Empfehlung Belletristik

Wann, wenn nicht jetzt?

Roman von Primo Levi über jüdische Partisanen in Weißrussland

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dtv, München (1989) 384 Seiten
Von Ingolf Seidel

Seine breite Bekanntheit erlangte Primo Levi als Autor wohl in erster Linie durch seinen autobiografischen Bericht „Ist das ein Mensch?“, in dem er seine Erlebnisse in Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz schildert. Nicht minder beeindruckend ist sein Roman „Wann, wenn nicht jetzt“ (italienischer Originaltitel „Se non ora, quando?“) über den Widerstand von Juden in Partisaneneinheiten.

Die Handlung setzt im Juli 1943 ein. Zwei versprengte Soldaten der Roten Armee, der Uhrmacher Mendel Ben Nachman und der Buchhalter Leonid, treffen in den weißrussischen Wäldern Brjanks aufeinander. In Folge der Entdeckung durch ein Hirtenmädchen verlassen beide ihr Versteck in den Wäldern und folgen der Partisanengruppe von Wenjamin, um sich dieser anzuschließen. Ihr Anliegen, sich der Gruppe anzuschließen wird abgelehnt, da Wenjamins Gruppe „die Juden nicht leiden (könnten), schon gar nicht, wenn sie bewaffnet seien.“ Mendel und Benjamin quittieren die antisemitisch grundierte Ablehnung mit der selbstbewussten Entgegnung an den Partisanenführer: „(D)u kannst deinen Leuten sagen, in Warschau haben bewaffnete Juden letzten April den Deutschen länger stand gehalten, als 41 die ganze Rote Armee.“

In der Folge erreichen Mendel und Leonid das Partisanenlager von Nowoselki. Sie beteiligen sich dort an Sabotageaktionen, wie einer Zugentgleisung und verüben einen Anschlag auf die Jagdgesellschaft eines Grafen Dagaranow, der als ehemaliger Großgrundbesitzer mit den Deutschen kollaboriert. Diese Aktion scheitert und in der Folge werden die Partisanen von Deutschen angegriffen und weitestgehend aufgerieben. Die zehn Überlebenden – acht Männer und zwei Frauen – machen sich auf dem Weg, um sich bei Turov erneut einer größeren Gruppe, anzuschließen.

Unter der Führung des 27-jährigen Gedele geht diese Gruppe aus 40 Personen nach Westen, in Richtung der polnischen Grenze. Ihr Ziel ist es sich zu den Amerikanern durchzuschlagen und weiter nach Palästina zu ziehen, wo sich die Menschen eine neue Heimstatt erhoffen.

Auf ihrem Weg wird die Gruppierung von der Armia Krajowa, der polnischen Heimatarmee bedrängt, die ihnen die von den Deutschen erbeuteten Lebensmittel abnimmt. Nachdem die Front die Partisanengruppe überholt hat gelangt sie mittels eines gestohlenen Lastkraftwagen nach Glogau und von dort aus, Ende Mai 1945, nach Dresden.
In einer Kleinstadt nahe bei Dresden werden die Wandernden an ihrem Jiddisch als Juden identifiziert und beschimpft. Ihr Platz wäre nicht hier äußert eine Passantin. Auf die Frage wo dann kommt die Antwort der Deutschen prompt: „Hinter Stacheldraht“. Während dieses Vorkommnisses fällt ein Schuss und Rokhele, eine Frau aus der jüdischen Gruppe wird angeschossen. Man debattiert über Vergeltung, übt diese an zehn Männern im Rathaus und bereut sogleich das eigene Handeln. In Mendels Äußerung spiegelt sich die hohe Moral der Mehrzahl der Überlebenden wider: „Blut sühnt man nicht mit Blut, sondern nur durch Gerechtigkeit. Wer auf Rokhele geschossen hat war ein Vieh, und Vieh will ich keins werden. Wenn die Deutschen mit Gas getötet haben, sollen wir deswegen alle Deutschen mit Gas umbringen? Wenn die Deutschen zehn für einen ermorden, und wie es so machen wie sie, dann werden wir auch so wie sie, und es gibt nie mehr Frieden.“

Über Plauen fährt die Gruppe mit dem Zug mit dem Zug nach Süden und wird am Brenner von der englischen Armee entwaffnet. In Mailand angekommen bringt Rokhele ein Kind zur Welt. Der Roman endet mit der Nachricht vom Atombombenabwurf auf Hiroshima.
Primo Levi erzählt seinen Roman in chronologischer Reihenfolge, die zwölf Kapitel sind anhand von Monats- und Jahreszahlen gegliedert. Bis auf eine Person, die Fliegerin Polina, sind die Protagonisten fiktiv. Nach den Einlassungen des Autors beruht die Geschichte auf Erzählungen eines Freundes, der in einem Mailänder Hilfsbüro für Flüchtlinge und Heimkehrer tätig war. Der Titel des Romans entstammt, dem ebenso fiktiven Lied der Partisanengruppe um Gedele. Der dortige Refrain ist inspiriert durch ein Traktat der ‚Sprüche der Väter‘ aus der Mischna, der Basis des Talmut. Dort sagt der Rabbi Hillel: „Bin ich nicht für mich, wer wird’s je sein? Und denke ich an mich, was bin ich dann? Und wann wenn nicht jetzt?“

Wenn Levis Roman auch kein Überlebendenbericht ist, so erzählt er dennoch Geschehnisse, die stattgefunden haben und die Figur des Mendel besitzt vielleicht autobiografische Züge, wie Erich Kuby vermutet. Einer der Schlüsselsätze im Buch lautet: „Wir kämpfen um drei Zeilen in den Geschichtsbüchern.“ Mit diesen Worten fasst er die Sinnhaftigkeit des jüdischen Abwehrkampfes zusammen. Nicht als Opfer in die Geschichte einzugehen, sondern als tätige Subjekt. Betrachtet man heute die Wahrnehmung von Juden und die Geschichte der Vernichtung des europäischen Judentums durch Deutsche und ihre Helfer, kann man zu dem bitteren Schluss kommen, dass die Nationalsozialisten einen späten Sieg errungen haben. Mit kleinen Ausnahmen, wie der Darstellung des Aufstandes im Warschauer Ghetto, werden Jüdinnen und Juden auf die Rolle des Opfers festgelegt. Nun ist die Shoah nicht der Gegenstand Heldengeschichten zu erzählen. Sehr wohl bietet sich aber die Möglichkeit einer differenzierten Geschichtsbetrachtung. Das Buch von Primo Levi kann ein Medium dazu sein – gerade auch gegen die Zwänge zur didaktischen Reduktion des Themas im Unterrichtsgeschehen.
 

 

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