Projekt

Histocamp

Von Christian Schmitt

Geschichtswissenschaften stehen gemeinhin nicht unter dem Verdacht, über eine junge und dynamische Fachgemeinschaft zu verfügen und besonders innovative Wege zum Gedankenaustausch untereinander zu nutzen. Wer an Veranstaltungen von und für Historiker_innen denkt, hat meist das Bild von immer denselben Expert_innen vor Augen, die im Vortragsstil einer schweigenden Audienz ihre Forschungsergebnisse präsentieren. Das muss auch anders gehen, dachte sich im April des vergangenen Jahres die Historikerin und Bloggerin Karoline Döring, und warf via Twitter die Idee eines BarCamps für Geschichtsinteressierte in den virtuellen Raum.

Ein Hashtag für höfische Kultur im Mittelalter

BarCamps sind offene Veranstaltungen, bei denen die Teilnehmer_innen das Programm gemeinsam vor Ort festlegen, womit sich das Format bewusst von herkömmlichen Veranstaltungsformen abgrenzt. Zu Beginn eines BarCamps werfen Interessierte Vorschläge für die thematische Gestaltung sogenannter Sessions in die Runde, über die im Anschluss daran abgestimmt wird. Stehen die Themen der Sessions fest, ist es an den Teilnehmer_innen, sich auf die neu entstandenen Arbeitsgruppen zu verteilen und in einem hierarchiefreien Rahmen gemeinsam zu diskutieren. Die Arbeitsergebnisse werden wiederum in einer allgemeinen Abschlussrunde dem gesamten Plenum präsentiert. Eine weitere Besonderheit von BarCamps ist der intensive Einsatz der sozialen Medien. So ist es explizit erwünscht, dass die Teilnehmer_innen der verschiedenen Sessions etwa via Twitter und Instagram auch während der Gruppenarbeit miteinander in Kontakt treten und sich gegenseitig über die Zwischenstände ihrer Arbeit informieren.

Die Idee von Karoline Döring fand rasch Anklang, und nur wenige Wochen später gründete sich in Bonn der Verein Open History e.V. und trieb die Idee weiter voran. Schließlich fand am 27. und 28. November 2015 in den Räumlichkeiten der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn mit dem „Histocamp“ das erste BarCamp für Historiker_innen statt. Das Histocamp sollte Platz für alle historischen Themen und Epochen bieten, und so bildeten sich nach der anfänglichen Abstimmung thematisch völlig verschiedene Sessions wie „Höfische Kultur im Mittelalter“, „Studentisches Publizieren“, „Podcasting“ oder „Popkultur: Star Wars, Star Trek, Dr. Who“. Jede Arbeitsgruppe bekam ein eigenes Hashtag zugeteilt, mit dem sich alle der rund 200 Teilnehmer_innen in Kombination mit dem Hashtag #histocamp auch während der Gruppenarbeitsphase via Twitter austauschen konnten.

Chancen und Risiken der Besucherpartizipation an Gedenkstätten

Auch die Gedenkstättenpädagogik kam an diesen beiden Novembertagen nicht zu kurz. Sessions zum Geschichtstourismus, zum Gedenken an den Massenmord von Gardelegen nach 1945 oder zum „mGuide“, dem multimedialen Museumsguide des Töpfereimuseums in Raeren, boten viele Anreize für Menschen, die an und über Gedenkstätten arbeiten. Steffen Jost, der an anderer Stelle dieser LaG-Ausgabe über ein Tweetup an der KZ-Gedenkstätte Dachau schreibt, berichtet auf dem „Gedenkstättenpädagogik-Blog“ von angeregten Diskussionen etwa über die Notwendigkeit für Gedenkstätten und andere Kultureinrichtungen, für die Entwicklung und Bedienung ihrer Social-Media-Kanäle qualifiziertes Personal einzustellen (statt diese Aufgabe wie so häufig auf Praktikant_innen oder Studentische Hilfskräfte abzuladen), zu den Chancen und Risiken von Besucherpartizipation oder zu den Interaktionsmöglichkeiten twittergestützter Führungen (Tweetups).

Nicht nur die Sessions, sondern auch und insbesondere die großzügigen Freiräume während der Veranstaltung boten allen Teilnehmer_innen viel Gelegenheit, sich auch außerhalb der Arbeitsgruppen über ihre Arbeit und Interessen auszutauschen. Schließlich sei noch eine ganz besondere (wenngleich nicht ganz ernstgemeinte) Regel des Histocamps erwähnt, die alle zu schätzen wissen, die bereits an herkömmlichen geschichtswissenschaftlichen Tagungen oder Konferenzen teilgenommen haben: Vor- und Ablesen strengstens verboten!

Zusammenfassung

Die ausnahmslos positiven Reaktionen zeigen, dass das erste Histocamp ein großer Erfolg war und die Teilnehmer_innen nach zwei intensiven Tagen zufrieden in ihre jeweiligen Wohnorte zurückkehrten. Formate wie das Histocamp ermöglichen es den Geschichtswissenschaften, aus dem vielzitierten „Elfenbeinturm“ auszubrechen und eine Diskussion unter Gleichberechtigten zu führen. Auch im Jahr 2016 soll wieder ein Histocamp stattfinden. Wo und wann das sein wird, steht allerdings derzeit noch nicht fest. Neuigkeiten hierzu, aber auch Protokolle, Videoaufzeichnungen, Storyfies und vieles mehr zum Histocamp 2015 sammelt der Verein Open History e.V. auf dem Blog zur Veranstaltung.

 

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