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Erinnerungspädagogik, maßgeschneidert. Vom Wartezimmer des Todes zum Menschenrechtsmuseum

Marjan Verplancke ist Verantwortlicher für die pädagogische Arbeit des Jüdischen Widerstands- und Deportationsmuseums.
Von Marjan Verplancke

Am Rande Mechelens, einer der schönsten älteren Städte Belgiens, erhebt sich eine alte Kaserne. 1756 wurde sie durch die Habsburger errichtet, ist sie den meisten Einwohnern Mechelens als Einrichtung des Militärs ein Begriff. Bis in die 70er Jahre leisteten hier viele Männer ihren Wehrdienst. Weitaus weniger Menschen sind sich allerdings der unheimlichen Rolle der Kaserne während der deutschen Besatzung bewusst. Zwischen 1942 und 1944 fungierte das Gebäude für die Nationalsozialisten als „Sammellager für Juden“. Für 24.908 Juden und 351 Sinti und Roma begann hier der Weg in den Tod. Sie wurden nach Auschwitz deportiert, nicht einmal 5% von ihnen haben überlebt.

Abgesehen von einem jährlichen Gedenktag, wurde der Kaserne als „Wartezimmer des Todes“ nach dem Krieg nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Erst 1996 – das Militär war ausgezogen und eine Renovierung einschließlich der Einrichtung von Wohnungen rettete das Gebäude vor dem Abriss – wurde in einem Teil der Wohnräume ein bescheidenes Museum eingerichtet. Klein, aber offenbar wichtig: Das Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum wurde sofort buchstäblich überrannt von jährlich 35.000 Besuchern. Die meisten von ihnen sind Schüler, die im Klassenverbund kommen. Pädagogisch geschulte Guides begleiten sie durch die Ausstellung und vermitteln verschiedene Aspekte des Holocaust in Belgien.

Die zuständigen Minister erfuhren von dem aus seinen Fugen geratendem Museum und beschlossen finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, um an diesem historischen Ort ein großes Museum zu errichten. 2012 soll das erneuerte Museum Kazerne Dossin, memoriaal, museum en documentatiecentrum over Holocaust en Mensenrechten seine Türen öffnen. Der Bezug auf die Menschenrechte hilft nicht nur, die Ursachen von Verfolgung und Vernichtung in Ideologien der Ungleichheit aufzuspüren, sondern erleichtert es auch, die unterschiedlichen Besucher im Blick zu behalten: Welche eigenen Erfahrungen bringen sie mit und was hilft ihnen folglich, einen eigenen Zugang zur Geschichte zu finden? Diese Ansätze erlauben auch einen Umgang mit vergangenem und gegenwärtigem Unrecht, der das Schicksal des Einzelnen respektiert und wegführt von Gleichsetzungen.

Unterdessen setzt das Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum seine pädagogischen Aktivitäten unvermindert fort. Die Bildungsarbeit wird durch ein sehr aktives pädagogisches Expertenkomitee beraten. So werden neue pädagogische Erkenntnisse laufend in die Arbeit des Museums integriert. 2008 beschloss der Bildungsminister, dass die pädagogische Abteilung des Museums Dreh- und Angelpunkt der flämischen Erinnerungspädagogik werden soll. Realisiert wird dieser Auftrag von dem Bijzonder Comité voor Herinneringseducatie, das alle Initiativen rund um die Erinnerungspädagogik an einen Tisch bringt und qualitative Kriterien für eine effiziente Erinnerungspädagogik entwickeln soll.

Neben den Führungen entwickelt das Museum weitere pädagogische Programme, die spezifische Fragen und Probleme der täglichen Praxis betreffen. Wir arbeiten diesbezüglich drei Beispiele aus.

Der kleine Simon

Oft wird gefragt, ob der Holocaust kleinen Kindern erklärt werden kann. Das Museum heißt Kinder ab 10 Jahren willkommen, obgleich sie natürlich nicht das gleiche Programm erhalten wie ältere Besucher. Für sie arbeiteten wir ein Modul rund um die Geschichte des kleinen Simons aus. Simon Gronowski, Kind jüdischer Einwanderer, ist ein typischer Elfjähriger: er hat eine ältere Schwester, die er vergöttert, ist Pfadfinder und macht die üblichen Jungenstreiche.

Mit simplen Bildern, die Simons Leben illustrieren, führen wir durch das Museum und lassen die Kinder verstehen, wie Simon durch die Nazis diskriminiert, verfolgt und in Mechelen inhaftiert wurde. Eine der anonymen Nummern der Transportlisten der Nazis bekommt so ein Gesicht und eine Geschichte. Mit Simon geht es – entgegen aller nationalsozialistischen Logik – gut aus. Er springt aus dem Deportationszug und wird bis zu Befreiung durch helfende Belgier geschützt.

Die Geschichte spielt sich auf mehreren Ebenen ab: mit Simon als rotem Faden nehmen wir Bezug auf die Besatzung, die Identifikation und Registrierung der Juden in Belgien, ihre Isolierung und Stigmatisierung, ihre Inhaftierung und Deportation. Wir dringen nicht in die brutale Realität von Auschwitz selbst ein, aber die Kinder erkennen leicht die Mechanismen von Ausgrenzung und Diskriminierung, die Auschwitz möglich machten. Wir untersuchen, wie zunächst Unbeteiligte zu Tätern und Opfern werden und welche Konsequenzen sich aus Entscheidungen ergeben können.

Darüber hinaus handelt es sich um eine wahre Geschichte: neben den Informationen können wir den Kindern auch authentisches Bildmaterial zeigen: Babyfotos von Simon, seine Sipo-SD-Karte, die Transportliste mit seiner Nummer, einen Brief, den seine Schwester ihm in Gefangenschaft schreibt, Teile des Tagebuches seines Vaters etc.

Und bei besonderer Gelegenheit bitten wir den kleinen Simon – inzwischen Großvater – seine Geschichte selbst zu erzählen. Denn solange es noch geht, bleibt das Zeugnis von Überlebenden ein didaktisches Mittel von unschätzbarem Wert.

Mechelen Transit (Flüchtlinge damals – und heute)

Auch in Flandern wird im Bildungsbereich diskutiert, wozu und wie aktuelle Bezüge zur Geschichte hergestellt werden sollten. Lehrer wollen wissen, was wir aus historischen Ereignissen lernen können, was für unser eigenes Leben wichtig ist. Wir gehen bei solchen Bemühungen, aktuelle Bezüge herzustellen von dem Verständnis aus, dass in jedem historischen Ereignis universelle menschliche Mechanismen entdeckt werden können: Vorurteile, Gleichgültigkeit, Bürokratie, Propaganda. Individuelle Entscheidungen und Dilemmata stehen dabei im Zentrum.

In Mechelen konnte ein einmaliges Projekt realisiert werden. Dieses Projekt entstand durch die Zusammenarbeit zwischen der pädagogischen Abteilung unseres Museums, dem Flüchtlingsdienst von Mechelen um dem Flämischen Roten Kreuz. 500 Mecheler Schüler bekamen eine interaktive Führung durch das Museum, die speziell das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge in Belgien am Vorabend des Zweiten Weltkrieges thematisierte. Danach nahmen sie an einem Parcours und einem Workshop über die bürokratischen und menschlichen Schwierigkeiten teil, mit denen heutige Flüchtlinge zu tun haben.

In dem Projekt werden Vergangenheit und Gegenwart nicht gleichgesetzt, vielmehr erfahren die Teilnehmer, von welchen Bedingungen das Leben und Überleben von Flüchtlingen abhängt. Wir hoffen, dass die Schüler verstehen lernen, dass Flüchtlinge ein zeitloses universelles Phänomen sind, bei dem stets dieselben Faktoren eine Rolle spielen. Wir wollen sie einladen darüber nachzudenken. Flüchtlinge, sowohl früher als auch heute, werden allzu oft als „die Anderen“ gesehen, als Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben und für die wir keine Verantwortung tragen.

Mechelen-Auschwitz, Reise ohne Rückkehr

Es ist auffällig, wie viele belgische Schulen gute Erinnerungspädagogik mit weiten Reisen assoziieren. Per Bus, per Zug oder per Flugzeug geht es nach Auschwitz, Buchenwald oder Dora. Sie wollen die Lager sehen, sie wollen „echt erfahren“ was der Nationalsozialismus angerichtet hat. Wenn man die Schüler allerdings fragt, ob auch Juden aus Belgien deportiert wurden und ob sie die Gedenkstätte Breendonk kennen, haben sie oft keine Ahnung.

Wir sprechen uns nicht gegen Fahrten nach Polen oder Deutschland aus. Im Gegenteil, doch es sollte deutlich werden, dass die Geschichte von Verfolgung und Widerstand vor der eigenen Haustür beginnt und die Organisation des Holocaust ohne die Kenntnis der Verhältnisse im besetzten Belgien unverständlich bleiben wird. Insofern ergeben Reisen nach Deutschland und Polen, in Städte wie Weimar oder Krakau wichtige Anknüpfungspunkte, wenn vorweg z.B. die Biographien von Menschen thematisiert werden, die damals als Verfolgte oder Widerstandskämpfer aus Belgien in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten deportiert wurden. Insofern halten wir es für richtig, dass die Schüler zunächst die Geschichte ihres eigenen Landes kennen, da sie sich auf dieser Grundlage die historischen Erfahrungen anderer Länder viel besser erschließen können.

Der Krieg ist für die meisten Jugendlichen ohnehin eine weit entfernte Geschichte. Wenn sie stundenlang reisen müssen, bevor sie mit greifbaren Spuren des Krieges in Berührung kommen, wird der „entfernte“ Eindruck nur verstärkt. Die Beschäftigung mit der Geschichte der Täter, Opfer und Unbeteiligten in unserem Land, in unserer eigenen Stadt, verweist uns auf unsere eigene Verantwortung. Um Schulen, die Auschwitz besuchen wollen, die Möglichkeit zu geben ihren Besuch gut vorzubereiten, bieten wir das Modul Mechelen-Auschwitz, enkele reis an. Gruppen erhalten eine ausführliche Führung durch das Museum. Danach erstellen Schüler in kleinen Gruppen eine Mini-Führung durch die belgische Ausstellung in Auschwitz. Jede Gruppe sieht sich mithilfe einer CD-Rom eine Anzahl von Fotos und Karten an, die sie in Auschwitz dem Rest der Gruppe vorstellen müssen. So vertiefen sie sich in einen Teilaspekt der belgischen Geschichte und bereiten sich so gleichzeitig konkret auf ihren Besuch in Auschwitz vor. Am Ende des Tages treten die Schüler ins Gespräch mit einem Zeitzeugen, der Auschwitz überlebt hat.

Es ist sehr spannend an dieser komplexen Materie zu arbeiten und das Thema für Schulklassen zugänglich und konstruktiv zu machen. Die Besucher wünschen sich sehr, dass ein mit Modulen arbeitender Ansatz weiter gestärkt wird. Bis das neue Museum in ungefähr zwei Jahren steht, wollen wir ein System ausarbeiten, mit dem die Schulen im Vorhinein die Dauer, den Fokus und die Methode eines Besuches festlegen können.

Für die Übersetzung ist Karen Weduwen zu danken, die als Freiwillige Mitarbeiterin von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste im Museum arbeitet.

Literatur

Adriaens, W. e.a., Mecheln-Auschwitz 1942-1944, Deel 1, VUBPress, Brussel, 2009, 366 blz.
Verplancke, M. e.a., Malines Transit , Broschüre des Projektnachmittags, 2008, 34 blz.
Joods Museum van Deportatie en Verzet, De Belgische tentoonstelling in Auschwitz. Het boek, 2007, 168 blz.

 

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