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Empfehlung Unterrichtsmaterial

Bausteine für die pädagogische Annäherung an den Holocaust

Konfrontationen – Bausteine für die pädagogische Annäherung an Geschichte und Wirkung des Holocaust. Heft 6: Todesmärsche und Befreiung.

Von Ingolf Seidel

Die Reihe von sechs Heften, die unter dem Titel „Konfrontationen“ in Verantwortung des Frankfurter Fritz Bauer Instituts erschienen ist, wendet sich gleichermaßen an die schulische wie an die außerschulische Bildungsarbeit. An dieser Stelle soll der Blick auf den dritten Baustein des letzten Heftes gerichtet werden, der von der Autorin Jacqueline Giere mit „Ein Leben auf's Neu. Jüdische Displaced Persons 1945 bis 1957“ betitelt wurde. Die beiden anderen Bausteine des Hefts beschäftigen sich mit den Todesmärschen und der BefreiungBedingungslose Kapitulation Deutschlands, Kriegsende in Europa. der Lager. Sie wurden von Tanja Schmidhofer verfasst.

Das Gesamtkonzept von „Konfrontationen“ bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen der Erwartung an politische Bildung, über den Nationalsozialismus moralische und demokratische Grundüberzeugungen zu vermitteln, aber auch das historische Lernen über die Ereignisgeschichte nicht aus dem Blick zu verlieren. Dem bemüht sich das Konzept mit einem methodischen Angebot gerecht zu werden, das gestaltpädagogische und kreative Lernmethoden ebenso einbezieht wie die Arbeit mit historischem Quellenmaterial. Wesentlich wird die Auseinandersetzung mit Geschichte auf Entscheidungssituationen fokussiert und, wenn möglich, die Alltagserfahrungen der Lerngruppen einbezogen. Die Prinzipien von Perspektivwechsel bei der Annäherung an Geschichte und von Interdisziplinarität bilden die Hintergründe aller Hefte. Daher ist der Einsatz von „Konfrontationen“ nicht nur auf den Geschichtsunterricht begrenzt.

Der Baustein zu den Displaced Persons eignet sich, gemäß den didaktischen Überlegungen zu Beginn des Heftes, gut für eine projektorientierte Arbeit. Als Displaced Persons, DPNach 1945 Bezeichnung der Alliierten für die im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland verschleppten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen, heimat- und staatenlosen jüdischen Überlebenden der befreiten Lager sowie nichtdeutschen Flüchtlinge aus Osteuropa, zusammen ca. 8,5 Millionen Menschen. DP-Lager bestanden nach 1945 vielfach für einige Jahre in ehemaligen NS-Lagern bis zur Auswanderung, Repatriierung oder Einbürgerung der D.P.’s wie die gängige Abkürzung lautet, wurden diejenigen Menschen bezeichnet, welche die Mordmaschinerie des NS überlebt haben und auf der Suche nach einem neuen Leben durch Europa irrten. Ein großer Teil von ihnen stammte aus Osteuropa: Geschätzte 90 000 europäische Juden, SintiAuch Cinti. Bezeichnung für die im deutschen, west- und mitteleuropäischen Sprachraum seit 1400 lebende nationale Minderheit, die Teil der seit 1979 mit beratendem Status bei der UNO akkreditierten Weltorganisation der "Romani-Union" ist. Die Bezeichnung leitet sich vermutlich von der Herkunft aus der nordindischen Region Sindh ab. Die ca. 40.000 heute in Deutschland lebenden deutschen Sinti, deren Vorfahren schon seit mehr als 500 Jahren hier ansässig waren, unterscheiden sich von den Roma durch sprachliche Unterschiede (Dialekte und Lehnwörter) und kulturelle Traditionen ("Zigeuner" Romanes). und RomaDie Sammelbezeichnung "Zigeuner", für die ethnische Minderheit der Sinti und  Roma gilt als diskriminierend. Sinti und Roma, die bekanntesten der 5 Hauptgruppen, kamen als Migranten aus Indien. Seit über 600 Jahren leben Sinti und Roma in Europa. Sie sind meist katholische Christen, die balkanischen Roma häufig Muslime. Die Sinti und Roma sind oft über Generationen in ihren Heimatorten verwurzelt. Von den Nationalsozialisten wurden sie wie die Juden aus rassistischen Gründen verfolgt. Nach Schätzungen wurden ca. 500.000 in KZ, Ghettos und durch Massenerschießungen im Zweiten Weltkrieg ermordet., hunderttausende Zwangsarbeiter und weitere Hunderttausende als Kriegsgefangene auf deutschem Boden. Allein in der US-Zone lebten, so die Zahlenangabe im Heft, rund 150.000 osteuropäisch-jüdische Displaced Persons. Die Mehrzahl war zwischen 20 und 40 Jahren alt.

Die Autorin Jacqueline Giere schlägt vor allem Erzählungen von Überlebenden, wie Gerhard Durlacher, und Fotos als Quellen für die Beschäftigung mit der Situation der DP’s vor. Im Zentrum steht die Frage danach was die neue Freiheit „in einem ausgebombten Land, in einem Europa mit Millionen von Flüchtlingen, nach Jahren der Qual und der Demütigung, ohne Familie und Freunde“ (S.7) bedeutet. Die anfänglichen Texte drehen sich um die Organisation des Lebens in den DP-Camps, deren Verwaltung und Selbstverwaltung sowie um die Situation der wenigen Kinder und Jugendlichen. Dem Aufbau von Schulen und die Erziehung dieser zwangsläufig verwilderten Kinder ist ein gesondertes Kapitel gewidmet. Selbstverständlich wird die Geschichte und in Folge des HolocaustDer Begriff Holocaust  kommt aus dem Griechischen, bedeutet "vollständig verbrannt" und bezeichnet den Völkermord an den 6 Millionen Juden durch die Nationalsozialisten. Dieser Völkermord zielte auf die vollständige Vernichtung der europäischen Juden. Er wurde mit dem staatlich propagierten Antisemitismus begründet und im Zweiten Weltkrieg seit 1941 systematisch, ab 1942 auch mit industriellen Methoden durchgeführt. gestiegene Bedeutung des Zionismus für die überlebenden Juden im Text berührt.

Als Kontrast zu Situation in den Camps der Displaced Persons wird im Baustein das Verhältnis der deutschen Bevölkerung, deren Wahrnehmungen und Erinnerungen an die die Überlebenden aufgegriffen, die sich zwischen Distanz, Verdrängung und neu-altem AntisemitismusIn den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts geprägter Begriff für Judenfeindschaft. Als ein Produkt der bürgerlichen Industriegesellschaft ist der Antisemitismus überwiegend politisch, wirtschaftlich und rassistisch motiviert. Er richtet sich gegen Juden als ethnische und kulturelle Minderheit in Europa. Die seit der Antike vorkommende religiös motivierte Judenfeindschaft bezeichnet man als Antijudaismus. bewegten. Eine Zeittafel ergänzt die Texte und Quellen abschließend.

Der hier besprochene Baustein bietet in erster Linie Anregungen und grundlegende Materialien zum geschichtlich-pädagogischen Lernen über die Situation der Überlebenden der NS-Vernichtungspolitik. Lehrkräfte werden, wie in anderen Heften der Reihe ermuntert das vorliegende Material durch lokalhistorische Recherchen zu ergänzen, bzw. können diese Ergänzungen im Sinne eines forschenden Lernens Teil einer Projektwoche sein. Wie bei allen Konfrontationen-Heften liegt das empfohlene Alter für den Einsatz bei 15 Jahren. Selbstverständlich stellt eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus die Grundlage für den Einsatz des Bausteins zu Displaced Persons dar.

Das empfehlenswerte Heft ist über das Fritz Bauer Institut, bzw. das neugeschaffene Pädagogische Zentrum von Fritz Bauer Institut und Jüdischem Museum in Frankfurt zu beziehen: http://www.fritz-bauer-institut.de/publikationen.htm#Konfrontationen und http://www.paedagogisches-zentrum-ffm.de/