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Warum lernen über deutsch-polnische Geschichte?

Übersicht über Akteure und Ressourcen

Markus Nesselrodt ist Mitglied des Redaktionsteams bei "Lernen aus der Geschichte" und nimmt seit fünf Jahren regelmäßig an deutsch-polnischen Projekten teil.
Von Markus Nesselrodt

Deutschland und Polen verbindet eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte. Die gegenseitigen Beziehungen waren über Jahrzehnte vor allem durch die schmerzhaften Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges geprägt. Doch spätestens seit den Freundschaftsverträgen von 1991 hat sich das Verhältnis zu unserem östlichen Nachbarn stark gewandelt. Inzwischen ist die konstruktive Zusammenarbeit für beide Länder in den Vordergrund gerückt - trotz aller politischen Differenzen.

Aber wie steht es heute um das historische Lernen über die deutsch-polnischen Beziehungen? Ein Blick in die Praxis zeigt, dass eine Vielzahl von Akteuren in diesem Bereich eine Rolle spielt. Das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) finanziert Jugendprojekte, die jährlich Tausenden von Jugendlichen einen Aufenthalt im Nachbarland ermöglichen. Zeitschriften wie „PolenPlus“ und der Internetkalender „Point“ fördert die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. Die parteinahen Stiftungen hingegen organisieren Tagungen und Podiumsdiskussionen dies- und jenseits der Oder. Daneben schaffen diverse Jugendbegegnungsstätten wie die der „Stiftung Kreisau für europäische Verständigung“ oder die „Europäische Jugendbildung- und Jugendbegegnungsstätte Weimar“ Kontakte über die Grenzen hinweg. Nicht zuletzt leisten auch die über 600 Städtepartnerschaften wertvolle Arbeit im Kulturaustausch zwischen Deutschland und Polen.

Ein beachtenswertes Ergebnis der jahrelangen bilateralen Kooperation ist, dass hervorragende Projekte oft Nachahmer in beiden Ländern finden. Das gilt sowohl für die Organisatorinnen und Organisatoren als auch für Teilnehmende. Wer einmal an einer gelungenen Jugendbegegnung teilnahm, wechselt vielleicht eines Tages die Seiten und wird selber Multiplikator oder Multiplikatorin. Das Dominoprinzip funktioniert in der Praxis erstaunlich gut, auch wenn natürlich nicht alle zu begeisterten „Fans“ des Nachbarlandes werden. Aber sollte das wirklich das wichtigste Ziel sein?

Das Bedürfnis nach einer Auseinandersetzung mit der Geschichte ist auf beiden Seiten groß - selbst bei Sprachtandems wird stets über die Vergangenheit gesprochen. Und dieses Interesse wird auch in Zukunft bestehen bleiben. Aktuelle öffentliche Debatten wie über den „Spiegel“-Artikel „Hitlers europäische Helfer beim Judenmord" (Ausgabe 21, 18. Mai 2009), der u.a. die komplexe Rolle Polens im Holocaust beschreibt, haben gezeigt, dass noch ungeklärtes, unausgesprochenes im Raum steht. Der umstrittene Text hat auch erneut aufgezeigt, dass trotz zahlloser deutsch-polnischer Geschichtswerke viele Ergebnisse aus der Polenforschung nicht an die breite Öffentlichkeit gelangen. Im Unterricht lernen Schüler und Schülerinnen in Deutschland immer noch fast nichts über die polnische Geschichte, trotz zahlreicher deutsch-polnischer Geschichtspublikationen und einer bilateralen Schulbuchkommission.
Jenseits der Oder sieht das anders aus, denn in Polen nimmt die deutsche Vergangenheit einen großen Platz im Lehrplan ein.

Es lässt sich selbstverständlich diskutieren, was man über Polen in der historisch-politischen Bildungsarbeit lernen sollte. Einen Vorschlag macht das deutsch-polnische Geschichtsbuch von Manfred Mack und Matthias Kneip. Auch die Frage, welchen Stellenwert die polnische Geschichte in den deutschen Lehrplänen bekommen sollte, ist noch offen. Die Praxis hat gezeigt, dass vielen Jugendlichen wichtiger als der Unterricht oft das historische Lernen außerhalb der Schulen ist. Das bedeutet, dass sich Interessierte Veranstaltungen eigenständig suchen oder auf Hinweise engagierter Lehrender hoffen müssen.

Auf dem Weg durch den Dschungel von deutsch-polnischen Jugendbegegnungen, Seminaren, Sommerschulen und Sprachkursen kann ein wenig Orientierungshilfe nicht schaden. Diese Rolle sollten Lehrende, aber auch Multiplikatorinnen und Multiplikatoren übernehmen! Sie verfügen über das Wissen und die Kontakte. Ohne Zweifel wurde im Bereich der deutsch-polnischen Jugendarbeit schon vieles geleistet. Allein in der Projektdatenbank von Lernen aus der Geschichte finden sich zahlreiche hervorragende Beispiele. Das breite Spektrum reicht dabei von historischen über politische bis hin zu interkulturellen Themen. Und das ist noch längst nicht alles!

Aber noch besteht kein Anlass, sich auf den Lorbeeren auszuruhen – auch heute weiß der Großteil der Deutschen und Polen leider immer noch zu wenig über den Nachbarn. Wichtig ist dabei nicht nur das historische Faktenwissen als solches. Oft lassen sich auch heutige Befindlichkeiten auf beiden Seiten nur vor dem Hintergrund der Vergangenheit verstehen. Nach dem „Supergedenkjahr“ 2009 wartet schon ein neuer Jahrestag auf uns: 600 Jahre Schlacht bei Tannenberg... Es bleibt noch viel zu tun!

 

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