im Deutschen Historischen Museum, Berlin die Ausstellung „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“, die im Herbst 2010 eröffnet wird. Sie ist Autorin zahlreicher Aufsätze, Bücher, u. a.: „Im Gefolge der SS. Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück“, Berlin 2007.
Von Simone Erpel

In Quentin Tarantinos Kinofilm „Inglourious Basterds“ (USA 2009) sind einige jüdische Männer und eine jüdische Frau Helden und nicht Opfer im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Es ist eine fiktive Geschichte, in der der organisierte Widerstand gewinnt und Hitler samt seiner Paladine im besetzten Paris bei einer Kinopremiere in die Luft gesprengt wird. Dass sich die Verfolgten erfolgreich an ihren Verfolgern rächen, bleibt ein unerfüllter (Kino)Traum. Wir wissen ja, dass die Nazis nie von ihren Opfern besiegt wurden und Hitler leider nicht durch ein Attentat starb, sondern 1945 Selbstmord beging.

Gleichwohl entspricht es den Tatsachen, dass allein aus Deutschland mehr als 20.000 jüdische Männer und auch Frauen kamen, die sich im Exil den Armeen Großbritanniens, der USA und anderer Alliierter anschlossen, um gegen die Nazis zu kämpfen bzw. sich freiwillig für Kommandos meldeten, die – wie die „Inglourious Basterds“ – hinter den feindlichen Linien operierten. Insgesamt, so schätzt der Frankfurter Historiker und Holocaust-Überlebende Arno Lustiger, waren eineinhalb Millionen Juden unterschiedlicher Nationalität als Angehörige von Partisanen-Einheiten und von regulären Einheiten in West- und Osteuropa am militärischen Kampf gegen die deutschen Okkupanten beteiligt. Jüdischer Widerstand war im Kern ein Kampf um die Selbstbehauptung und um das Überleben im Angesicht der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Auf den bis heute im öffentlichen Gedächtnis weitgehend unbekannt gebliebenen jüdischen Widerstand aufmerksam zu machen, ist durchaus das Verdienst von publikumswirksamen Spielfilmen wie „Inglourious Basterds“. Diese Aufmerksamkeit ist umso dringender, weil sich nicht nur, aber auch in Deutschland immer noch hartnäckig die unzutreffende Behauptung hält, Juden hätten ihrer eigenen Vernichtung passiv und tatenlos zugesehen und wären „wie die Schafe zur Schlachtbank“ gegangen. Ganz symptomatisch für dieses Klischee ist die infame Verkürzung des Zitats, das eigentlich lautet: „Lasst uns nicht wie die Schafe zur Schlachtbank gehen!“ Der Ausspruch stammt von Abba Kovner, einem der Anführer der jüdischen Partisanen im litauischen Wilna, der Sylvester 1941 mit diesen Worten zum Widerstand gegen die Vernichtung aufrief.

Hinter der Frage, warum sich Juden nicht gegen ihre Ermordung gewehrt hätten, steckt in den wenigsten Fällen ein echtes Interesse an der Antwort. Vielmehr ist die Frage der unverhohlene Vorwurf, die Juden seien an ihrer eigenen Vernichtung mitschuldig, da sie sich widerstandslos haben abtransportieren lassen.

Erst in den 1990er Jahren, fast 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, rückte in der Bundesrepublik ins öffentliche Bewusstsein, dass der Holocaust nicht nur die Geschichte der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, sondern auch die Geschichte von Selbstbehauptung, Widerstand und Überlebenskampf jüdischer Männer, Frauen und Kinder war. Bis in die 1970er Jahre war bestenfalls der jüdische bewaffnete Aufstand im Warschauer Ghetto bekannt, jener fast einen Monat dauernde verzweifelte und aussichtslose Kampf gegen eine Übermacht deutscher Räumungstrupps, die das Ghetto auflösen und alle noch verbliebenen Juden in die Vernichtungslager deportieren wollten. Nur wenigen Aufständischen gelang schließlich die Flucht. Nahezu unbekannt blieb lange Zeit auch, dass es in einigen anderen Ghettos in Osteuropa, wie in Bialystok und Wilna, zu kleineren Aufständen kam. Gleiches trifft auf die Revolte und den Massenausbruch aus den Vernichtungslagern Sobibór und Treblinka zu.

Gut dokumentiert ist mittlerweile, dass sich deutsche Juden und Jüdinnen ebenfalls auf vielfältige Weise gegen die nationalsozialistische Verfolgung zur Wehr gesetzt haben. Die Bandbreite ihres Widerstands reichte vom bewaffneten Kampf in den Reihen der alliierten Streitkräfte über die Teilnahme am organisierten Widerstand in Westeuropa. Die deutsch-jüdische Bevölkerung befand sich jedoch in einer besonderen Situation: sie war eine Minderheit in Deutschland, die in ihrer Gesamtheit aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen und für vogelfrei erklärt worden war. Juden, die es bis zum Kriegsbeginn nicht geschafft hatten, Deutschland zu verlassen, besaßen nur geringe Überlebenschancen. Ein auf den bewaffneten und organisierten Kampf beschränkter Widerstandsbegriff wird deshalb der aussichtslosen Lage deutscher Juden nicht gerecht, die schließlich jeglicher institutioneller Basis zum organisierten Handeln beraubt waren. Deshalb werden individuelle Akte der Selbstbehauptung und des Widerstehens zum jüdischen Widerstand gezählt. Etwa die Versuche, der Deportation durch „Untertauchen“ zu entgehen; jenem gefahrvollen, völlig unsicheren Schritt in die Illegalität. Zu Akten der Selbstbehauptung gehören aber auch die Selbstmorde, mit denen sich Juden den bevorstehenden Deportationen entzogen haben.

In Deutschland tat man sich in Ost und West lange Zeit schwer mit der Würdigung des jüdischen Widerstands. In die bundesdeutsche Erinnerungspolitik passten widerständige Juden nicht ins Konzept, weil sie keine hilfslosen Opfer waren. Ebenso wenig passte das Bild von Juden im Widerstand in die Vorstellung der antifaschistischen DDR, die einen kommunistischen Kämpfermythos favorisierte und dabei jegliche jüdische Aspekte negierte.

Angesichts der Tatsache, dass in fast jedem europäischem Land der Anteil der Juden am Widerstand weit über ihrem Anteil an der Bevölkerung lag, stellt sich die Frage, was eigentlich die Millionen deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen damals getan haben.

 

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