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Eine Einführung in jüdisches Leben nach 1945

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Hans Ulrich Dillmann: Jüdisches Leben nach 1945. Köln/Berlin (2001) 95 Seiten.

Von Ingolf Seidel

Hans Ulrich Dillmann hat mit „Jüdisches Leben nach 1945“ einen schmalen Band vorgelegt, der die Spuren des Judentums im heutigen Deutschland in sieben Kapiteln sichtbar machen will.

Die ersten beiden Abschnitte sind der Geschichte der Juden und der Zeit von Verfolgung und Vernichtung im Nationalsozialismus gewidmet. Notgedrungen bleibt vieles verkürzt, wenn man eine viertausendjährige Geschichte auf 39 Seiten erzählen will. Durch die Kompaktheit der Darstellung gewinnen die Phasen von antijüdischer Verfolgung in der europäischen DiasporaEin Wort griechischer Herkunft, steht für die Verstreuung von religiösen oder ethnischen Bevölkerungsgruppen über weite Teile der Welt, die ihre traditionelle Heimat verlassen haben und unter Andersdenkenden leben. Der Begriff bezieht sich auf verschiedene Länder und Völker, er kann sich aber auch auf Mitglieder einer lokalen Gemeinde beziehen (z.B. eine jüdische Gemeinde in einer polnischen Stadt in der Vorkriegszeit). ein Gewicht, hinter dem die Entwicklung der reichhaltigen, diversen und oft auch widersprüchlichen jüdischen Lebenswelten zurück tritt. Den größten Gewinn bieten die Kapitel zur jüdischen Geschichte nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus und mit der Beschreibung der ersten „Inseln der Jüdischkeit“ (S.42) im Nachkriegsdeutschland.

Der Autor beschreibt in der Folge knapp, aber prägnant den Neubeginn der jüdischen Gemeinden und die Situation der RemigrantenRemigranten bezeichnet Menschen, die erst in ein anderes Land ausgewandert (emigiert) sind, z.B. während der Zeit der Nationalsozialisten und zu einem späteren Zeitpunkt wieder in ihr eigentliches Heimatland zurückkehren (remigrieren).. Ferner skizziert Dillmann den Kampf um Entschädigung in Westdeutschland unddie schon in den 50er Jahren einsetzende Schlussstrichmentalität. Die Diskussionen mündeten zunächstin ein Bundesentschädigungsgesetz von dessen Regelung „Kommunisten, SintiAuch Cinti. Bezeichnung für die im deutschen, west- und mitteleuropäischen Sprachraum seit 1400 lebende nationale Minderheit, die Teil der seit 1979 mit beratendem Status bei der UNO akkreditierten Weltorganisation der "Romani-Union" ist. Die Bezeichnung leitet sich vermutlich von der Herkunft aus der nordindischen Region Sindh ab. Die ca. 40.000 heute in Deutschland lebenden deutschen Sinti, deren Vorfahren schon seit mehr als 500 Jahren hier ansässig waren, unterscheiden sich von den Roma durch sprachliche Unterschiede (Dialekte und Lehnwörter) und kulturelle Traditionen ("Zigeuner" Romanes). und RomaDie Sammelbezeichnung "Zigeuner", für die ethnische Minderheit der Sinti und  Roma gilt als diskriminierend. Sinti und Roma, die bekanntesten der 5 Hauptgruppen, kamen als Migranten aus Indien. Seit über 600 Jahren leben Sinti und Roma in Europa. Sie sind meist katholische Christen, die balkanischen Roma häufig Muslime. Die Sinti und Roma sind oft über Generationen in ihren Heimatorten verwurzelt. Von den Nationalsozialisten wurden sie wie die Juden aus rassistischen Gründen verfolgt. Nach Schätzungen wurden ca. 500.000 in KZ, Ghettos und durch Massenerschießungen im Zweiten Weltkrieg ermordet. oder ausländische Opfer ausgeschlossen“ blieben (S.47).

Zwei Kapitel widmen sich dem Aufbau der Gemeinden in der SBZSBZ ist die Abkürzung für Sowjetische Besatzungszone und bezeichnet eine von vier Zonen, in die Deutschland 1945 entsprechend der Jaltaer Konferenz von den alliierten Siegermächten aufgeteilt wurde. Zur SBZ gehörten weite Teile des damaligen Mitteldeutschland sowie ein großer Teil der Mark Brandenburg, Mecklenburg und Vorpommern. 1949 wurde die SBZ das Staatsgebiet der neu gegründeten Deutschen Demokratischen Republik (DDR).<br />
und DDR und deren spezifischen Schwierigkeiten in einem Staat, der sich zwar das Gedenken an den AntifaschismusAntifaschismus bezeichnet die politische Ablehnung des Faschismus und möglicher Entwicklungen dorthin. Entstanden ist der Begriff in Italien der 1920er-Jahren als „antifascismo“. Später bezeichnete der Ausdruck auch die Bekämpfung anderer rechtsgerichteter Diktaturen, vor allem die des deutschen Nationalsozialismus. auf seine Fahnen schrieb und dem angerechnet werden muss, dass nicht nur viele Verfolgte ein Teil des Regierungsapparates wurden und der im Gegensatz zu seinem westlichen Nachbarn ein Gedenken früh institutionalisierte. Dieser Staat steht gleichzeitig für die Zurückstufung der jüdischen Überlebenden auf einen reinen Opferstatus und die Heroisierung des Antifaschismus in staatskommunistischer Ausprägung. „Sie haben alle geduldet und Schweres gelitten, aber sie haben nicht gekämpft“ hieß es in Bezug auf die Juden 1945 im Zentralorgan der KPD.

In der Ambivalenz zwischen Marginalität und Funktionalisierung für staatliche Interessen verlief der Aufbau jüdischer Gemeinden in der DDR, die durch den antifaschistischen Staat nie eine Entschädigung für die Verfolgung und Ermordung durch den NS-Staat und die deutsche Mehrheit erfahren haben.

Der von Hans Ulrich Dittmann gespannte Bogen seiner Betrachtungen umfasst im Weiteren die Einwanderung von russischen Jüdinnen und Juden im Zeichen von Glasnost und Perestroika in der SowjetunionIst die Kurzbezeichnung für die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Sie wurde nach dem Ende des russischen Reiches (1917) im Dezember 1922 gegründet. Bis zu ihrem Zerfall im Jahr 1991 Bildete sie das politische Zentrum des Ostblocks (auch Warschauer Vertragsstaaten) und des real existierenden Sozialismus. Die Sowjetunion umfasste etwa das Territorium der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) sowie Estlands, Lettlands und Litauens.	und dem Ankommen der neuen Gemeindemitglieder im Deutschland nach 1989. Er thematisiert die Freude über den Zuwachs in den Gemeinden, aber auch die Probleme von Juden, die der jüdischen Religion zum Teil entfremdet waren und Schwierigkeiten der gegenseitigen Integration alter und neue Gemeindemitglieder, wobei die letzteren zum Teil bald die Mehrheiten in den kleinen Gemeinden bildeten. Die abschließenden Kapitel beschreiben Form und Inhalt der jüdischen Religion, ihrer Traditionen und Riten, fragen aber auch nach dem jüdischen Leben außerhalb des Religiösen, also dem komplexen Verhältnis dessen was eigentlich Jüdischkeit ausmacht. Ein knapper, aber nützlicher Anhang mit einem Glossar und einer Adressen- und Literatursammlung runden den Band ab.

Durch den knappen Text bekommt man eine gute und lesbare Einführung in das Thema, sollte jedoch wegen dort auftauchender Fehler und Verkürzungen der jüdischen Geschichte weitere Literatur heranziehen, wenn es um eine Einführung für den Unterricht oder die außerschulische Bildung geht.