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Rettergeschichten

Perspektiven auf Handlungsspielräume in der Diktatur

Verena Haug promoviert über die „Pädagogische Kommunikation in der Gedenkstättenpraxis“ am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Von Verena Haug

Was in den zwei deutschen Nachkriegsstaaten offiziell als Widerstand gegen den Nationalsozialismus erinnert wurde, war stark mit dem jeweiligen politischen System verbunden. Überwogen in der Erinnerungslandschaft der DDR eindeutig die Symbole des antifaschistischen Widerstands, so setzte sich in der alten Bundesrepublik vor allem die Erinnerung an den militärischen Widerstand gegen das Hitler-Regime durch. Geehrt wurden in jedem Fall die mehr oder weniger politisch organisierten, prominenten und oft heldenhaft stilisierten Widerstandskämpfer, die die jeweilige Staatsform durch ein passendes Geschichtsbild legitimieren konnten.

Pädagogisch sind diese geradlinig gezeichneten, eindeutig starken, vom Guten überzeugten Helden schwierig. Zum einen, weil sie als politisches Symbol fungieren und somit unpersönlich und unnahbar sind. Sie bieten entweder eine unrealistische Projektionsfläche für eigene Größenphantasien an oder schrecken durch ihre Unerreichbarkeit vor jeglicher Identifikation ab. Zum anderen gerät mit der Fokussierung der für politische Zwecke stilisierten Helden zu leicht aus dem Blick, dass unter Widerstand weit mehr zu verstehen ist, als ein politisch motivierter Kampf oder ein militärisch organisiertes Attentat.

Rettungsaktionen als nicht-kämpferische Formen des Widerstands wurden bis Anfang der 1990er Jahre in beiden Teilen Deutschlands nahezu gänzlich ignoriert. Möglicherweise wurden die Geschichten derjenigen, die Verfolgte versteckt, versorgt oder ihnen zur Flucht verholfen hatten, tabuisiert, weil sie auf die Unterlassungen der Mehrheit verwiesen hätten. Die allgemeine Selbstrechtfertigung “wir konnten nichts dagegen tun” wäre damit unterhöhlt worden. Seit Steven Spielbergs Film “Schindlers Liste” kommen die vergessenen Helden, von denen viele sehr spät oder gar nicht offiziell geehrt wurden, vermehrt in ein öffentliches Blickfeld. Die Geschichten der “stillen Retter” verweisen uns auf das Leben und Überleben anderer und eröffnen das Bewusstsein, dass auch im Nationalsozialismus Solidarität mit den Ausgegrenzten möglich gewesen wäre und diese Solidarität auch manchmal gelebt wurde.

Die Beschäftigung mit Rettergeschichten macht aber auch klar, dass es sich um durchaus ambivalente Geschichten handelt. Retter sind in den seltensten Fällen unnahbare Helden, sondern “normale” Menschen mit unterschiedlichen Motiven und widersprüchlichen Verhaltensweisen. Gerade das macht sie aber für eine pädagogische Beschäftigung mit Themen wie Helfen, Solidarität, Widerstand interessant. Sie waren weder Helden noch Heilige. Aber sie haben sich entschieden und geholfen. Ist es pädagogisches Programm, in der Beschäftigung mit dem Holocaust Haltungen und Einstellungen positiv zu beeinflussen und Themen wie Solidarität zu bearbeiten, dann bieten sich die Geschichten der Helfer und Retter in besonderer Weise an. Denn Moral meint im Zusammenhang mit dem Holocaust immer die Moral derjenigen, die nicht Opfer waren. Moralisches Handeln setzt Handlungs- und Entscheidungsspielräume voraus. Menschen wie John Rabe, Otto Weidt oder Irena Sendler haben ihre Handlungsspielräume wahrgenommen und eigenständige Entscheidungen getroffen.

Die Entscheidungen waren keine leichten, und die Frage, die sich bei der Beschäftigung mit Rettergeschichten aufdrängt: "Wie hätte ich mich verhalten?" bleibt ohne klare Antwort. Sie ermöglicht aber ein Nachdenken und Wahrnehmen eigener Handlungsmöglichkeiten in ganz anderen Zusammenhängen. Die Geschichten der Retter sind keine, die naive Identifikation leicht machen. Sie stellen mehr Fragen, als sie beantworten. Die Erkenntnis jedoch, dass es auch im Nationalsozialismus möglich war, Entscheidungen zu treffen, die den Verfolgten halfen, und sich gegen Unrecht zu wenden, widerlegen nicht nur die gängigen Ausreden, dass nichts getan werden konnte, sondern verweisen auf die prinzipielle Möglichkeit, die Lebenswirklichkeit mit zu gestalten, so lange es Handlungsspielräume gibt, und darin für sein Tun selbst verantwortlich zu sein.

Damit rücken die Handlungsspielräume der Mehrheitsgesellschaft in den Blick, gleichzeitig auch die zuhauf unterlassene Hilfe. Die Rettergeschichten veranschaulichen auch, wie einsam diejenigen waren, die es wagten, den Verfolgten zu helfen und dass der Versuch zu helfen noch kein “gutes Ende” zur Folge haben musste. Rettergeschichten ermöglichen die Annäherung an die Geschichte des Holocaust gewissermaßen aus einer Möglichkeitsform. Diese Möglichkeitsform ist es, die für ein “Lernen aus der Geschichte” unerlässlich ist: Hätten viele Menschen ihre Handlungsspielräume wahrgenommen und sich gegen das alltägliche Unrecht, gegen die Entrechtung und Verschleppung ihrer Nachbarn und Arbeitskollegen , gegen die Schikane und Plünderung entschieden, dann wäre es vielleicht möglich gewesen, Auschwitz zu verhindern. 

 

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