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Dem Verbrechen auf der Spur

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Imanuel Baumann: Dem Verbrechen auf der Spur - Eine Geschichte der Kriminologie und Kriminalpolitik in Deutschland 1880 bis 1980 (Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 13). (2006) Wallstein Verlag Göttingen, 430 S., 46,00 €

Das Thema ist in der Tat ein Desiderat der Forschung. Erstmals wird die Kriminologie – die Wissenschaft vom Verbrechen - in Theorie und Praxis, von ihren Anfängen um 1880 bis in gegenwärtige Entwicklungen hinein untersucht und bleibt nicht nur auf die Zeit von 1933 bis 1945 beschränkt.

Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich die Naturwissenschaften in den westlichen Ländern zunehmend mit möglichen biologischen Ursachen von Verbrechen und sozial abweichendem Verhalten. Unter dem Einfluss des rassenhygienischen Diskurses in der Medizin, Anthropologie und Psychiatrie, entwickelten Juristen und Strafrechtspraktiker Theorien von vermeintlich angeborener und vererbbarer Kriminalität.

Dem sozialen Milieu eines Straftäters kam aus Sicht der Kriminalwissenschaftler häufig nur eine "tatauslösende" Funktion zu. Doch erst in der NS-Diktatur konnten die Forderung nach "Unschädlichmachung" von "unverbesserlichen Gewohnheitsverbrechern" gesetzlich und praktisch umgesetzt werden. Die NS-Diktatur, die auf Grund ihrer biologistischen Rassen-Ideologie die "Reinigung des Volkskörpers" von unerwünschten bzw. "minderwertigen" Gruppen und Individuen betrieb, setzte damit bereits in der Weimarer Republik diskutierte Konzept kriminalwissenschaftlicher EugenikNach 1860 in England von Francis Galton als Eugenik bezeichnete Lehre von der Förderung des Erbguts. Die in Deutschland von Alfred Ploetz und Wilhelm Schallmeyer nach 1890 mit einer radikaleren Zielsetzung unter dem Begriff Rassenhygiene propagierte Steuerung der Fortpflanzung durch "Auslese" und "Ausmerze" bereitete bei den deutschen Ärzten den Boden für die Akzeptanz der nationalsozialistischen Gesundheits- und Bevölkerungspolitik, die mit Zwangssterilisation und Heiratsverboten begann und im "Euthanasie"-Programm und Völkermord endete. um. Das Ziel der Resozialisierung verschwand für Jahre aus der Kriminalpolitik. An seiner Stelle wurde die Sicherungsverwahrung exzessiv angewandt. Doch keineswegs bedeutet 1945 eine entscheidende Zäsur im kriminologischen Denken.

Dem Autor Imanuel Baumann geht es darum, das Verhältnis von durchgängigen Kontinuitätslinien und spezifisch nationalsozialistischen Ansätzen zu beschreiben. Allerdings beschränkt sich seine Studie nur auf die alte Bundesrepublik und exemplarisch den Raum Freiburg. Er analysierte hierzu Aktenbestände der Justiz und kontrastierte sie mit biographischen Studien einzelner Rechtshistoriker und forensischer Gutachter. So entsteht z.B. ein aufschlussreiches Soziogramm des Oberregierungsmedizinalrat Dr. Paul Riffel, der als Mediziner die kriminalbiologische Sammelstelle in Freiburg leitete und während der NS-Zeit für Sterilisierungen von Gefangenen in Baden und Hessen verantwortlich war.

Nach dem Ende des Kriegs arbeitete er als Medizinalreferent im Badischen Justizministerium und bildete Aufseher für Strafanstalten aus. Baumann interessiert sich vor allem für das Menschenbild und Gesellschaftsverständnis kriminologischer Autoren und untersucht etwa die in Gutachten verwendeten Begrifflichkeiten wie "minderwertig" und "nicht ganz vollwertig" für die Zeit vor und nach 1945.

Erst ab dem Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts begann sich das kriminologische Denken der Fachleute langsam zu wandeln. Mit Kriminalbiologie teilweise eng verbundene nationalsozialistische Ansätze wurden im Zuge der schrittweisen Sensibilisierung gegenüber der NS-Vergangenheit in den sechziger und frühen siebziger Jahren revidiert und überkommene kriminalwissenschaftliche Deutungen kritisiert. Auf der Suche nach Alternativen beriefen sich Kriminalwissenschaftler zunehmend auf soziologische und psychoanalytische Erklärungsmodelle. Der Weg wurde frei, Kriminalität als ein gesellschaftlich-normatives Phänomen zu interpretieren.

Doch die Vorstellung, dass weitgehende Therapierbarkeit von Straftätern schließlich Sicherungsverwahrung unnötig machen würde, wurde bereits Ende der siebziger Jahre wieder in Zweifel gezogen. Inwieweit die Meinungen der allgemeinen Bevölkerung damit einhergingen, bleibt jedoch leider unerörtert. Tendenziell ist jedenfalls gegenwärtig, so der Autor, in der Kriminologie eine gegenläufige Bewegungen feststellbar, die biologisch- genetische Zusammenhänge wieder stärker betont.

Für diese Debatte insbesondere mit Blick auf die Perspektiven des Jugendstrafrechts, aber auch hinsichtlich der Geschichte der Kriminologie in der DDR wäre eine Weiterführung der Forschungen äußerst wünschenswert. Der Autor, Imanuel Baumann, Jg.1974, promovierte mit dieser Untersuchung 2004 am historischen Seminar der Universität Freiburg. Seit 2005 ist er Mitarbeiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald1937 als Konzentrationslager auf dem Ettersberg bei Weimar (Thüringen) eröffnet für politische Oppositionelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma sowie Strafgefangene, auf Grund der Verhaftungen zur "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" ("Asoziale"). Ende 1938 kamen Tausende Juden dazu. Von den ca. 250.000 Häftlingen in Buchenwald und den 130 Nebenlagern starben ca. 65.000. Ab Mitte 1938 organisierten die politischen Häftlinge den Lagerwiderstand. Buchenwald gehörte zu den wenigen Lagern, in denen die Häftlinge vor der Befreiung durch US-Truppen am 11. April 1945 revoltierten. und Mittelbau-Dora.