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Jüdischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Prof. Dr. Wolfgang Benz ist Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung den der TU Berlin.
Von Wolfgang Benz

Die Möglichkeiten für Juden, Widerstand gegen das NS-Regime zu leisten, waren so begrenzt, dass Historiker wie der Nestor der Holocaustforschung Raul Hilberg davon überzeugt waren, es habe ihn nicht gegeben. Das bestritten seine Kollegen vor allem in Israel mit dem Verweis auf jüdische Partisanen in Weißrussland und der Ukraine, mit Beschreibungen des Warschauer Ghetto-Aufstands, mit den Heroengeschichten der Revolten in Auschwitz und Treblinka, Bialystok und Sobibor.

Dass jüdischer Widerstand die Ausnahme war, entspricht aber leider der historischen Wirklichkeit. Die Mehrheit der Juden hatte keine Chance, sich gegen den Holocaust aufzulehnen. Das war nicht die Schuld der Juden. Gewalt und Arglist, Täuschung und Terror waren stärker, und Solidarität mit den Opfern gab es kaum. Ohne Solidarität, d. h. Rückhalt aus der Mehrheit der Bevölkerung war erfolgreicher Widerstand nicht möglich.

So besteht die Geschichte jüdischer Gegenwehr gegen den Nationalsozialismus aus mutigen Taten Einzelner, aus Gesten einiger weniger Gruppen, aus Aktivitäten der Verzweiflung vor dem sicheren Tod im KZ und Vernichtungslager. Zu den Einzelnen gehörte Erich Leyens, der während des Boykotts jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 vor seinem Kaufhaus in Wesel Flugblätter gegen die NS-Politik verteilte. Ein anderer war der junge polnische Jude Moshe Beirach, der sich 1942 den jüdischen Partisanen unter Tuvia Bielski in Weißrussland anschloss — der größten Widerstandgruppe überhaupt mit etwa 1200 Mitgliedern. Eugen Herman-Friede aus Berlin-Kreuzberg war Schüler und erst 17 Jahre alt, als er sich der Deportation durch Untertauchen entzog und sich einer kleinen jüdischen Widerstandsgruppe, der „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“ anschloss. Ihr Widerstand war Hilfe für versteckte Juden und das Verteilen von Flugblättern gegen das Hitler-Regime.

Die zionistische Jugendgruppe Chug Chaluzi in Berlin hatte etwa 40 Mitglieder. Der kommunistisch-jüdischen Herbert-Baum-Gruppe, die im Mai 1942 den spektakulären Brandanschlag auf eine NS-Propaganda-Ausstellung im Berliner Lustgarten verübte, gehörten rund 100 Jugendliche an. Das waren die Dimensionen jüdischen Widerstands. Es konnte auch nicht um den bewaffneten Kampf jüdischer Organisationen gegen den Nationalsozialismus gehen, sondern nur um Selbstbehauptung, um das Überleben einiger weniger im Untergrund. Das war gefährlich, dazu gehörte Mut und Kraft. Dazu wurden aber auch nichtjüdische Freunde und deren Solidarität benötigt.

Daran fehlte es aber. Gewalt, Hass und Desinteresse machte das Schicksal der jüdischen Minderheit ausweglos. Die Geschichte des jüdischen Widerstands ist deshalb kein dramatisches Heldenepos vom Befreiungskampf des jüdischen Volkes. Es war aber auch nicht so, dass die Juden sich willenlos „wie die Schafe zur Schlachtbank“ treiben ließen. Es war nicht jüdische Feigheit, die den nationalsozialistischen Tätern das Morden erleichterte, sondern Ausweglosigkeit als Folge eines Übermaßes perfekter Organisation, mit der die Vernichtung systematisch geplant und vollzogen wurde. Die Geschichte des jüdischen Widerstandes ist daher eine Geschichte aus vielen Facetten, in der Einzelne aufbegehrten, kämpften, sich dem Judenmord zu entziehen suchten und sich gegen Unmenschlichkeit und Vernichtung behaupteten.

 

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