Von Anne Lepper

Glücklich zu sein auch wenn im Prinzip alles dagegen spricht, das hat Ceija Stojka in ihren achtzig Lebensjahren gelernt. „Wir sind ein Volk, das in Verzweiflung tanzen und singen kann“, sagt sie im Jahr 2000 in einem Interview, und man weiß, dass sie aus Erfahrung spricht.
Ceija Stojka wird wenige Tage, nachdem die Nationalsozialisten im Deutschen Reich die Macht übernommen haben, in Österreich geboren. Acht Jahre später, nachdem Österreich zur „Ostmark“ und Sinti und Roma zu einer verfolgten Minderheit geworden sind, wird sie – zusammen mit zahlreichen Familienangehörigen – nach Auschwitz verschleppt. Der Vater ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot, ermordet im bayerischen Konzentrationslager Dachau. Ceija überlebt die Monate in Auschwitz-Birkenau, wird von dort nach Ravensbrück und später nach Bergen-Belsen deportiert. Dort wird sie – nach grauenvollen Monaten zwischen Toten und Sterbenden – im April 1945 von den Alliierten befreit.
In dem 1999 erschienenen Dokumentarfilm von Karin Berger erzählt Ceija Stojka ihre Geschichte, die weder in Auschwitz-Birkenau beginnt noch dort endet. Stojka, inzwischen ausgezeichnete Schriftstellerin, Künstlerin und erfahrene Zeitzeugin, legt Wert darauf, nicht ausschließlich als Überlebende der nationalsozialistischen Lager gesehen zu werden.

Eine glückliche Kindheit

Ceija Stojka wächst in einer den Lovara-Roma angehörigen Großfamilie auf. Gemeinsam mit den Eltern, die mit dem Pferdehandel ihr Geld verdienen, reisen Ceija und ihre Geschwister im Wagen durch Österreich. Später, in ihrem Leben als Künstlerin, werden die Bilder jener Zeit das glückliche Gegenstück zu jenen aus Auschwitz und Bergen-Belsen bilden.
Im Film von Karin Berger widmet sich die inzwischen pensionierte, 66-jährige Stojka beiden Lebensabschnitten und lässt mithilfe von Fotografien, Orten und eigenen Malereien die Erinnerungen wiederkehren. Sie erzählt dabei aus der Perspektive des achtjährigen Kindes, das schutz- und fassungslos Opfer und Zeuge der nationalsozialistischen Verfolgung und des Massenmords wird. Doch im Film wird ebenso deutlich: Stojka blieb nicht ihr Leben lang das Opfer, zu dem sie die Nationalsozialisten machten. Nach der Befreiung kehrt sie nach Österreich zurück, arbeitet trotz aller Widerstände als selbstständige Teppichhändlerin und zieht mehrere Kinder groß. Sie schaut weiter nach vorne, trotz der alten und neuen Rückschläge. Als ihr Sohn Jano an den Folgen seiner Rauschgiftsucht stirbt, zwingt sie sich aus Verantwortung für ihre anderen Kinder dazu weiterzumachen.
Aufrichtig und berührend spricht Stojka im Film über all diese Stationen, Wendepunkte und Sackgassen ihres Lebens und es entsteht ein einfühlsames Portrait einer Frau, der es gelungen ist, sich trotz allem ihre Lebensfreude und ihren Optimismus zu bewahren. Wie schwierig das mitunter war und ist, wird im Gespräch mit den Familienangehörigen deutlich, in dem grassierender Antiziganismus und persönliche Diskriminierungserfahrungen eine bittere Realität abbilden.

Unter den Brettern hellgrünes Gras

Ein weiterer, 2005 erschienener Dokumentarfilm stellt gewissermaßen einen Nachtrag zu dem Portrait von 1999 dar. Darin widmet sich Ceija Stojka den Monaten des Jahresbeginns 1945, in denen sie im isolierten Lager Bergen-Belsen auf den Tod oder die Befreiung wartete. Wie Ceija gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zwischen Bergen von Leichen, Krankheiten und tödlichem Hunger überlebte, beschreibt Stojka in ausführlichen Gesprächen mit der Filmemacherin. Ceija Stojka, die wie viele Überlebende jahrelang nach vorne blickte um weiterleben zu können, wagt in dem Film noch einmal einen Blick zurück.

Wünsche an die Welt

„Und viele Jahre danach, als wir freikamen, war es sehr schwer, wieder in die Welt zu finden. In die schöne Welt. Wo das Grüne wächst. Wo kein Mensch uns bedroht, der uns wieder umbringt. Die Angst ist immer in uns. Es gelang mir nie, das zu vergessen. Nie. Und solange ich leben werde, werde ich daran denken, was sie mit uns gemacht haben, der Hitler und seine Leute. Ich wünsche von der Welt, dass die Leute aufpassen und mit offenen Augen durch die Welt gehen. Und schauen, dass sich so etwas nie mehr ereignet.“ (Ceija Stojka, 1999)
Ceija Stojka lebt nicht mehr. Sie ist am 28. Januar 2013 in ihrer Wahlheimat Wien gestorben. Die beiden Filme über sie sind sowohl Zeugnis als auch Erbe eine außergewöhnlichen Frau, die viel erlebt hat und ebenso viel zu sagen hatte.

Durch die direkte und aufrichtige Art, mit der Ceija Stojka in den Dokumentarfilmen ihre Geschichte erzählt, eignen sich beide zur Behandlung im Unterricht der Sekundarstufen I und II. Es bietet sich jedoch an, statt der kompletten Filme nur einige Szenen gezielt anzusehen, und diese anschließend gemeinsam zu besprechen.
Die Doppel-DVD mit den Filmen „Ceija Stojka“ und „Unter den Brettern hellgrünes Gras“ kann über den österreichischen Vertrieb Hoanzl für 9,99 Euro bestellt werden.

 

 

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