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Jüdischer Widerstand in Ghettos 1939-1944

Dr. Gudrun Schroeter, lebt in Berlin und arbeitet zurzeit in der Holocaustforschung. Sie ist Autorin des Buches „Worte aus einer zerstörten Welt. Das Ghetto in Wilna“ (St. Ingbert, 2008).
Von Gudrun Schroeter

Die spezifische Dynamik der deutschen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik ist ein wesentlicher Hintergrund, um sich dem jüdischen Widerstand anzunähern. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939, nachdem Einsatzgruppen und Wehrmacht Tausende Angehörige der polnischen Elite, darunter auch Juden, ermordet hatten, wurde die jüdische Bevölkerung in Ghettos gepfercht. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 fielen Verfolgung und Vernichtung zusammen: Deutsche begannen mithilfe einheimischer Kollaborateure direkt mit den Massenmorden. Sie beabsichtigten nicht nur, alle Juden zu vernichten, sondern die gesamte jüdische Kultur auszulöschen.

In den Ghettos, Transiträumen zum Tod, lebten die Juden und Jüdinnen isoliert und entrechtet, zur Zwangsarbeit verurteilt. Welche Möglichkeiten hatten Einzelne und Gruppen, sich gegen die Angriffe auf Leben, Kultur und Religion zu wehren, die zudem eingebettet waren in ein System von Täuschungen? Die Menschen im Ghetto waren ein Spiegel der Gesellschaft – religiös, säkular, sie entstammten unterschiedlichen Schichten und hatten unterschiedliche Lebenserfahrungen. Die umfassenden Angriffe und Täuschungen ließen Einzelne und Gruppen zu verschiedenen Deutungen kommen und führten zu unterschiedlichen Antworten.

Das Konzept Amidah, das sich übersetzen lässt mit ‚aufrecht stehen‘, charakterisiert vielfältige Formen jüdischen Widerstands. Dazu gehören soziale, religiöse, politische und kulturelle Initiativen, die die Gemeinschaft, Solidarität und Moral und den Lebensmut der Menschen im Ghetto stärkten. In den Ghettos entwickelten sich Basisstrukturen: Ärzte bemühten sich, Krankheiten und Epidemien – häufig den katastrophalen Bedingungen geschuldet – entgegenzuwirken. Lehrer/innen gründeten – vielfach gegen ein explizites Verbot – Schulen und Kindergärten, Waisenhäuser für Kinder, deren Eltern bereits ermordet waren. Gegen drohenden Hunger, zur Aufstockung der knappen Rationen wurden Lebensmittel in die Ghettos geschmuggelt und in Suppenküchen verteilt.

Künstler/innen veranstalteten Abende zur jüdischen Geschichte, um die Identität der Eingesperrten zu stärken, und organisierten Gedenkabende für die Ermordeten. Im Wilnaer Ghetto wurde ein Theater gegründet. Es sind Kontroversen überliefert, ob die Gründung eines Theaters im Ghetto legitim sei – ein Theater auf einem Friedhof? Suggerierte es nicht die Illusion eines normalen Lebens? Die Debatte zeigt, dass die Formen des Widerstands umstritten waren: Einige Aktivist/innen, auch der bewaffneten Widerstandsbewegung, unterstützten das Theater, andere lehnten es ab.

In vielen Ghettos wurden Chroniken geschrieben und geheime Archive aufgebaut. Am bekanntesten ist das in Warschau organisierte Archiv Oneg Shabbat Doch auch in Wilna, Białystok, Łodz/Litzmannstadt wurde Material gesammelt, um der Nachwelt Zeugnis von den unvorstellbaren Ereignissen zu geben – und für die Erinnerung. Trotz großer Schwierigkeiten versuchten fromme Juden, das religiöse Leben aufrecht zu erhalten. Aus dem Ghetto in Warschau sind die Beschreibungen von Rabbi Shimon Hubberband, einem Mitarbeiter der Gruppe Oneg Shabbat, erhalten. Rabbi Oshri schrieb nach dem Krieg Erinnerungen an das Ghetto in Kaunas – um nur einige zu nennen.

Auch der bewaffnete Widerstand ist ein Ausdruck von Amidah: In vielen Ghettos in Polen, Litauen, Weißrussland und der Ukraine gründeten vor allem junge Menschen bewaffnete Gruppen, planten den Kampf gegen die Deutschen und Sabotageaktionen. Sie schmuggelten Waffen in die Ghettos und bauten illegale Netzwerke auf. In Minsk war das Ziel der Untergrundorganisation, möglichst viele Menschen zu den Partisanen zu schleusen. In anderen Ghettos planten Gruppen die Flucht in die Wälder und die Verteidigung des Ghettos. Ihnen war bewusst, dass ein Kampf im Ghetto kaum Chancen gegen die deutsche Übermacht hatte. Im Dezember 1941 diskutierte im Ghetto von Wilna eine Gruppe junger Frauen und Männer den ersten Aufruf zum bewaffneten Widerstand. Er endet mit den Sätzen: Brüder, lieber als freie Kämpfer fallen, als von der Gnade der Mörder leben. Widerstand leisten!

Aus unterschiedlichsten Gründen waren nur wenige Menschen in der Lage oder bereit, sich bewaffneten Gruppen anzuschließen, noch weniger überlebten. Die Realität des Holocaust war Massenmord, die unterschiedlichen Formen des Widerstands waren Facetten, die darüber nicht hinwegtäuschen können und dürfen.

 

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