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Call for Papers: Dissonantes Erinnern. Umkämpft, verhandelt, ausgegrenzt: Erinnerungen an den Nationalsozialismus, den Holocaust, den Zweiten Weltkrieg und seine Folgewirkungen

In den letzten Jahren haben sich Formen der Erinnerung an den Nationalsozialismus, den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg stark verändert, u. a. bedingt durch eine zunehmende zeitliche Distanz, das Verschwinden der Zeitzeug*innen-Generation und eine Pluralisierung von Erzählungen und Erinnerungen in einer zunehmend heterogenen Gesellschaft. Diese Tagung möchte aktuelle erinnerungskulturelle
Debatten aufgreifen und diskutieren, welche Chancen und Herausforderungen daraus für die Praxis in Museen und Gedenkstätten erwachsen.

"Erinnerungskultur" wird dabei nicht als Ausdruck eines gesellschaftlichen Konsenses über Vergangenheit begriffen, sondern als vielstimmige, auch konflikthafte und "dissonante" Auseinandersetzungen, die von unterschiedlichen Wahrnehmungen, jeweils aktuellen (widerstreitenden) Ideologien und Machtverhältnissen geprägt werden. Damit steht auch die Frage im Fokus, wessen Erinnerungen und wessen Erbe jeweils nicht repräsentiert wird. Wer hat das ökonomische und kulturelle
Kapital, die eigene Sicht auf die Vergangenheit durchzusetzen, und wer wird auf welche Weise aus einer gemeinsamen Geschichtsdarstellung ausgeschlossen? Wer gilt als legitimiert, über zentrale Ereignisse zu sprechen und welche Gruppen können sich (wann) mit unterstützenden oder divergierenden Erzählungen Gehör verschaffen? In welcher Weise können sich aber auch unterschiedliche Erinnerungskulturen in ihrer
Artikulation gegenseitig befruchten und verstärken? Und wie können diese Prozesse für die Vermittlung in Museen oder Gedenkstätten fruchtbar gemacht werden? 

Die Tagung untersucht materielle und immaterielle Formen der Erinnerung an den Nationalsozialismus, den Holocaust, die deutschen Besatzungen im Zweiten Weltkrieg. Dabei sollen Erkenntnisse aus der Forschung mit Überlegungen und Erfahrungen aus der Praxis von Museen und Gedenkstätten verbunden werden. Thematische Schwerpunkte können z.B. sein:

  • Theoretische Zugänge zum Feld der Erinnerungskultur: Welche Vorstellungen vom Zusammenhang zwischen Politik, Nation, Gesellschaft(en) und Erinnerung liegen unterschiedlichen Begriffen wie "Erinnerungskultur", "Geschichtspolitik" oder "kollektives Gedächtnis" zugrunde? Welchen Blickwinkel haben diese Theorien auf die Konstruktion und die Bedeutung sinn- und identitätsstiftender Erzählungen in Hinblick auf den Nationalsozialismus, den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg?
  • Wie stehen nationale, regionale und lokale Erinnerungskulturen zueinander? Welches Geschichtsbild liegt ihnen jeweils zugrunde, wieweit beziehen sie sich aufeinander und welche Akteur*innen sind (nicht) an der Produktion beteiligt? Welche divergierenden Erzählungen gibt es auf den unterschiedlichen Ebenen, die jeweils aufgenommen, transformiert oder abgewiesen werden? Welche Medien und Formen der Erinnerung werden jeweils genutzt?
  • Wie organisieren - in unterschiedlichen Ländern - unterschiedliche Institutionen wie Museen und Gedenkstätten die Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg? Wird ein hegemoniales Narrativ als gemeinsame Geschichte verbindlich repräsentiert? Können (daneben) "dissonante" Werte und "kulturelle Erbschaften" eingebracht und institutionalisiert werden, die Differenzen ansprechen (Ethnizität, Nationalität, Klasse, Geschlecht etc.) und wenn ja, in welcher Form? 
  • In welcher Weise können Erinnerungen und Erinnerungskulturen Migrierender Erzählungen über den Nationalsozialismus, den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg transformieren, unterstützen oder herausfordern? Was verändert sich, wenn wir Erinnerungskulturen nicht als ethnisch homogen betrachten, sondern wenn transnationale Perspektiven im Vordergrund stehen?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, "dissonante" Erinnerungen in Museen und Gedenkstätten fruchtbar zu machen? Welche Überlegungen zu "inklusiven" Narrativen gibt es? Nach welchen Kriterien werden "dissonante" Erzählungen ausgewählt, welche Zielgruppen werden angesprochen und welche Erfahrungen sind damit gemacht worden?
  • Welche Möglichkeiten des Umgangs gibt es mit den "dissonanten", aber hegemoniale Bedeutung anstrebenden Geschichtsbildern der extremen Rechten? Wieviel diskursive Offenheit ist nötig und möglich und wieweit verändert dies Forschungsarbeiten sowie die Praxis in Museen und Gedenkstätten?

Für angenommene Referentinnen und Referenten werden Reisekosten (Bahnfahrt, 2. Klasse)  und die Übernachtungskosten übernommen.

Bitte reichen Sie Ihre Vorschläge für Redebeiträge in Form einer Themenskizze im Umfang von maximal 400 Wörtern zusammen mit kurzen biographischen Stichworten bis zum 1. Februar 2020 unter der

Emailadresse: tagung-zfe [at] stadt-duisburg [dot] de 

ein.

Datum

29.10.2020 – 30.10.2020

Ort und Veranstalter

Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie
Karmelplatz 5
47051 Duisburg

 

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