Förderprogramm

Ausschreibung "Projekte zur Erarbeitung pädagogischer Materialien zur Verflechtung der Geschichte des Nationalsozialismus mit der Geschichte des Nahen Ostens"

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts bewegen die Themen Globalisierung und Migration verstärkt wissenschaftliche und pädagogische Diskussionen über einen zeitgemäßen Umgang mit Geschichte. Inzwischen liegen vielfältige Erkenntnisse zu transnationalen Fragestellungen vor: zur Globalgeschichte, aber auch zur Verflechtungs- oder Beziehungsgeschichte von sozialen und politischen Entwicklungen im 20. und 21. Jahrhundert. Damit wird die Vorgeschichte unserer weltweit vernetzten Gegenwart
sichtbar, werden nationalgeschichtliche Engführungen überwunden und neue Deutungen für die historisch-politische Bildung verfügbar. Unter aktiver
Mitwirkung zivilgesellschaftlicher Akteure entstehen neue und partizipative Bildungsangebote, veränderte Narrative mit erweiterten Geschichtsbezügen und oftmals auch kritische Interventionen zu etablierten Perspektiven. Mit den jüngsten Fluchtbewegungen nach Europa und insbesondere nach Deutschland haben solche transnationalen Zugänge noch einmal verstärkt an Bedeutung gewonnen.

In diesen gesellschaftlichen Prozessen sieht die Stiftung EVZ wichtige Anregungen auch für die Bildungsarbeit zur Geschichte und Verarbeitung des Nationalsozialismus und für die weitere Entwicklung der Erinnerungskultur in Deutschland und Europa. Anknüpfend an die Ausschreibung eines verflechtungsgeschichtlichen pädagogischen Materials zum Thema Nationalsozialismus und Kolonialismus im Jahr 2015 möchte die
Stiftung daher zwei weitere Projekte fördern, die wissenschaftliche Erkenntnisse in pädagogische Bildungsmaterialien übersetzen.

Verflechtungsgeschichtliche Perspektiven setzen voraus, dass größere historische Ausschnitte über die Jahre 1933 bis 1945 hinaus und ebenso größere Räume in den Blick genommen werden. So geht es zum einen um die Verflechtungen zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich bzw. der modernen Türkei, zum anderen um die verflochtene deutsch-jüdisch-arabische Geschichte des Nahen Ostens, jeweils in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zentrale Bezugspunkte für die Entfaltung verflechtungsgeschichtlicher Fragestellungen sollen dabei die Geschichte des Nationalsozialismus, die deutsch-jüdische Geschichte sowie Fragen nach der Entwicklung von Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus sein.

Vor diesem Hintergrund schreibt die Stiftung die Förderung von zwei Projekten aus, die - wissenschaftlich begründet - pädagogische Materialien für die historisch-politische Bildung zu jeweils folgendem Thema erarbeiten:

1. Verflechtung der deutschen Geschichte mit der Geschichte des Osmanischen Reiches bzw. der modernen Türkei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

2. Verflechtung der deutschen Geschichte mit der Geschichte des arabisch-jüdischen Nahen Ostens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Für die Entwicklung dieser Materialien stehen jeweils bis zu 150.000 Euro zur Verfügung. Obwohl beide Themen eng miteinander zusammenhängen ist vorgesehen, zwei verschiedene Projekte zu fördern. Die Stiftung will damit unterschiedlichen Zugängen bei der Entfaltung verflechtungsgeschichtlicher Fragestellungen für die pädagogische Praxis Raum geben. Dabei wird gleichwohl die Bereitschaft beider für die Förderung ausgewählten Projekte vorausgesetzt, sich zu Beginn abzustimmen, um größere Überschneidungen zu vermeiden und wechselseitige Bezugspunkte oder auch Synergieeffekte zu identifizieren.

Die Materialien sollen in digitaler Form (Texte, Zeitleisten, Grafiken, Fotos, Karten, Videos u. ä.) erstellt werden und im Rahmen der hier ausgeschriebenen Förderung in Hinblick auf ihre Zielgruppenadäquatheit erprobt sein. Die für eine Verbreitung im Internet ggf. erforderlichen Rechte sind im Rahmen des Projektes einzuholen bzw. zu erwerben. Für die anschließende Verbreitung ist ggf. eine gesonderte kleine
Anschlussförderung möglich, die nicht Teil dieser Ausschreibung ist.

Die Stiftung geht davon aus, dass die Projekte in ihrer Anlage folgende Gesichtspunkte berücksichtigen: Die Materialien

  • sollen Multiplikatoren der schulischen und außerschulischen Bildung (Zielgruppe) in die Lage versetzen, konkrete Bildungsprojekte zu entwickeln und durchzuführen.
  • stellen dafür auch historische Quellen bereit, die unterschiedlichen Perspektiven repräsentieren und in angemessener Weise quellenkritisch eingeführt werden.
  • thematisieren Prägungen gegenwärtiger Gesellschaften durch jeweils vorherrschende/ dominante Erinnerungen an diese Geschichte.
  • brauchen in thematischer Hinsicht nicht umfassend zu sein, sondern sollen verflechtungsgeschichtliche Narrative aufdecken und entwickeln, die dominante (z.B. nationalgeschichtliche) Narrative in bedeutsamen Punkten ergänzen, in Frage stellen oder korrigieren. Hierzu werden entsprechende Thesen im Antrag erwartet. Dabei sind offen für künftige Erweiterungen um andere Inhalte bzw. Materialien nach Projektabschluss.
  • sind dem Beutelsbacher Konsens und insbesondere dem Kontroversitätsgebot verpflichtet.
  • enthalten Hinweise auf im jeweiligen Feld aktive zivilgesellschaftliche Initiativen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie auf relevante Ausstellungen bzw. Museen.
  • werden unabhängig von einer Anschlussförderung für ihre Verbreitung von den Projektträgern mindestens fünf Jahre aus Eigenmitteln online präsent gehalten.

In der Konzipierung und Umsetzung der Projekte werden in geeigneter Weise

  • Akteure einbezogen, die neben wissenschaftlichen Perspektiven auch unterschiedliche zivilgesellschaftliche Perspektiven repräsentieren.
  • potentielle Anwender einbezogen, d. h. Multiplikatoren der schulischen und außerschulischen Bildung.
  • die Materialien getestet und dabei gewonnene Erkenntnisse berücksichtigt.

Unter einem "verflechtungsgeschichtlichen Ansatz" wird eine Bezugnahme auf historische Prozesse verstanden, die sich - zeitgleich oder zeitversetzt - in wesentlicher Weise wechselseitig beeinflusst haben.

Vergleichsgeschichtliche Ansätze (wie etwa Vergleiche historischer Konstellationen, Systemvergleiche, Genozidvergleiche u. ä.) sind mit dieser Ausschreibung nicht intendiert. Nicht gefördert werden Projekte, die allein oder überwiegend künstlerische, wissenschaftliche, dokumentarische oder politische Prozesse anregen sollen.

Antragstellung

  • Gefördert werden können rechtsfähige Organisationen: Vereine, Agenturen, lokale Einrichtungen, Verbände, Institute, Hochschulen oder Verlage. Das Vorhaben darf nicht gewinnorientiert sein. Einzelpersonen können nicht gefördert werden.
  • Die Stiftung geht davon aus, dass diese Vorhaben jeweils in enger Kooperation mit verschiedenen Akteuren realisiert werden. Pro Projekt kann allerdings eine Bewilligung nur an eine Organisation erfolgen. Die Kooperationspartner des jeweiligen Projektes sollten zum Zeitpunkt der Antragstellung verbindlich feststehen.
  • Es werden Eigenleistungen der antragstellenden Organisation oder ihrer Kooperationspartner erwartet.
  • Die Stiftung erbittet darüber hinaus bereits jetzt konzeptionelle Überlegungen zur Verbreitung und mittelfristigen Implementierung des Materials nach Projektabschluss und den diesbezüglichen Möglichkeiten bzw. Eigenleistungen der Antragsteller bzw. Partner. Entsprechende Kosten sind nicht Teil dieser Ausschreibung sondern können ggf. im Rahmen der erwähnten Anschlussförderung beantragt werden.

Modalitäten des Ausschreibungsprozesses und der Förderung

  • Es sollen je ein Projekt, d. h. insgesamt zwei Projekte gefördert werden.
  • Unterschriebene Anträge sind bis zum 01. Juli 2016 bei der Stiftung einzureichen. Es gilt das Datum des Poststempels. Überdies müssen die Anträge bis einschl. 01. Juli 2016 bei der E-Mail verflechtungsgeschichte [at] stiftung-evz [dot] de eingehen.
  • Für die Antragstellung ist der projektspezifische Vordruck der Stiftung zu verwenden. Bitte verwenden Sie dafür das Antragsformular sowie Kosten- und Finanzplanformular der Stiftung EVZ. (ab 20. April 2016 unter www.stiftung-evz.de/projekte/aktuelle-ausschreibungen)
  • Für die Förderung der ausgewählten Projekte stellt die Stiftung EVZ jeweils bis zu 150.000 Euro zur Verfügung. Es können damit Personal- und Sachkosten gefördert werden, ebenso Ausgaben für fachliche Beratung.
  • Bei der Förderentscheidung wird die Stiftung Empfehlungen einer unabhängigen Fachjury berücksichtigen.
  • In der ersten Septemberhälfte werden gegebenenfalls Gespräche mit ausgewählten Antragstellern geführt. Bis Anfang Oktober 2016 müssen alle Fragen zum Projektvorhaben abschließend geklärt sein, damit im Dezember eine Projektbewilligung ausgesprochen werden kann.
  • Die Projekte können im zweiten Quartal 2017 beginnen und sollen im dritten Quartal 2018 abgeschlossen sein. 

 

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