Klicken und kostenlos helfen!
Empfehlung Lebensbericht

Unsere Stunde Null - Deutsche und Juden nach 1945

Bestellen

Gottfried Wagner, Abraham J. Peck: Unsere Stunde Null - Deutsche und Juden nach 1945: Familiengeschichte, Holocaust und Neubeginn. (2006) Böhlau Wien, 428 S., 24,90 €

Wie sehen Juden die Deutschen und wie sehen Deutsche die Juden nach dem HolocaustDer Begriff Holocaust  kommt aus dem Griechischen, bedeutet "vollständig verbrannt" und bezeichnet den Völkermord an den 6 Millionen Juden durch die Nationalsozialisten. Dieser Völkermord zielte auf die vollständige Vernichtung der europäischen Juden. Er wurde mit dem staatlich propagierten Antisemitismus begründet und im Zweiten Weltkrieg seit 1941 systematisch, ab 1942 auch mit industriellen Methoden durchgeführt. ? Können sie irgendetwas von ihrer Beziehung vor 1933 retten?

Deutsche, zumal deutsche Historiker, versuchen neuerdings das düstere Bild zu weiten und mit dem Hinweis auf historische Zeiten des positiven Zusammenlebens zu erhellen, was für viele Juden schwer möglich ist. Sie und ihre Nachkommen leiden noch zu sehr an der schrecklichsten Zeit dieser gemeinsamen Familiengeschichte. Diese Zeit bleibt die große MauerTag, an dem die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) den Bau einer Mauer mitten durch Berlin und um den Westteil Berlins anordnete, propagandistisch als "antifaschistischer Schutzwall" deklariert, in Wahrheit scharf bewachte Grenze mit Todesstreifen zur Abschottung und Verhinderung der Massenflucht von Bürgern der DDR nach West Berlin und in die Bundesrepublik., vor der die einen, die Deutschen, mit Schweigen oder zaghaften Versuchen des Dialoges stehen - des Dialoges mit Menschen, für die die gemeinsame Geschichte nur eines bedeutet: die Geschichte vernichteter, abgestorbener Familienzweige.

Um den Beginn eines wirklichen Dialogs zwischen Deutschen und Juden und vielleicht sogar eine Art Heilung zu erreichen, müssen die, die nach 1945 geboren wurden, eine persönliche Verbindung zu dieser Geschichte finden. Sie müssen wissen, was mit ihren Eltern und in ihren Familien passierte. Die Erlebnisgeneration selbst - ob Deutsche oder Juden - war dazu nicht in der Lage! Beide verdrängten: die einen, weil sie ihr Wissen fürchteten und in vielen Fällen um ihre Schuld wussten, die anderen, weil ihr schreckliches Erleben sie am Leben hinderte.Das Ergebnis war Sprachlosigkeit. In deutschen und jüdischen Familien und mehr noch zwischen Deutschen und Juden.

Gottfried Wagner und Abraham Peck wollten diese Mauer der Sprachlosigkeit durchbrechen. Ihr Versuch, ins Gespräch zu kommen, war alles andere als einfach. Unterschiedlicher nach Herkunft und lebensgeschichtlicher Prägung könnten die beiden Autoren kaum sein. Beiden war zudem bewusst, dass der Dialog nicht ohne emotionale Folgen bleiben würde, zumal die Familienkonstellation der Autoren einzigartig ist: Da ist der Sohn eines Vaters und einer Mutter, die als einzige Mitglieder zweier großer Familien den NS-Völkermord an den Juden überlebt hatten. Und da ist der Urenkel Richard Wagners, Sohn einer der berühmtesten und politischsten Familien Deutschlands, die tief verstrickt war in Hitlers Ideologie und Verbrechen.

Abraham Peck und Gottfried Wagner wagten den steinigen Weg des offenen Gespräches, um zu verstehen, wie sie das Erbe ihrer jeweiligen Familiengeschichten geprägt hat und wie sie mit dieser Prägung leben. Über das Persönliche hinaus geht es den Autoren um die Überwindung von Angst, Misstrauen, Hass und Schuldzuweisungen, die jede Form eines wirklichen Dialogs zwischen Deutschen und Juden der zweiten und dritten Generation nach 1945 unmöglich machen. Mit ihrem Dialog wollen Wagner und Peck ihre Familiengeschichten als Teil einer historischen Erkenntnis begreifbar machen.

Statt Schönrederei fordern sie die Bereitschaft, aus den Erfahrungen der Vergangenheit für die Gegenwart zu lernen und zu handeln. Beide Herausgeber und Autoren begründeten 1992 eine Post-Holocaust-Dialog-Gruppe. Ihre Dialogarbeit ist besonders den Post-Holocaust Generationen gewidmet. Beide verbindet das Engagement für Menschenrechte und zwischenreligiöse Dialoge als Reaktion auf ihre Lebensgeschichten, die für Abraham Peck 1946 in Landsberg und Gottfried Wagner 1947 in Bayreuth als Geburtsstädte und einstige Hitler-Hochburgen begannen.

Sie haben sich als Thema ihre jeweilige Familiengeschichte gewählt und sich gemeinsam auf eine Reise durch Zeit und Trauma begeben zu den Orten der Erinnerung an familiäre und deutsche Vergangenheit - Landsberg, Bayreuth, LodzStadt Lodz im 1939 annektierten Teil Polens, umbenannt in Litzmannstadt. Erstes größeres Ghetto, im Frühjahr 1940 eingerichtet. Im Juni 1940 lebten 157.000 Menschen auf einem Areal von 4 km unter unzureichenden Bedingungen. Im Oktober 1941 kamen 20.000 deutsche, österreichische, luxemburgische und tschechische Juden dazu sowie 5.000 Sinti und Roma aus dem Burgenland, die in einem separaten Teil des Ghettos inhaftiert wurden. Zwischen Januar 1942 und Juli 1944 Deportationen zur Vernichtung nach Chelmno. 1944 Auflösung des Ghettos und Deportation von ca. 60.000 Menschen nach Auschwitz., Auschwitz und all die anderen Orte. Sie haben in diesen Dialog auch ihre Kinder und nächsten Verwandten einbezogen, eine Familiengeschichte, die keine Verdrängung und Leugnung gestattet, getrieben von der Suche nach Wahrhaftigkeit.

An den Familiengeschichten beider Autoren zeigt sich symbolisch die Ambivalenz des Verhältnisses von Deutschen und Juden zu ihrer Geschichte. Für die Deutschen steht in Sichtweite von Weimar und seiner Tradition der Klassik Schillers und Goethes auch der Ettersberg mit dem KZKonzentrationslager (NS- Abkürzung: KL), nach 1933 eingerichtet zur Ausschaltung politischer Gegner, zur Einschüchterung der Bevölkerung und zur Isolierung und Vernichtung unerwünschter sozialer, ethnischer und religiöser Minderheiten sowie Kriegsgefangener. Der SS unterstellt, waren die Lager der ordentlichen Rechtsprechung entzogen. Der Tod von Millionen Menschen durch unzureichende Ernährung und Unterbringung, durch Zwangsarbeit, Krankheiten und Misshandlungen war beabsichtigt. Bis 1945 gab es im NS-Machtbereich tausende Lager, Nebenlager und Außenkommandos. Buchenwald1937 als Konzentrationslager auf dem Ettersberg bei Weimar (Thüringen) eröffnet für politische Oppositionelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma sowie Strafgefangene, auf Grund der Verhaftungen zur "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" ("Asoziale"). Ende 1938 kamen Tausende Juden dazu. Von den ca. 250.000 Häftlingen in Buchenwald und den 130 Nebenlagern starben ca. 65.000. Ab Mitte 1938 organisierten die politischen Häftlinge den Lagerwiderstand. Buchenwald gehörte zu den wenigen Lagern, in denen die Häftlinge vor der Befreiung durch US-Truppen am 11. April 1945 revoltierten.. Bei Wagner und Bayreuth mit dem Festspielhaus auf dem Grünen Hügel, der Villa Wahnfried, muss auch das KZ-Außenlager dieser Stadt, Flossenbürg, mitgedacht werden. Insbesondere diejenigen Kulturbeflissenen, die alljährlich auf den Festspielhügel pilgern, sollten sich dessen bewusst sein und, dass Wagners Musik nicht von der antisemitischen Weltanschauung des Komponisten und den Folgen zu trennen ist.

"Gottfried Wagner und Abraham Peck haben sich an ein epochales Thema gewagt - an den Dialog zwischen den Post-Holocaust Generationen ... eines der sensibelsten Themen unserer Gegenwart .... Kompetentere Botschafter ... kann man sich dabei nicht vorstellen.“ schreibt Ralph Giordano, Publizist, und selbst Überlebender der nationalsozialistischen JudenverfolgungDie Verfolgung der Juden mit dem Ziel ihres Ausschlusses aus der deutschen Nation war zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Politik. Die Verfolgungsmaßnahmen führten auf der Grundlage von über 2.000 rassistischen Gesetzen und Verordnungen zwischen 1933 und 1945 schrittweise von der Vernichtung der bürgerlichen Existenz und wirtschaftlichen Lebensgrundlagen im Zweiten Weltkrieg zum Holocaust, der physischen Vernichtung als ethnische und kulturelle Minderheit in Europa. im Vorwort. Mit diesem Buch wird den Nachgeborenen von Tätern und Opfern ein Beispiel gegeben: Geht aufeinander zu - redet miteinander! Es kann nicht nachdrücklich genug zur Lektüre empfohlen werden.

Hervorzuheben sind nicht zuletzt auch die Sponsoren, die dieses bemerkenswerte Buch erst möglich machten: Harry Gutermann, der das Ghettos LodzStadt im 1939 annektierten Teil Polens, umbenannt in Litzmannstadt. Erstes größeres Ghetto, im Frühjahr 1940 eingerichtet. Im Juni 1940 lebten 157.000 Menschen auf einem Areal von 4 km unter unzureichenden Bedingungen. Im Oktober 1941 kamen 20.000 deutsche, österreichische, luxemburgische und tschechische Juden dazu sowie 5.000 Sinti und Roma aus dem Burgenland, die in einem separaten Teil des Ghettos inhaftiert wurden. Zwischen Januar 1942 und Juli 1944 Deportationen zur Vernichtung nach Chelmno. 1944 Auflösung des Ghettos und Deportation von ca. 60.000 Menschen nach Auschwitz., Auschwitz und DachauAm 20.3. 1933 gab Himmler die Errichtung des KZ in Dachau bei München zur Inhaftierung politischer Gegner bekannt. Der zweite Kommandant, Theodor Eicke, später Inspekteur aller KZ, machte Dachau zum "Musterlager". Schrittweise wurden weitere Häftlingsgruppen nach Dachau überstellt, u.a. viele Geistliche, Zeugen Jehovas, Juden und Kriegsgefangene. Ab 1942 wurde ein Netz von Außenlagern errichtet. Von den über 200.000 Häftlingen zwischen 1933 und 1945 kamen außer den 30.000 registrierten Toten Tausende nicht registrierte Häftlinge ums Leben. Befreiung am 29.4. 1945 durch die US-Armee. überlebte, aber auch die Firma Degussa, (einst Lieferant des Zyklon BKristalline Blausäure, hergestellt 1923 von der Firma DEGESCH, einer Tochterfirma der I.G. Farben, als Schädlingsvernichtungsmittel und zur Desinfektion u.a. vom Militär verwendet. Am 3.9.1941 erstmals als Mittel zur Vergasung von Menschen erprobt und ab Frühjahr 1942 vor allem in Auschwitz und Majdanek in Gaskammern, später auch in anderen KZ zur Massentötung eingesetzt. ), deren heutige Direktoren sich den Verbrechen der Firma in der NS-Zeit durchaus stellen (auch wenn dies im Fall des Holocaust-Mahnmals bezweifelt wurde), ebenso wie die Firmen Siemens und die Steegmann-Foundation in Liechtenstein.

Über die Autoren

Gottfried Wager ist durch seine Aufdeckung der Lebenslügen des Bayreuther Wagner Clans von diesem nicht nur verstoßen worden. Die beleidigte Kulturfima Wagner tat seit seiner Autobiographie "Wer nicht mit dem Wolf heult" ( (1997) und tut skrupellos weiterhin alles, um ihn, den "Unbotmäßigen", der sich nicht aus Karrieregründen anpasste, persönlich zu diffamieren und beruflich total zu boykottieren.

Gottfried Wagner, Regisseur und freiberuflicher Musikhistoriker mit Schwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte des 19.und 20. Jahrhunderts, u.a. AntisemitismusIn den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts geprägter Begriff für Judenfeindschaft. Als ein Produkt der bürgerlichen Industriegesellschaft ist der Antisemitismus überwiegend politisch, wirtschaftlich und rassistisch motiviert. Er richtet sich gegen Juden als ethnische und kulturelle Minderheit in Europa. Die seit der Antike vorkommende religiös motivierte Judenfeindschaft bezeichnet man als Antijudaismus. und Musik, Kurt Weill, "Entartete MusikTitel einer Ausstellung 1938 in Düsseldorf im Rahmen der ersten "Reichsmusiktage". Diffamierende nationalsozialistische Bezeichnung für moderne, avantgardistische Kompositionen sowie Unterhaltungsmusik (Swing), die als "undeutsch" bzw. "entartet" galt.", Kultur in TheresienstadtDie Kleine Festung war ein Gefängnis der Prager Gestapo, das im Juni 1940 errichtet wurde. Bis zum Kriegsende durchliefen 32000 Gefangene die Festung. Oftmals wurden Juden aus dem Ghetto Theresienstadt für Verstöße gegen die Regelungen im Ghetto in die Kleine Festung überführt., setzte sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und dessen Folgen bis heute in Verbindung mit dem Antisemitismus von Richard Wagner, seinem Urgroßvater, und den engen Kontakten der Familie Wagner zu Hitler auseinander. Er promovierte mit einer Arbeit über Kurt Weill und Bertold Brecht. Besonders ist er nach der Katastrophe des NS-Massen und Völkermords an ethischen Fragen interessiert. Für seine humanitären, musikwissenschaftlichen und musiktheatralischen Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Seit 1983 lebt Gottfried Wagner in Italien.

Abraham J. Peck, leistete Pionierarbeit als Historiker im Bereich der Geschichte von Holocaust-Überlebenden und der jüdischen Internierungslager (Jewish DPNach 1945 Bezeichnung der Alliierten für die im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland verschleppten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen, heimat- und staatenlosen jüdischen Überlebenden der befreiten Lager sowie nichtdeutschen Flüchtlinge aus Osteuropa, zusammen ca. 8,5 Millionen Menschen. DP-Lager bestanden nach 1945 vielfach für einige Jahre in ehemaligen NS-Lagern bis zur Auswanderung, Repatriierung oder Einbürgerung der D.P.-Camps) nach 1945. Der aus dem Schtetl Linshits in der Nähe von Lodz gebürtige Vater Abraham Pecks wurde nach einem Leidensweg durch zahlreiche NS-Lager bis auf das Skelett abgemagert von sowjetischen Soldaten in Theresienstadt60 km von Prag. Nach der dt. Besetzung Umsiedlung der Einwohner, Errichtung eines Ghettos für jüdische Prominente u. Künstler aus Böhmen u. Mähren sowie ca. 15.000 Kinder. Ab Juli 1942 Vortäuschung als Altersghetto für dt. Juden u. "Privilegierte", in Wirklichkeit KZ. Durchgangsstation für Deportationen nach Auschwitz. Gesondert bestand ab 1940 in der "Kleinen Festung" eine KZ-Haftstätte für ca. 32.000 politische Gefangene und Juden. Von 141.000 nach T. Deportierten starben dort 33.500, insgesamt kamen 118.000 ums Leben. Befreiung am 8.5.1945 durch die Sowjetarmee. befreit. Die Mutter Anna hatte Auschwitz, anschließend das KZ Flossenbürg überlebt und wurde von amerikanischen Truppen in Böhmen befreit.

Peck war Direktor der wissenschaftlichen Forschung der American Jewish Historical Society in New York City, Direktor des Holocaust Museums Houston und Verwaltungsdirektor des American Jewish Archives in Cincinnati/Ohio.Er ist derzeit Direktor des akademischen Beirates für Christlich-Jüdisch-Islamische Post-Holocaust-Studien an der Universität von Southern Maine in Portland/USA, lehrt dort im Fachbereich Geschichte und ist als amtierender Wissenschaftler für Judaistik am Sampson Center für Diversity mit Schwerpunkt Überwindung von religiösen Konflikten tätig.