Empfehlung Fachbuch

Gegen alle Vergeblichkeit. Jüdischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Erler, Hans; Paucker, Arnold; Ehrlich, Ernst L. (Hrsg.): Gegen alle Vergeblichkeit. Jüdischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus, 2003, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 455 S., 45,00 €.
Von Bernward Dörner

Der jüdische Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurde lange ignoriert, zumindest jedoch unterschätzt. Das Bild, ‚die Juden’ hätten sich ‚wie Schafe zur Schlachtbank führen lassen’, dominiert bis heute die öffentliche Vorstellung des Verhaltens der Verfolgten während der Shoa. Dabei ist seit den 1970er Jahren dieses Klischee durch die Holocaust- und Widerstandsforschung mit guten Argumenten in Frage gestellt worden.[1]

Dass „gegen alle Vergeblichkeit“ nicht wenige Juden - trotz einer zunehmend isolierten, schier aussichtslosen Position - in dem von NS-Deutschland beherrschten Territorium Widerstand leisteten, wird in dem vorliegenden Sammelband eindruckvoll belegt. Die Publikation ist das Ergebnis einer dreitägigen Konferenzreihe, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Londoner Leo-Baeck-Institut veranstaltet wurde. Die Autoren sind Wissenschaftler, einige Überlebende und Zeugen der nationalsozialistischen Genozidpolitik: Ernst Ludwig Ehrlich konnte 1943 der drohenden Deportation in die Vernichtungslager durch die Flucht in die Schweiz entgehen[2]; Paul Spiegel überlebte den Genozid als Kind, versteckt bei belgischen Rettern[3]; Arno Lustiger überlebte im Untergrund im ostoberschlesischen Bedzin (S. 452); Lucien Steinberg war in Rumänien 1942/1943 im Widerstand aktiv und konnte 1943 nach Palästina, 1944 nach London auswandern (S. 454); Arnold Paucker emigrierte 1936 nach Palästina, von 1941 bis 1946 war er Soldat der britischen Armee (S. 454); Werner T. Angress emigrierte 1937 über Amsterdam nach Großbritannien, trat 1941 in die US-Army ein und nahm 1944 an der Landung der Alliierten in der Normandie teil (S. 242-249).

Schon der Blick auf diese Schicksale zeigt, wie unterschiedlich die Wege und Strategien der vom Genozid bedrohten Juden waren und wie unangemessen gängige Generalisierungen bezüglich des‚ passiven Opferverhaltens’ ‚der Juden’ sind. Dieser Befund wird durch die Buchbeiträge eindrucksvoll bestätigt.

Vorangestellt sind dem Sammelband – der sich in vier Teile: „Die Lage: Herausforderung von Widerstand“, „Widerstand in Deutschland“, „Widerstand in Europa“ und „Der (Wieder-)Aufbau der Demokratie in Deutschland“ aufgliedert - Beiträge von Hans Erler („’Alle Völker im Reiche fügten sich dem, früher oder später, nur dieses Volk nicht’“) und eine Rede zum 60. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstandes von Paul Spiegel.

Beiträge Ernst-Ludwig Ehrlichs zur „Idee des Widerstands im Judentum“ und Arnold Pauckers „Zur Problematik des Widerstands deutscher Juden gegen den Nationalsozialismus“ leiten den Sammelband mit grundsätzlichen Überlegungen ein. Paucker, der wohl beste Kenner der Thematik, referiert und reflektiert die Entwicklung der Forschung zum ‚Jüdischen Widerstand’ wie auch zum Widerstand von Juden in den verschiedensten Sphären und Milieus des antifaschistischen europäischen Widerstands. Es folgen zahlreiche, durchweg fundierte Beiträge, die ganz unterschiedliche Themen untersuchen.

Im ersten Teil des Sammelbandes beleuchten Martin Sabrow („Der Mord an Walther Rathenau und die Zerstörung der Weimarer Republik“) und Barbara Suchy („’Wir halten treu und fest zu Republik und Verfassung’. Deutsche Juden und die Verteidigung der Weimarer Republik“) den Widerstand jüdischer Deutscher vor 1933 gegen den rechtsradikale und nationalsozialistische Verfassungsfeinde. Während Arnold Paucker („Juden und Deutsche im Vorkriegsdeutschland 1930-1939“) jüdische Widerständigkeit gegen die NSDAP und ihr Regime untersucht, wenden sich im folgenden Ingo Müller („Aus demokratischem Recht wird Willkür. Juristen und die nationalsozialistische Judenverfolgung“), Götz Aly („Hitlers Volksstaat. Anmerkungen zum Klassencharakter des Nationalsozialismus“) und Gerhard Paul („Täterbilder – Täterprofile – Taten. Ergebnisse der neueren Forschung zu den Tätern des Holocaust“) der Verfolgerseite zu.

Der Widerstand der Juden in Deutschland wird im zweiten Teil des Sammelbandes aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet: Horst Sassin („’Charakterinseln im Schlammsee des Dritten Reiches’. Assimilierte Juden im liberalen Widerstand“), Jan Foitzik („Zwischen den Fronten: Linke Kleingruppen im Widerstand 1933-1939/40“, „Die Widerstandsgruppe ‚Org.’ (‚Neu Beginnen’) 1929-1935“), Kurt Schilde („Jüdische Jugendliche gegen den Nationalsozialismus in Deutschland: Widerstand oder Opposition?“) untersuchen die Einstellungen und die Handlungsmuster verschiedener jüdischer Persönlichkeiten, Gruppen und Milieus. Werner T. Angress („Schule – Exodus –Krieg. Persönliche Erinnerungen an die Nazi-Zeit“) exemplifiziert lebensgeschichtlich, was Verfolgung und Widerstand damals konkret bedeuten konnte.

Der Widerstand von Juden in Europa gegen den Mord an den europäischen Juden steht im Mittelpunkt des dritten Teils des Sammelbandes. Arno Lustiger („Einige Aspekte des jüdischen Widerstands in Europa: Die Juden hatten mehr Gründe zum Widerstand als die nichtjüdischen Menschen“) leitet mit einigen grundsätzlichen Überlegungen die folgenden Beiträge ein. Hierin beleuchten die Autoren ganz unterschiedliche Aspekte des Genozids: Ingrid Strobel („Jüdische Frauen im besetzen Europa“), Lucien Steinberg („Jüdischer Widerstand in Frankreich und Belgien. Der Anteil deutschsprachiger Juden“), Arno Lustiger („Der Aufstand im Warschauer Ghetto“; „Jüdische Freiwillige im Spanischen Bürgerkrieg“, „Der Anteil der Juden am Kampf gegen den Faschismus“ und „Stalin und die Juden. Die tragische Geschichte des Jüdischen antifaschistischen Komitees in der Sowjetunion“) und Viviana Ravioli („Die Teilnahme der Juden am italienischen Widerstand“).

Im Mittelpunkt des letzten Teils des Buches steht die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse in Deutschland nach dem Holocaust: Alfons Söllner („Jüdische Emigranten in den USA: Ihr Einfluss auf die amerikanische Deutschlandpolitik 1933-1949“) Marita Kraus („Exil, Neuordnung und Erneuerung Deutschlands: Jüdische Remigranten im politischen Leben Nachkriegsdeutschlands“) und Uta Gerhard („Das Reeducation-Programm der USA“). Ein Beitrag Hans Erlers („Statt eines Nachwortes: ‚Hier wird der Kampf des Menschen exemplarisch ausgefochten’“) beschließt den Sammelband.

Kritisch kann zu dem hervorragenden Sammelband unter anderem dies angemerkt werden: Problematisch erscheint mir der Begriff (Wieder-)Aufbau im Titel des letzten Teils des Buches, weil er die Deutung zulässt, dass vor 1933 in Deutschland keine Demokratie geherrscht habe bzw. dass es keine Anknüpfungspunkte im demokratischen Sinne zu der Zeit vor 1945 gegeben habe. Eine zu weit gehende Formulierung m.E., die im übrigen nicht kompatibel wäre mit den Aussagen des Buchteils zur Weimarer Zeit („Zerstörung der Weimarer Republik“).

Bei der Würdigung der Bedeutung des Sammelbandes fallen solche Einwände nicht ins Gewicht. Das Buch trägt dazu bei, dass der Mut derjenigen, die in isolierter, gedemütigter, verzweifelter Lage die physische und psychische Kraft zum Widerstand fanden, nicht vergessen wird. Denn es widerlegt in vielfältiger Weise Stereotypen zu ‚dem’ Verhalten ‚der’ Juden während des Mordes an den europäischen Juden - ohne umgekehrt die Aspekte des Versagens in dem insgesamt doch weitgehend vergeblichen Kampf zu negieren bzw. negieren zu können. Der facetten- und aspektreiche Sammelband leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Würdigung des Widerstands von Juden gegen die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten.
 

Anmerkungen

[1] Wichtige Impulse gingen in den 80er Jahren u.a. von folgenden Veröffentlichungen aus: Hermann Langbein: …nicht wie die Schafe zur Schlachtbank. Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938-1945, Frankfurt a.M. 1980; Konrad Kwiet/Helmut Eschwege: Selbstbehauptung und Widerstand. Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde 1933-1945; Hamburg 1984; Arnold Paucker u.a. (Hg.): Die Juden im nationalsozialistischen Deutschland, Tübingen 1986; Shalom Libertad!
Juden im Spanischen Bürgerkrieg, Frankfurt a.M. 1989; wichtige Veröffentlichungen in den 90er Jahren: Wilfried Löhken/Werner Vathke (Hg.): Juden im Widerstand. Drei Gruppen zwischen Überlebenskampf und politischer Aktion 1939-1945, Berlin 1993; Arno Lustiger: Zum Kampf auf Leben und Tod. Zum Widerstand der Juden 1933-1945, Frankfurt a.M. 1997; zum neuesten Forschungsstand: Arnold Paucker: Deutsche Juden im Kampf um Recht und Freiheit. Studien zur Abwehr, Selbstbehauptung und Widerstand der deutschen Juden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Mit einer Einführung von Reinhard Rürup, Berlin 2003.
[2] Vgl. hierzu ein Interview mit Ernst Ludwig Ehrlich vom 1. März 1996, abgedrückt in: Franco Battel: „Wo es hell ist, da ist die Schweiz“. Flüchtlinge und Fluchthilfe an der Schaffhauser Grenze zur Zeit des Nationalsozialismus, Zürich 2000, S. 334.
[3] Paul Spiegel: Wieder zu Hause? Erinnerungen, Berlin 2001.

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