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What’s gender got to do with it?

Dr. Anette Dietrich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Von Anette Dietrich

„Dass Frauen auf Hitler besonders stark und positiv reagierten, ist immer wieder zu hören und zu lesen. Wie ist das zu beurteilen? Wie steht es mit prominenten Beispielen dafür und wie mit gegenteiligen Beispielen?“

Diese Fragen stellt ein pädagogisches Begleitheft der Bundeszentrale für politische Bildung zum Dokumentarfilm „Im toten Winkel“ über Hitlers Sekretärin Traudl Junge für die Arbeit im Schulunterricht. In einem Filmheft zu „Rosenstraße“ schlägt ein Zitat der Filmemacherin Margarethe von Trotha in dieselbe Kerbe: „Der Erfolg von Hitler basierte zu einem ganz großen Teil auf der Liebe, der Hingabe, dem Enthusiasmus der deutschen Frauen.“

Es ist natürlich wichtig, mit Jugendlichen zu reflektieren, dass auch Frauen maßgeblich am Nationalsozialismus beteiligt waren. Doch die Erotisierung und damit auch Entpolitisierung des Verhältnisses der deutschen Frauen zu Hitler bzw. dem Nationalsozialismus trägt nicht zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Täterschaft von Frauen und ihren politischen Motiven bei.

Diese weitverbreitete These über das libidinöse Verhältnis von Frauen zu Hitler, und dass insofern vor allem deutsche Frauen Hitler an die Macht gebracht hätten, ist mittlerweile widerlegt und wird dennoch immer wieder gerne aufgewärmt. Sie steht jedoch im Kontext der beliebten Darstellung Adolf Hitlers als Verführer (z.B. die häufige Abbildung von Fotos Adolf Hitlers in einer Menge jubelnder Frauen) oder gar Vergewaltiger der deutschen Bevölkerung.

Diese Darstellung verschleiert die Geschichte des Nationalsozialismus: Im Vordergrund steht der Verführer und Dämon Hitler, die deutsche Bevölkerung scheint von ihm verführt und ihm ausgeliefert – ein beliebtes Selbst-Einopferungs-Motiv der Angehörigen der Tätergesellschaft. Hitlers Anziehungskraft und Macht werden verklärt. Die Auseinandersetzung mit dem NS, so deutet sich hier bereits an, bezieht sich auf vergeschlechtlichte Deutungsmuster, die an Entschuldungsstrategien anknüpfen und eine Naturalisierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse mit sich bringen können.

Dennoch sind Fragen nach Geschlecht in den pädagogischen Materialien eher die Ausnahme. Themen wie Handlungsfähigkeit, Täterschaft oder Rassismus sollen mit den Jugendlichen diskutiert werden, jedoch fehlt ein Blick darauf, inwiefern Geschlecht als Strukturkategorie dazu beiträgt, Geschichte zu erzählen und zu beurteilen.

Die Kategorie Geschlecht ist auf unterschiedlichen Ebenen relevant für die Betrachtung des NS, denn sie bestimmt – meist unbewusst – die Wahrnehmung, Beschreibung und Bewertung der Geschichte und strukturiert damit die Erinnerung und die Darstellung des NS. Vorstellungen von Geschlecht bestimmen zum Beispiel darüber, welche Erfahrungen im Erinnerungsdiskurs einen Ort finden können.

An zahlreichen Beispielen zeigt sich, dass versucht wurde, den NS mit Hilfe von Geschlechterbildern zu bewältigen. Das Grauen der nationalsozialistischen Geschichte wurde z.B. in der Kunst oftmals mit Bildern monströser Weiblichkeit dargestellt. Diese Metaphern trugen dazu bei, die Geschichte zu bannen und sich von ihr distanzieren zu können. Die dichotomischen Geschlechter- bzw. Weiblichkeitsbilder können eine Naturalisierung und damit Plausibilisierung der Geschichte mit sich bringen. Dies zeigt sich z.B. bei der Darstellung weiblicher Täterinnen wie KZ-Aufseherinnen, die oft sexualisiert und "pervers" dargestellt werden und so das absolut Böse verkörpern.

Geschlecht ist eine grundlegende Kategorie der filmischen Darstellung, insofern erweist sie sich als zentral für das Funktionieren von Spielfilmen, aber auch z.B. für die Darstellungen der Akteure und Akteurinnen bzw. Täter und Täterinnen. Bei der Sichtung von Filmen mit Jugendlichen können vergeschlechtlichte Deutungsmuster als relevanter Bestandteil ihrer aktuellen Lebenswelt reflektiert werden.

Auch wenn generell fragwürdig erscheint, welchen pädagogischen Sinn es macht, den sehr problematischen Film "Der Untergang" mit Jugendlichen anzuschauen (1), erweist sich Geschlecht als hilfreich, um zentrale Aussagen des Films zu erschließen: Welche Rolle spielen die eingeblendeten Interviewsequenzen mit Traudl Junge für die erzählte Geschichte und ihre Aussage?

Der Titel des Dokumentarfilmes lautet bezeichnender Weise "Im toten Winkel"(2002), in dem man bekanntlich nichts sieht. Welche Identifikationsmöglichkeit und politische Aussage ermöglicht die Rahmung der Geschichte mit dem Blick einer naiven, unpolitischen Frau auf das Geschehen? Die Interviewsequenzen verleihen dem "Untergang" zusätzlich Authentizität und Glaubwürdigkeit. Traudl Junge verkörpert das Spannungsverhältnis zwischen Schuld und Unschuld der damals Beteiligten. Die Identifikation mit ihrem Blick ermöglicht es, ihre Position der passiven, unbeteiligten Beobachterin zu teilen.

Diese Darstellung von Weiblichkeit bzw. die weibliche Perspektive in "Der Untergang" reproduziert das stereotype Bild der unpolitischen Frau, die aus irrationalen, libidinösen Motiven Hitler folgte. Die in "Der Untergang" erfolgte Mystifizierung (weiblicher) Anhängerschaft wie auch die intimisierende und pathologisierende Sicht auf Adolf Hitler ermöglichen eine Distanzierung von der Geschichte. In "Der Untergang" werden darüber hinaus die Dichotomien von Gut und Böse durch konkurrierende Bilder von Männlichkeiten und Weiblichkeiten plausibel gemacht, dadurch werden wahlweise Identifikation oder Distanzierung der Zuschauer und Zuschauerinnen ermöglicht.

Besonders interessant in Bezug auf die Kategorie Geschlecht erweist sich der im Unterricht beliebte Film "Schindlers Liste". Die beiden Hauptprotagonisten, der Industrielle Oskar Schindler und der Kommandant des Konzentrationslagers Plaszów Amon Göth verkörpern zwei verschiedene Männlichkeitskonzepte. Im Verlauf der Geschichte werden die beiden zunehmend gegenübergestellt.

Die christliche Läuterungsgeschichte Schindlers zum Retter und Helden verläuft u.a. über die Abgrenzung zur pathologisierten Hyper-Maskulinität Göths, die im Film vielfach in Szene gesetzt wird. Eine Schlüsselszene für ihre Gegenüberstellung ist, in der beide nacheinander die Jüdin Helene Hirsch in ihrer Schlafstätte besuchen. Während Göth Helene Hirsch seine (verbotene) Liebe erklärt und sie zur Strafe dafür zusammenschlägt, tröstet Schindler sie und gibt ihr einen keuschen, christlich anmutenden Kuss auf die Stirn. Ihre Inszenierung als gut und böse verläuft zentral über ihren Umgang mit Frauen und Sexualität. Frauen, insbesondere jüdische Frauen, stellen damit Objekte männlichen Kampfes und Begehrens dar. Jüdischen Frauen wie hier Helene Hirsch werden nach dem Stereotyp der schönen Jüdin sexualisiert und als dunkle Schönheit dargestellt. Auch antisemitische und rassistische Stereotype werden demnach über vergeschlechtlichte Muster dargestellt und plausibilisiert.

Diese Strukturen vergeschlechtlichter Darstellung und Vermittlung von Geschichte lassen sich in sämtlichen Filmen, die im Schulunterricht gezeigt werden, nachweisen. Die Abwertung von männlichen Nationalsozialisten funktioniert in Filmen häufig über ihre Demaskulinisierung, wie z.B. in Dani Levys Film „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (D 2007). Hitler wird als impotenter Bettnässer dargestellt, der Eva Braun sexuell nicht befriedigen kann. In den Begleitmaterialien wird die Frage aufgeworfen, ob Humor eine legitime Umgangsform mit dem NS ist, gerade aber auch der humoristische Umgang mit Geschlechterbildern könnte diskutiert und problematisiert werden.

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass Geschlecht eine weitere pädagogische Diskussionsebene mit sich bringen könnte, denn: it’s got a lot to do with it.

Anmerkung

(1) In einer Befragung von 387 Schülern und Schülerinnen zeigte sich, dass die negative Einstellung zu Hitler sich bei denjenigen eindeutig verringert hätte, die den Film gesehen hatten. Auch die Ablehnung von Nachkriegssanktionen gegen Deutschland stieg und die Jugendlichen zeigten sich deutlich patriotischer. In: Zeitschrift für Medienpsychologie, 17 (N.F. 5)4, Hogrefe Verlag, Göttingen 2005

Zum Weiterlesen

  • Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin. André Heller/Othmar Schmiederer, Ö 2002, Filmheft der Bundeszentrale für politische Bildung.
  • Rosenstraße. Margarethe von Trotha, D/NL 2003, Filmheft der Bundeszentrale für politische Bildung.
  • Wenk, Silke/Eschebach, Insa: Soziales Gedächtnis und Geschlechterdifferenz. Eine Einführung, in: Dies./Jacobeit, Sigrid (Hg.): Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids, Frankfurt a.M./New York 2002.
  • Hoffmann-Curtius, Kathrin: Feminisierung des Faschismus, in: Keller, Claudia/literaturWERKstatt Berlin (Hg.): Die Nacht hat zwölf Stunden dann kommt schon der Tag. Antifaschismus: Geschichte und Neubewertung, Berlin 1996.
  • Dietrich, Anette/Nachtigall, Andrea (2009): „Was Sie schon immer über Nazis wissen wollten“ – Geschlecht und NS im zeitgenössischen Spielfilm, in: Frietsch, Elke/Herkommer, Christina (Hg.) Nationalsozialismus und Geschlecht, transcript: Münster.
  • Das Wunder von Bern, Filmheft der Bundeszentrale für politische Bildung.
  • http://www.kinofenster.de/filmeundthemen/archivmonatsausgaben/kf0701/unterrichtsvorschlaege_und_aufgaben_0701/, Zugriff 10.10.2009

 

 

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